Nordindien: Unterwegs im Land der Königssöhne

Rajasthan - ein Turban voller Legenden

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Das schöne, schwierige Land erschließt sich am einfachsten über die Orte, die den Klischees entsprechen. Und in denen Farbenpracht und Bauwerke den Besucher in ihren Bann ziehen.

Den ganzen Tag über hat der heiße Wüstenwind die Haut und die Augen mit Sand verklebt. Und jetzt, am frühen Morgen, kriecht die Kälte ins Zelt; die Fahrer, der Koch, die Helfer, sie hocken draußen um ein Feuer, in Decken gehüllt, und ziehen an ihren Beedhis, den starken, dunklen indischen Zigaretten. Sie blasen den Rauch in ihre gewölbten Hände und wärmen sich auch auf diese Weise.

Unterwegs in Rajasthan, der legendenverklärten Wüstenprovinz im Nordwesten Indiens, unterwegs nach Nagaur, zum wohl größten Viehmarkt der Welt. Das Land der Königssöhne, das sagenhafte Land der Rajputen im Nordwesten Indiens, ist für die meisten Indien-Anfänger der "Einstieg" in dieses schöne, schwierige Land. Es ist ein Wüstenstaat mit glutheißen Tagen und bitterkalten Nächten, ein Land von herber Schönheit, vor dessen gelbstaubiger Kulisse sich eine unglaubliche Farbenpracht abhebt: am auffälligsten die leuchtenden Saris der Frauen, die schönsten in ganz Indien, und die ebenso bunten Turbane der hochgewachsenen und selbstbewussten Männer.

Zum besonderen Zauber dieser Region, die allen Indien-Klischees gerecht wird, gehören die hell schimmernden Marmorpaläste der Maharajas, die "blühenden" Steine der Städte, die jeweils in ihrer eigenen Farbe glänzen, die pinkfarbene Metropole Jaipur, das blau-weiße Gassengewirr von Jodhpur, Schauplatz vieler Indienfilme, die golden genannte Wüstenfestung Jaisalmer und natürlich die weiße Stadt Udaipur.

Vor allem ihre Paläste sind Symbole für den Prunk dieser meistbesuchten Region Indiens. Mehr als tausend Jahre regierten von Udaipur aus die Herren des Sisodia-Clans das Reich Mewar. Noch immer gehört ihnen der Stadtpalast und ein Palast im Pichola-See, inzwischen ein Luxushotel, das einmal der Schauplatz des James-Bond-Films "Octopussy" war. Schon der Globetrotter Alphons Nobel schwärmte 1929 in seinem Indien-Reisebuch von Udaipur: "Wollte man sich eine indische Märchenstadt erdenken, was müsste man der Fantasie zu bauen befehligen ..."

Schließlich Jaisalmer, die Goldene, eine der magischen Städte Asiens, mitten in der Thar gelegen. Ihre Mauern heben sich wie eine Fata Morgana aus der Wüste heraus. Der Sandstein ihrer Festungsanlagen leuchtet goldgelb. In ihren Straßen und auf ihren Märkten hocken Händler auf Säcken, stolze Frauen tragen schweren und klimpernden Arm- und Gesichtsschmuck, und in manchen Gassen der Altstadt flattern Fledermäuse aus verlassenen Kaufmannspalästen. Und eine Straße weiter lässt wiederum pralles Leben die Besucher staunen: Dromedare und Kühe suchen sich dort ihren Weg, Musiker und Kleinkünstler führen einen Hochzeitszug an, wie ihn kein Film aus Bollywood exotischer hätte gestalten können.

Die Zelte im Wüstencamp sind abgebaut und auf die Geländewagen verteilt. Heißer Tee und frisches Fladenbrot haben die Kälte aus den Gliedern vertrieben. Zwei einsame Mangobäume an der Oase Mandera, irgendwo zwischen Bikaner und Jaisalmer, werfen erste lange Schatten. Die Sonne steigt rasch, und die einheimischen Männer, die diese Tour begleiten, haben sich längst aus ihren Wolljacken geschält. Am Horizont zieht eine Herde Dromedare nach Westen, dem Marktspektakel von Nagaur entgegen.

Einmal im Jahr, immer zur Vollmondzeit gegen Ende Januar oder Anfang Februar, werden in dem kleinen Ort hunderttausend und noch mehr Kamele, Rinder, Pferde und Geheimnisse gehandelt. Mit den Kameltreibern und Kaufleuten kommen auch die Handwerker, die Komödianten und heilige Männer, die nichts als Asche auf der Haut tragen. Niemand kümmert sich um die drei, vier Dutzend Touristen, die dem Zahnklempner in aller Seelenruhe bei seinem Geschäft zuschauen können, den Hufschmieden, den Barbieren und den Korbmachern. Viele der traditionell gekleideten Händler, Handwerker und Heiligen waren zwei Monate zuvor in noch größerer Zahl am See von Pushkar, einem Pilgerziel am Rande der Aravelli-Berge.

