Dem "Winzerkönig" in den Keller geschaut

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Burgenland: Wie ein kleiner Ort durch eine TV-Familiensaga an Attraktivität gewinnt. Bekannt für seine hervorragenden Weine, ist Rust am Neusiedler See nun auch Schauplatz einer Fernsehserie.

Jetzt hat er sie wieder, der erprobte Charmeur! "Ich bin der Quotenkönig", sagt Harald Krassnitzer, und geht mit ausgebreiteten Armen auf seinen Freund, den Feiler Hans, zu. "Aber du, du bist der wahre Winzerkönig." Dazu dieses blaue Blitzen unter blonden Brauen, das schiefe Lächeln und die leichte Tapsigkeit eines Teddybären - da können sie gar nicht anders, die Ruster und noch mehr die Rusterinnen, als ihre Herzen weit zu öffnen für den Star, der ihrem Städtchen in den nächsten Wochen noch zu einiger Berühmtheit verhelfen wird. Und die Zuneigung ist gegenseitig. "Rust ist wie aus der Zeit gefallen", überlegt der Herr Krassnitzer, "eine Art gallisches Dorf im Burgenland. Die Menschen sind zurückhaltend. Sie überfallen niemanden mit einem lautstarken Fiaker-Charme. Wenn sie sich aber öffnen, sind sie von geradezu anrührender Herzlichkeit."

Der Feiler Hans, 65, weltbekannter, weltgewandter Alt-Winzer, strahlt diese Herzlichkeit vom ersten Moment an aus. Er war es, der eineinhalb Jahre lang bei den Chefs des ORF in Wien vorstellig wurde und immer weiter bohrte und nachlegte, bis er sie und die ARD-Oberen zu einem Besuch in der Region bewegen konnte. Und Rust mit seinen gerade mal 1700 Einwohnern sprach für sich: die barocken Torhäuser, die Fischerkirche mit den jahrhundertealten Fresken und die Blütenschauer des Oleander in den Langstreckenhöfen.

Hinterher traktierte er die Entscheidungsträger sanft mit Gebratenem vom Steppenrind und Blaufränkischem, bis sie sich schließlich verwundert fragten, wie um alles in der Welt sie überhaupt jemals andere Standorte für die neue Winzer-Serie ins Auge hatten fassen können.

Von August 2005 bis Februar 2006 dauerten die Dreharbeiten. Da fegte dann schon manchmal der Regen dazwischen, dem Oleander mußte man mit künstlichen Blüten nachhelfen, und die Damen in den Cocktailkleidchen bibberten um die Wette. Jetzt wird die Serie ausgestrahlt: Thomas Stickler, der High-Tech-Manager aus Rust, ist aus Frankfurt in seine alte Heimat zurückgekehrt. Er hat die väterlichen Weinberge übernommen und wird, wenn alles gutgeht, trotz der Intrigen seines tückischen Schwagers nicht nur die Liebe finden, sondern auch seinen ersten Wein zustandebringen.

Ein Segen für die Burgenländer Winzer: Der Hauptdarsteller bekennt sich auch im wirklichen Leben zu seiner Lust auf Wein generell und seiner Begeisterung für ihre Gewächse im besonderen. "Ich habe mich oft in den Keller gestellt und auf mich wirken lassen, wie es riecht und wie die Maische arbeitet. Zu verstehen, wie ein Lebensmittel zu dem wird, was es ist, das ist für mich Bewußtseinserweiterung." Kurze Blindverkostung, Herr Fernseh-Winzer? "Kirsche, Weichsel, ein paar Holztöne. Ein Zweigelt?" Ein Solitaire - im zweiten Anlauf klappt es. Selbst Winzer zu werden, kommt Krassnitzer nicht in den Sinn. "Ich habe die Weine von Gerard Depardieu probiert - ein Grund, es nicht zu versuchen. Außerdem habe ich jetzt erfahren, wie aufwendig dieser Beruf ist - und wenn mir danach ist, kann ich ihn ja jederzeit spielen."

Inzwischen reisen in Rust die ersten Touristen an und wollen sehen, wo in echt der Thomas über den Fässern sinnierte oder der Pfarrer Knopf der Kellnerin Elisabeth den Hof machte. Hinter dem 200 Jahre alten Tor der Winzerei Feiler-Artinger befand sich das Weingut Schnell, und die Figur des Gottfried, der heimlichen Stütze des Neu-Winzers Thomas, scheint dem Hausherrn Feiler nicht ganz unähnlich. Der "Rusterhof" am Rathausplatz trägt immer noch das Schild "Gasthof Stickler" an der Fassade. "Jetzt kommen die Leute und fragen: Wo hat er denn gesessen, der Herr Krassnitzer", verrät ein junger Kellner. "Ich sag dann: Na, genau da, wo Sie jetzt sitzen. - Und was hat er dann gegessen, der Herr Krassnitzer? - Na, genau, das, was Sie jetzt essen: Topinamburschaumsuppe und Ravioli von Flußkrebserln."

Anschließend fahren sie an den 300 Quadratkilometer großen, aber bloß eineinhalb Meter tiefen Neusiedler See, zum Baden im 26 Grad warmen Wasser oder für eine kurze Segeltour. Sie holen sich Weine vom Kollwentz in Großhöflein, wo der fiese Schwager Georg seine Winkelzüge ausbrütete, und vergewissern sich beim Verkosten des grundehrlichen Sauvignon blanc des Unterschieds zwischen Fiktion und Wirklichkeit: "Naa, wer so an Wein macht, kann kein schlechter Mensch sein!" In Eisenstadt besuchen sie das Schloß Esterhazy, wo der Geist und die Musik von Josef Haydn über den Nußbaumsekretären schweben. Im Spiegelsaal hatte der Feiler Hans seinen großen TV-Auftritt. Bei der Verkostung, Folge neun, war er als Juror im Einsatz.

Auf einem Hügel über Rust wurde für eine Szene eine Steinplatte als Tisch aufgebaut. Nichts schöner, als dort im Schatten des Mandelbaums zu sitzen und zu Wacholderspeck einen Muskateller vom Weingut Seiler zu schlürfen. Der Friedrich Seiler hatte nichts mit den Dreharbeiten zu tun, grämt sich aber deswegen nicht: "Mit dem Hans vertrag ich mich immer schon gut. Und die Serie kommt uns allen zugute."

Den Hans haben sie am Premierenabend mitgenommen und an diesen Tisch geführt: "El, qui lapidem commovit", stand auf einer in die Platte eingelassenen Tafel: Dem, der alles ins Rollen gebracht hat. "Da war ich dann doch eine ganze Weile sprachlos", sagt der wahre Winzerkönig von Rust. Und sein Kollege vom Fernsehen nickt gerührt.