Unterwegs

Sibirien - im Sommer ein Laufsteg

| Lesedauer: 3 Minuten
Franz Lerchenmüller

Kurz ist der Sommer in Nowosibirsk, zum Weinen kurz. Aber niemand käme auf die Idee, in Tränen auszubrechen, weil die pelzmützen- und steppjackenfreie Zeit, kaum vorbei, schon wieder in Sicht ist.

Die paar Wochen - lasst uns das Beste daraus machen! Das Beste heißt im Fall der Frauen: möglichst wenig. Im Sommer unterbieten die Damen von Nowosibirsk sich in Sachen Textil.

High-high-heeled und in breiten Ledergürteln, die erstaunlicherweise als Miniröcke durchgehen, trippeln sie über den heißen Asphalt am Leninplatz, dass dem Alten im Bronzemantel der Kragen noch enger wird. Bei "New York Pizza" stehen sie in der Schlange, blonde Korkenzieherlocken überm durchsichtigen weißen Hosenanzug. In Hotpants, ohne Zweifel mit der Zange angezogen, promenieren sie über die Straße, plaudern in wasserschlauchförmigen Kostümen scheinbar angeregt miteinander - und behalten doch alles und jeden im Blick.

Wehende Fetzen, transparentes Geschleier - ja gibt es denn niemanden, der einfach mal in einer gewöhnlichen Jeans und einem normalen T-Shirt daherkäme? Niemand. Und zwischen all dem Fast-Nichts immer wieder Haut, goldschimmernde, blassweiße, nussbraune Haut - unverschämt, was der Sommer den Männern hier mit den Frauen zumutet. Kein Wunder, dass viele der Herrn noch älter wirken als sie aussehen. Geschweige denn sind.

Vor dem Kino sitzen schwarzhaarige Burjatinnen, eine Flasche "Miller" oder "Holsten" in der Hand, und kühlen ihr Tattoo unterm Herzen. Keine Zeit für Harry Potter jetzt, auch das Kuriositätenkabinett im Hinterhof mit seinen metastasenzerfressenen Lebern und den zweiköpfigen Embryos muss warten - the Road-Show must go on.

Am Salatbüfett im "Traktyr" werfen sie, in geschrumpftes schwarzes Leder gepackt, seitlich tänzelnd die rote Mähne wie Rennpferde vor dem Start. In Tops, die viel zu lange viel zu heiß gewaschen wurden, drücken sie sich mit Zeitlupen-Augenaufschlag viel zu nahe an einem vorbei. Sogar im "Arkada"-Kaufhaus, zwischen geräucherten Stören, gegrillten Hühnerfüßen und knallbunten Torten leuchten plötzlich lange Beine auf, ein Schlitz im Rock, der nie zu enden scheint - es gibt einfach kein Entkommen.

Selbst die Etagendamen im ehrwürdigen "Hotel Zentral", seit Jahrzehnten Bollwerk der An- und Beständigkeit, die hochgeschlossenen Museumswärterinnen mit den "Traue nichts und niemand"-Gesichtern, die Platinblonden in ihren Kioskhöhlen, deren verkniffener Schmollmund ohne Worte sagt: "Rück mir nicht zu nahe, kauf mir bloß nichts weg!" - selbst bei ihnen scheint sich der eine oder andere Blusenknopf auf geheimnisvolle Weise geöffnet zu haben.

Auch spätabends, wenn die Säulen der Oper in festlichem Licht erstrahlen und Lichtergirlanden über dem Leninplatz schweben, bleibt der Laufsteg Nowosibirsk geöffnet. Im Park, in dem sich die schwarzen Mücken angesichts des appetitlichen Angebots vor Glück gar nicht mehr zu halten wissen, gibt eine Blondine Russenpop zum Besten. Alles tanzt. Haut schwitzt, Beine stöckeln, Blicke wandern.

Die alten Frauen auf der Mauer aber, in ihren dicken schwarzen Röcken und den karierten Kopftüchern, lächeln wissend und ein wenig wehmütig: die paar Jahre, zum Weinen kurz ...

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