Nordnorwegen: Hier ist Urlaub Abenteuer pur

In der Tundra dem Leithund hinterher

Europas Kältekammer, nördlich des Polarkreises. Hier bietet ein deutsches Ehepaar mehrtägige Touren mit Husky-Schlitten an. Bei minus 20 Grad kommt selbst der Sportlichste ins Schwitzen.

Schnee wirbelt hoch. Zugiger Ostwind peitscht uns ins Gesicht. Die Kufen der Schlitten knirschen übers Eis. Unsere Kommandos jagen die Hunde an Birken und Baumstümpfen vorbei. Zweige schlagen mir ins Gesicht. Ich ducke mich. Weiter geht die rasende Fahrt. Mal runter, mal rauf. Immer entlang des zugefrorenen Sees. "Ja! Jaaaa ...", brülle ich und treibe die Huskys zu größerem Tempo an. Der Schlitten vor mir verschwindet in einer Staubwolke aus aufgewirbeltem Schnee in einer Mulde. "Bleib um Gottes willen in der Spur", schießt es mir durch den Kopf, und fast gleichzeitig brülle ich die norwegischen Kommandos: "Venstre! Venstre - Links! Links ..." Kira dreht sich um, scheint zu nicken und zieht das Gespann nach links. Geschafft. Auf meinen Leithund ist Verlass.

"Stans, staaaans!", rufe ich und steige auf die Bremse zwischen den Kufen meines Schlittens. Die Hunde werden langsamer, bleiben schnaufend stehen, direkt hinter dem Gespann vor uns. Nach und nach treffen die anderen ein. "Wir machen eine Pause", ruft Björn. "Hier ist es windgeschützt."

Wir sind am See Altevatn am Rande des Dividal-Nationalparks in Norwegen, 300 Kilometer nördlich des Polarkreises. Die erste Stunde unserer Tour mit den Schlittenhunden haben wir gut überstanden.

Seit drei Tagen sind wir jetzt hier. Meine Frau und ich sind von Hamburg über Oslo nach Bardufoss im Norden Norwegens geflogen. Dort wurden wir von Regina abgeholt und zur Huskyfarm nach Innset gebracht. "Wenn du zum Nordpol willst, musst du bei uns vorbei", lächelt die 45-jährige gebürtige Duisburgerin.

Sie wanderte vor sieben Jahren nach Norwegen aus, betreibt mit ihrem Mann Björn Klauer (52) eine Huskyfarm mit 70 Hunden. Der ehemalige Offsetdrucker aus Hamburg lebt schon seit 23 Jahren in Europas Kältekammer. Auf einer Wanderung entdeckte er den verfallenen Bergbauernhof. Eine kleine Einsiedelei mit zwei Höfen, sechs Einwohnern und ein paar Ferienhütten, der nächste Ort 35 Kilometer entfernt. Die schmale Straße endet hier. Danach gibt es kein Anzeichen menschlicher Zivilisation mehr. Ein halbes Jahr liegt dichter Schnee über der endlosen Tundra. Björn erfüllte sich einen Lebenstraum, baute den Hof zur Farm um, organisierte Touren mit Schlittenhunden, heiratete, wurde geschieden und verliebte sich in Regina, die als Urlauberin auf die Huskyfarm kam.

Knapp eine Stunde dauert die Fahrt mit dem Auto vom Flughafen nach Innset. Bei unserer Ankunft zerren die Hunde an ihren Ketten und begrüßen uns mit lautem Gebell. "Pure Freude über die Abwechslung", sagte Regina und zeigt uns unsere Hütte. Ein Wohnzimmer mit Schlafraum, Bollerofen, Küche, Bad und Sauna. Das gehackte Holz liegt vor der Tür. In wenigen Minuten ist es mollig warm. Zur Farm gehört noch ein Gästehaus mit vier Zimmern und 16 Betten.

"Wir sehen uns beim Hundefüttern", sagt Regina. "Dann könnt ihr euch mit den Tieren anfreunden." Erst wenn die Tiere versorgt sind, gibt's was für uns. Regina hat eingeladen. Das Ehepaar wohnt in einem gemütlichen Holzhaus nebenan. Björn ist mit einer Gruppe Schweizer von einer Schlittentour zurückgekommen.

