Kreuzfahrt: Eindrücke einer Nordlandreise

Mein Schiff - oder nicht mein Schiff?

In nur 38 Tagen hat TUI Cruises die ehemalige "Galaxy" von Celebrity Cruises umgebaut, für 50 Millionen Euro. Die Taufe im Mai war ein Erfolg - jetzt läuft die Probezeit.

Was hat dieser Mann vor? Mitten zwischen den gewaltigen Felswänden des Geiranger-Fjords stoppt Kjell Holm sein Schiff. Ausgerechnet hier, in einer der spektakulärsten Passagen der Kreuzfahrt. Die Passagiere kleben an der Reling und schauen sich fassungslos an: Der Kapitän lässt das Schiff um 90 Grad drehen - bis die 262,5 Meter quer im Fjord liegen. Und nun steuert er auf einen gewaltigen Wasserfall zu, der oben von den Felsklippen in die Tiefe stürzt. "Mein Staff-Kapitän möchte duschen", so die kurze, knappe Erklärung. Der Angesprochene steht derweil mit einem aufgespannten Regenschirm vorne an der Bugspitze. Wenige Augenblicke später prasselt das Wasser auf den Seemann hernieder. Tosender Applaus - das gibt es auf keinem Schiff. Kjell Holm lächelt verschmitzt und sagt den Satz, den die Reederei so gerne hört: "Das ist mein Schiff!"

Diese Worte möchte TUI Cruises auch von den Gästen hören, schließlich ist das der offizielle Name: "Mein Schiff". Cleveres Marketing, ohne Frage. Dennoch gibt es eine Option: "Nicht mein Schiff". Also frei nach Shakespeare: "Mein" oder "nicht mein" - das ist hier die Frage. Auch für uns (vier Bekannte reisen mit mir). "Mein Schiff" soll für "Individualität und Freiraum" stehen, so der Katalog. Ein kühner Kurs bei einer Kapazität von fast 2000 Passagieren. Aber in der Tat: Zwischen Back- und Steuerbord ist reichlich Raum. Weitläufig ist das Sonnendeck, hier kommt es zu keinen Kämpfen um die Liegen. Viel Platz auch in den zwei Pools. "Ich konnte sogar ein paar Bahnen ziehen", schwärmt ein Schwimmer, der schon in so manches Schiffsbassin gestiegen ist.

An sonnigen Seetagen ist es auf dem Pooldeck allerdings schon recht voll. Die Rettung ist nicht weit: der eigene Balkon. 200 Balkone wurden beim Umbau von der ehemaligen "Galaxy" zu "Mein Schiff" zusätzlich angeschweißt. Sinnvoll, aber längst Standard bei allen Neubauten. In der Kabine steht der Inbegriff der Individualität: Die eigene Nespressomaschine. Das persönliche Glück wird nur dadurch getrübt, dass kaum einer den Betriebsschalter der Kapsel-Kaffeemaschine findet. Also doch in eine der 13 Bars und Lounges. Besonders beliebt: Die "Himmel & Meer"-Lounge auf Deck 12, Backbord vorne. Die riesigen Panorama-Fenster schlagen jeden Flatscreen - gerade in der Zauberlandschaft Norwegens. In den teppichgroßen Kuschelkissen schlürft so mancher seinen Cocktail, bis der Kapitän ihn mit der nächsten Durchsage weckt: Im Namen der Besatzung wolle er sich für den Sonnenschein in Bergen entschuldigen. Die Stadt sei sonst sehr zuverlässig verregnet. Das Schiff schmunzelt - Kjell Holm ist ein Glücksgriff.

Leider nicht das Entertainment. "Premium" soll es sein, Durchschnitt ist es nur. Die Abende im Theater wirken auf uns wenig inspiriert, Schlagershows und Musicals können jedenfalls keine "neuen Maßstäbe" setzen. Auch die Musiker in den Bars und die leere Borddisco sorgen nicht für rechte Stimmung.

Der 1700 Quadratmeter große Wellness-Bereich "Spa & Meer" mit den privaten Spa-Suiten gehört dagegen klar zu den Trümpfen auf dem TUI-Schiff. Von der Thai-Yoga-Massage bis zum schlammigen Rasulbad - alles ist im Angebot. Sogar eine Nassrasur für den Mann, mit Traubenkernpeeling und Rotwein-Aftershave-Gel. Ob die größte Sauna auf See mit ihren 54 Plätzen besonders individuell ist, möge jeder im Angesicht seines Schweißes selbst entscheiden.

Das fällt bei den Restaurants nicht schwer. Eindeutig das Votum für die Grill-Gastronomie "Surf and Turf": Es schmeckt wunderbar. Auch wenn hier zugezahlt werden muss: Schon nach kurzer Zeit erkocht sich das T-Bone-Team seine Stammgäste. Well done! Ganz anders im rummeligen Büfett-Restaurant "Anckelmann-Platz": Hier ist das Angebot nicht überzeugend, zudem gibt es oft Verständigungsprobleme mit dem mehrheitlich asiatischen Personal. Alternative ist das Hauptrestaurant "Atlantik" mit verschiedenen Menüs zur Wahl, wo der Gast auf zwei Decks bedient wird. Eigentlich der ideale Ort, um eine individuelle Duftmarke zu setzen. Noch aber haben Küche und Service genug Luft nach oben.

Im Heck von Deck 11 sind gleich drei Restaurants untergebracht: Das Italo-Bistro "La Vela" bereitet frische Nudeln aus dem Wok. Das Schlangestehen lohnt sich. Der Spanier "Tapas y Más" hat seine Stärken bei den Chorizzos und seine Schwächen bei den Datteln im Speckmantel. Klasse: Bei Sonnenschein lässt sich das Dach öffnen. Das Fischrestaurant "Gosch" hat mit dem Sylter Original leider nur so viel gemein wie eine Garnele mit einer Giraffe. Der Weißwein kommt zehn Minuten nach dem Essen, und das nicht nur bei uns. Gelungen der Abend im Feinschmecker-Restaurant "Richard's": Beim Krimi-Dinner versöhnt dann auchdas Entertainment-Ensemble mit Schauspieltalent - wenngleich wir den Mörder nicht erraten.

Vielleicht liegt auch in der Kleinkunst, im versteckten Charme die Chance dieses Schiffes. Denn es hat Potenzial - und mit Kjell Holm, der uns am Ende noch eine "Überraschung" verspricht, den richtigen Kapitän.

Am nächsten Morgen um neun nämlich bläst uns das Schiffshorn aus den Kabinen. Wo sind wir? Jedenfalls nicht dort, wo wir sein sollten. Der Kapitän hat einen kleinen "Abstecher" in den Saudafjord nördlich von Stavanger gemacht und das Schiff direkt vor einem Campingplatz postiert. Mit ohrenbetäubendem Tuten jagt er die noch dösenden Camper aus ihren Wohnmobilen. Diebische Freude beim norwegischen Lotsen: Noch nie hat sich hierher ein Kreuzfahrtschiff verirrt. "Nicht ein Schiff. Mein Schiff!": Kjell Holm darf das sagen, es ist ja wirklich sein Schiff. Unseres könnte es werden - doch einige Korrekturen und Verbesserungen sind dafür sicher noch nötig.

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