Als die Welt zu atmen begann, so geht dort die Sage, war der Hand Brahmas, des Schöpfergottes der Hindus, eine Lotusblüte entfallen, Pushkar genannt. Wo sie die Erde berührte, sprudelte Wasser aus der Wüste, der See war geboren, die Legende lebt bis heute. Und sie zieht die Massen an. Das Festival von Pushkar ist längst zum Fremdenverkehrsmagnet geworden, wesentlich touristischer als das noch sehr authentische Treiben von Nagaur.

Generell gilt: Auch in Rajasthan, dem gern verklärten Land aus 1001 Nacht, müssen die Reisenden sich auf die Kontraste und Probleme unserer Tage einlassen. So werden auf dem Wege in die märchenhaften Oasenstädte Sperrzonen passiert, hinter denen sich die Meiler der Atommacht Indien verstecken. Und in der "Times of India" war ein sorgenvoller Bericht über die zunehmende Fettsucht der Mittelstandskinder zu lesen, die sich, in einem Land, in dem noch immer Millionen hungern, zu ausgiebig mit Cola und McDonalds-Burgern ernähren. Zwei Seiten weiter wurde über blutige Glaubenskämpfe in einer Nachbarprovinz berichtet, und der Wirtschaftsteil barst vor Meldungen über den Boom im Lande, zum Beispiel über private Fluggesellschaften, die Dutzende neuer Maschinen bestellt haben, in einer Zeit, die anderswo eine Krise genannt wird.

Jaipur: Der weltberühmte "Palast der Winde" in Rajasthans Hauptstadt besteht fast nur aus Fassade. Die Busse stoppen kurz, ein Foto, noch eins, die Führer erzählen auf die Schnelle von edlen Frauen, die einst in den Erkerfenstern gehockt und das Treiben im Basar beobachtet haben sollen. Erst wer sich hinter die Mauern des schönen Scheins traut, sich in den Höfen und Gassen verliert, einen Steinwurf entfernt vom touristischen Trubel, wird in staunende Gesichter blicken, in die lächelnden der Männer mit imposanten Zwirbelbärten, in die sich schüchtern abwendenden der Frauen. Kühe und Ziegen stöbern dort im Müll, Tauben fliegen in Schwärmen davon.

Schon in alten Zeiten hat Jaipur die Reisenden fasziniert. Für John Hagenbeck, den Kaufmann, Tierfänger und Forscher aus der Hamburger Zoo-Dynastie, war es vor gut hundert Jahren "Indiens allerschönste Stadt". Er notierte zu Beginn des vorigen Jahrhunderts, was noch heute gilt: "... nirgends gibt es ein Volksleben so reich und bunt wie hier, wo ein besonders stattlicher Menschenschlag lebt und der Reisende nicht wie sonst in Indien, auf Schritt und Tritt Bilder des Elends und der Erniedrigung sieht".

Bei Chittorgarh, wo sich im 16. Jahrhundert die Rajputen vergeblich gegen die Invasion der islamischen Mogulheere gestemmt hatten - 13 000 Kriegerwitwen verbrannten sich nach der Niederlage -, wird Opium angebaut, für medizinische Zwecke, sagt der Guide. Oder, wie man im Basar hört, für die Männer draußen an den Feuern. Vielleicht träumen die Königssöhne sich damit in eine glorreiche Vergangenheit zurück, in die Zeit der Mond- und Sonnenkönige der Wüste.

Das exotische Rajasthan lebt nach wie vor, vielleicht nicht mehr so leicht zu finden in den immer moderner werdenden Großstädten, ganz sicher aber in den vielen kleinen Orten, die etwas abseits der bekannten farbigen Städte liegen: Bundi ist so ein Platz voller Zauber und Mythos. Der Raja, Hausherr eines kleinen Palastes in 13. Generation, bittet die Gäste zum Tee in den Innenhof. Stolz zeigt er die Zimmer für die Fremden, eingerichtet mit alten Möbeln, Waffen und Tigerfellen. Hier passt die Atmosphäre des leicht morbiden Charmes. Sie ist einer Vergangenheit zugewandt, deren Legenden und Geschichten hinter dicken Mauern und in den Erzählungen der Königssöhne lebendig geblieben sind.