"War super", berichtet Urs. Der 49-Jährige macht bereits seinen achten Husky-Urlaub. Er war mit Freunden und Björn fünf Tage unterwegs, sie haben in Hütten und Zelten übernachtet. Jetzt amüsiert er sich über eine Teilnehmerin, die zum ersten Mal dabei war. "Die Susanne hat aber blöd geguckt, als sie vergeblich eine Toilette suchte und in den Schnee musste." Alle lachen. Auch Regina gibt zu, dass sie sich daran erst gewöhnen musste.

Am nächsten Morgen beginnt das Training. Wir lernen, die Hunde zu den Schlitten zu führen. "Du musst das Tier am Halsband hochziehen, sodass es auf seinen Hinterpfoten steht. Dann hat es keine Kraft mehr", erklärt uns Björn. Jeder von uns spannt sechs außer Rand und Band geratene Huskys vor einen Schlitten. Das dauert fast zwei Stunden, trotz minus 20 Grad sind wir schweißgebadet.

Dann kommt die Fahrt mit dem Schlitten. Ich stehe hinten auf den Kufen. Björn ermahnt mich. "Stell' dich auf die Bremse und geh erst während der Fahrt langsam runter." Vorne zerren die Hunde. Ich spüre ihre unbändige Kraft. Noch ist der Schlitten mit einem Seil an einem Gitter angebunden. Björn fährt mit seinem Gespann voraus. Regina löst das Seil, und ab geht die Post.

Ich brülle: "Ja, jaaaa", was soviel heißt wie "Tempo, Tempo". Im weiten Bogen umrunden wir die Farm. Meine Frau winkt, die anderen klatschten. Ich trete auf die Bremse und rufe: "Stans. Staaaans." Die Tiere bleiben gehorsam stehen und drehen sich erstaunt um, als wollten sie sagen: "War's das schon?"

Am nächsten Morgen geht's auf große Tour. Kaum Wolken. Gute Sicht. Wir packen die Schlitten. Futter für die Hunde, ein Stahlseil, Schlafsäcke, Isomatten, Proviant und eine Flasche Rum für den Abend. Die zwei Meter langen Schlitten sind aus Holz und strapazierfähigem Tuch. Björn hat sie selbst gebaut. Unser Ziel heute: der zugefrorene See Altevatn.

Als wir eine Stunde Fahrt hinter uns haben, machen wir in der windgeschützten Mulde Pause. Dann geht die Reise weiter, quer über den See. Ich ziehe die Fellmütze tiefer in die Stirn. Die Hunde sind in ihrem Element. Laufen wie die Teufel.

Das Fahren macht richtig Spaß. Ich bekomme immer mehr Gefühl für den Schlitten, finde heraus, dass ich mit Gewichtsverlagerungen die Richtung bestimmen kann. Ich drehe mich um, meine Frau winkt mir zu. Sie lenkt das Gespann hinter mir. Wie steuern das Ufer an. Auf dem Hügel soll das Lavvu liegen, unser Zelt für die Nacht.

Doch die letzten Meter werden die anstrengendsten. Wir müssen runter von den Schlitten. Es geht steil nach oben. Die Hunde ziehen und zerren. Ich drücke von hinten, helfe ihnen, so gut ich kann. Noch ein Stück. Ich keuche mir fast die Lunge aus dem Leib. Schweiß rinnt über meine Stirn, an den Augenbrauen bilden sich Eiskristalle. Dann endlich stehen wir vor dem Lavvu.

Zuerst müssen die Huskys versorgt werden. Wir spannen das Stahlseil, lösen die Tiere aus dem Geschirr, ketten sie an und geben ihnen Futter. Das Anketten ist wichtig, denn die Hunde würden ihrem Jagdinstinkt und den Tierspuren folgen und wären auf und davon.

Im Zelt wird es schnell warm. Björn hat im Birkenwald Holz gesammelt und den Ofen entfacht. Überall liegen Rentierfelle. Wir tragen das Gepäck herein, breiten die Schlafsäcke aus. Meine Frau kocht Suppe und röstet Brot. Es gibt Kakao und Tee mit Rum. Ich krieche noch einmal aus dem Zelt - und erlebe eine Überraschung:

Der Himmel über mir ist mit tanzenden, zuckenden Schleiern behängt. Sie flattern und fließen zu einem Silberstreif zusammen. Mal schimmern sie in Blau, mal in grellem Gelb, dann wieder in kaltem Weiß. Schließlich flammt und lodert der ganze Himmel. Hinter mir hockt Björn und sieht ebenfalls fasziniert nach oben. Leise sagt er: "Das Polarlicht, wie es schöner nicht sein kann."