Buenos Aires

Auf Diego Maradonas Spuren in Argentinien

Wer Buenos Aires und seine Einwohner verstehen will, muss einmal ein Spiel im Stadion "La Bombonera" sehen. Eine Reise im Zeichen des Fußballs.

Nach La Boca mit dem öffentlichen Bus? "Das ist mir zu gefährlich", sagt Pablo, bremst abrupt ab und bleibt mitten in Buenos Aires auf der Straße stehen. Er zückt den Reiseführer und liest vor: "Einige Ecken sind ziemlich übel und für Touristen nicht geeignet." Dabei ist doch dieser Stadtteil einer der Hauptgründe, warum wir überhaupt hier sind: Dort steht das Stadion der Boca Juniors, eines der berühmtesten Fußballvereine Argentiniens.

Pablo ist mein Sohn, 14 Jahre alt und Fußballer beim SC Nienstedten in Hamburg. Sein großer Wunsch war, einmal durch die Heimat von Lionel Messi und Diego Maradona zu reisen. Was gut zu meinen Südamerika-Plänen passte. Zusammen wollten wir herausfinden, welche Rolle der Fußball im Alltag der Argentinier spielt - und was sonst noch eine Reise lohnt.

Als wir - nach langer Diskussion - endlich in La Boca ankommen, sind Pablos Bedenken schnell vergessen. Statt finsterer Gangster herrscht dort eine Stimmung wie auf dem Hamburger Dom. Das Viertel, bekannt auch für seine bunt bemalten Fischerhäuser, ist voller Touristen, die sich durch die Fußgängerzone drängeln und Tango tanzende Paare oder Künstler vor ihrer Staffelei fotografieren. Während ich am liebsten flüchten würde, fängt Pablo an, sich zu entspannen: "War wohl etwas übertrieben, was im Reiseführer stand."

Auf einer Wand sind alle Spieler jeweils mit Foto und Lebenslauf verewigt

Ein Kellner erklärt uns den Weg zum Stadion. Es liegt angeblich nur fünf Minuten Fußweg entfernt. Aber kaum biegen wir um die Ecke, ist schon kein Tourist mehr zu sehen. Stattdessen lehnen sich schiefe, rostige Wellblechhütten an zugenagelte und grau verwitterte Kolonialhäuser. Jugendliche in löchrigen Jogginghosen zerren Schaumstoffmatratzen aus einem Müllcontainer. Haben wir uns etwa verlaufen?

Pablo bleibt erstaunlich cool und entscheidet: "Den Nächsten fragen wir einfach." Das ist ein Argentinier im Blaumann auf dem Fahrrad, der sofort anhält und lächelt: "Ihr müsst nur einen Block weiter gehen, dann ist die ,La Bombonera' nicht mehr zu übersehen." Dafür will er wissen, woher wir kommen und warum wir hier sind. Schon sind José, der Mopedmechaniker, und Pablo, der Junge aus Hamburg, in ein Fußballer-Fachgespräch vertieft. Alle, die wir auf unserer Reise treffen, können stundenlang über ihr Lieblingsthema reden, jeder ist Experte, kennt sämtliche Ligen und Spieler und erklärt spätestens nach zwei Minuten, welcher sein Lieblingsverein ist und warum.

Im Stadiongebäude, der "Pralinenschachtel", gibt es auch ein Museum mit Trophäen für Titel, die der Verein im Laufe seiner über 100-jährigen Geschichte erkämpft hat. Früher mit Diego Maradona, heute mit Kapitän Roman Riquelme. Auf einer fast zehn Meter langen Wand sind alle Spieler jeweils mit Foto und Lebenslauf verewigt. Über zwei Stockwerke verteilt hängen sämtliche Trikots der Boca Juniors; das der berühmten "El Diez", der Nummer 10, sogar handsigniert hinter Glas. Auf unzähligen Videos sind die legendärsten Spiele und Tore zu besichtigen.

Irgendwann ist aber ein Ausflug in das Innere des Stadions interessanter. "Das ist ja viel kleiner als die Imtech-Arena", stellt Pablo enttäuscht fest. Dabei fasst die Bombonera mehr als 57 000 Zuschauer, davon sind allerdings, wie meistens in Argentinien, mehr als ein Drittel Stehplätze. Zudem sitzen an vielen Stellen die Zuschauer nur knapp zwei Meter vom Spielfeldrand entfernt. Das spart Platz.

Heute ist es aber nur leer, heiß und laut. Mit zwei Laubföhnen werden Papierschnipsel und Plastiktüten von den Rängen gepustet. Die letzten Zeugen einer denkwürdigen Begegnung zwischen den Boca Juniors und dem Erzrivalen Independiente. Mit 4:5 haben sie verloren. Wir konnten die Partie am Abend zuvor problemlos am Bildschirm verfolgen. In Argentinien hängt nämlich in jedem Lokal mindestens ein großer Flachbildschirm über dem Tresen. Das gehört zum Service dazu wie die Medialuna, das argentinische Croissant, zum Café con Leche. Erst kürzlich hat die argentinische Regierung entschieden, dass sämtliche Spiele wieder im Free-TV übertragen werden müssen.

So sind wir ständig bestens informiert: über Messis Torrekorde bei Barcelona, die aktuellen Ergebnisse aus Argentiniens Primera Division und die Siege von Bayern München in der europäischen Champions League. "Fútbol para Todos" heißt eine der Hauptsendungen. Pro Spiel sind immer zwei Kommentatoren im Einsatz. Geredet wird abwechselnd ohne Pause. Einer konzentriert sich auf die aktuellen Spielzüge, der andere widmet sich der Hintergrundberichterstattung. Und jedes "Goooooooool" wird mindestens fünf gefühlte Minuten lang mehr gesungen als gerufen.

+++Der Rhythmus von La Boca+++

Spätestens nach dieser Partie ist klar: Wir müssen ein Fußballspiel im Stadion besuchen. Ganz einfach ist das allerdings nicht. Die meisten Eintrittskarten sind für Einheimische reserviert. Also buchen wir über eine Reiseagentur ein Spiel der Copa Libertadores, der lateinamerikanischen Champions League. Leider ist eine Terminabsprache, wie generell in Argentinien, ungefähr so mühselig wie aktuell der Klassenerhalt für den HSV. Deshalb bleibt noch Zeit, in die 300 Kilometer entfernte Stadt Rosario zu fahren. Hier steht nicht nur das Geburtshaus von Ernesto "Che" Guevara, sondern auch das von Lionel Messi. Natürlich machen wir uns auf den Weg zum Stadion der Newell's Old Boys. Stolz zeigt uns ein Mitarbeiter die Ehrentribüne für Diego Maradona. Er kam 1994, nachdem er in Europa war, hierher zurück. Dick und fett steht sein Name über der rotschwarzen Fankurve. Über Messi, der hier auch gespielt hat, fällt indes kein Wort. Ihm gegenüber haben die Argentinier ein eher gespaltenes Verhältnis - weil er schon mit 13 Jahren zum FC Barcelona wechselte und in der Nationalmannschaft bisher nicht besonders glänzen konnte. Diegos Tor mit "Gottes Hand" von 1986 gegen England ist dagegen unsterblich.

Fußball gehört zur Großfamilie wie in Deutschland das Schwarzbrot

Endlich ist es so weit. Mit acht anderen Ausländern sind wir in einem Kleinbus unterwegs zum Stadion "El Fortín" in Buenos Aires, das schon 1978 die Weltmeisterschaft ausrichtete. Es treten an: Vélez Sarsfield (Platz drei der Ersten Liga) und Quito Deportivo, viermaliger Fußballmeister von Ecuador. Bevor es losgeht, weist uns Rob, der Reiseleiter, in die Sicherheitsbestimmungen ein. "Im Stadion ist Alkohol verboten. Verkauft werden nur Limo oder Wasser." Die Sicht auf den Platz ist fantastisch. Statt eines Zauns vertrauen die Argentinier hier wie bei Hagenbecks Tierpark auf einen Graben zwischen Tribüne und Rasen. Heute wollen die Fans ihren Verein siegen sehen. "Schlimm genug, dass wir das Hinspiel mit 3:0 verloren haben", erklärt Sitznachbar Alfonso. Er hat ein Saisonticket und ist mit Vater und Sohn gekommen. Pablo bemerkt dagegen anerkennend: "Hier sind ja viel mehr Frauen und Mädchen als beim HSV." Fußball gehört in Argentinien eben zur Großfamilie wie in Deutschland das Schwarzbrot.

Das Stadion tobt. Den Rhythmus geben mehrere lastwagenradgroße Trommeln vor. Das Absingen diverser "Cantitos de la hinchada" (Fangesänge) wechselt sich 90 Minuten lang mit heiser gebrüllten übelsten Beleidigungen in Richtung Gegner und Schiedsrichter ab. Für Pablo eine Vokabelstunde ganz anderer Art. Trotzdem ist die Stimmung nie wirklich aggressiv.

Zwischendrin ist auch immer wieder "Burro, Burro!" (Esel) zu hören. "Das klingt aber harmlos", wundert sich Pablo, bis ihm Alfonso erklärt, das sei der nett gemeinte Spitzname seines Lieblingsspielers: Juan Martinez. Der schießt in der 88. Minute endlich das erste Tor. Prompt versinken wir unter einem tribünenübergreifenden Banner. Als die Sicht wieder frei ist, hat Vélez gewonnen. Absolut gesittet erfolgt der Abzug. Zuerst dürfen die Gäste gehen - und erst danach die einheimischen Fans. Uns bleibt nur noch ein Freitag bis zum Rückflug. "Mit das Beste in Argentinien ist die Zeitdifferenz", sagt Pablo, "dadurch kann ich die Bundesliga schon morgens per Liveticker auf dem Handy verfolgen." Fünf Minuten später ist er nicht mehr ansprechbar, weil die Partie des HSV beginnt.

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