Savoir vivre im noblen Kurort

Baden-Baden ist berühmt für seinen mondänen Charme. Kenner schätzen das besondere Flair im goldenen Herbst.

Kurz nach Mitternacht erreichen die Spekulationen ihren Höhepunkt: Hat der Baron Helmut von Finck zu vorgerückter Stunde in der "Oleander Bar" im piekfeinen "Brenners Parkhotel" mehr als nur das Wechselgeld einstecken müssen?

"Lebensgefährtin Antonia hat ihm handfest einen eingeschenkt", weiß einer im "Leos" in der Baden-Badener Fußgängerzone. "Absender der Maulschelle war der Baron von Ullmann höchstpersönlich", mutmaßt eine andere an der Mahagonitheke im "Palais Gagarin" am Augustaplatz. Wie auch immer - eine Hand voll vager Informationen aus der Welt der Blaublütigen und anderen Hochwohlgeborenen stimulieren des Fußvolkes Fantasie zumindest in dieser lauen Septembernacht.

Am Abend danach sind mal wieder die Russen an der Reihe. Ein paar Luxus-Immobilien nahe der "Caracalla Therme" seien von einer Luxemburger Briefkastenfirma erstanden worden, transportiert die Tratschbörse in Windeseile durch die angesagten Pinten des Kurbades. Der Handel erfolgte im Auftrag neureicher Multimillionaros aus St. Petersburg und Samara, so die Kunde aus dritter Hand. Ein paar kommunikationsfreudige Stunden später stammen die anonymen Investoren aus Georgien und Aserbaidschan.

Egal, fürs Flüsterfutter reicht es alle Male. Schließlich arbeiten in der Kurstadt mit 53 000 festen und weit mehr vorübergehenden Einwohnern nur die wenigsten: Das Gros der Gäste frönt süßem Müßiggang, dem Glücksspiel, der Kultur und der kleinen Welt des Klatsches. Seit dem Jagdbesuch des Kaisers Sigismund im Schloss des Markgrafen Bernhard I. anno 1418 und der fidelen Badekur des Kaisers Friedrich II. an der Oos fünfeinhalb Dekaden später gehört der Tratsch zum guten Ton zwischen Trinkhalle, Kurhaus, Festspielhalle und dem alten Dampfbad.

Damals wie heute flanieren gekrönte Häupter, wohlsituierte Feriengäste, Adelige aus aller Herren Länder, aber auch ganz bürgerliche Genießer durch die verwinkelten Gassen abseits der Lichtentaler Allee, deren Pflaster vor gut 350 Jahren gelegt wurde. Bis heute besticht Baden-Baden durch sein in jeder Beziehung einnehmendes Wesen, durch seinen bohemen Charme und sein französisches Flair. Dank eines weisen Generals aus Paris vom Krieg äußerlich intakt, lockt der Urlaubsort mit verspielten Fassaden, sehenswerten Villen und historischen Fingerzeigen allerorten.

Aber auch wer den Prunk der Prinzen und den mehr oder weniger diskreten Charme der Bourgeoisie weniger schätzt, kann auf seine Kosten kommen. Besonders im September und Oktober, wenn die Hautevolee der internationalen Rennwoche im benachbarten Turfmekka Iffezheim abgereist ist, die Herbstsonne erheblich milder als im Norden lächelt und das Rebland mit natürlicher Schönheit und kulinarischen Wonnen reizt. "Badischer Wein, von der Sonne verwöhnt!" - da ist was dran.

"Kenner kommen im Herbst", sagt Baden-Badens Marketing-Chefin Brigitte Goertz-Meissner. "Die landschaftliche Schönheit, das gute Essen, die kulturelle Vielfalt und die Gastfreundschaft kommen in den etwas ruhigeren Wochen erstklassig zur Geltung." Zumal die Hauptsaison ausklingt, das große Ballyhoo beendet ist, günstigere Preise gelten und Baden-Baden jenes lebensfrohe, genüssliche Flair versprüht, das den traditionellen, kultivierten Charme ausmacht. Das 1998 gegründete Festspielhaus, das einzige privat finanzierte Opernhaus der Republik, der rund 20 Kilometer entfernte, vor ein paar Jahren von kanadischen Militärs übernommene Flugplatz sowie eine Vielzahl hochkarätiger Ausstellungen sollen eine neue Besucherklientel erschließen. Mit der Einweihung des Museums "Sammlung Frieder Burda" am 22. Oktober kommt ein weiteres Juwel hinzu. Die Eröffnungsausstellung, von Max Beckmann über Ernst Ludwig Kirchner bis zu Picassos Spätwerken, ist bis Februar 2005 zu sehen.

"Gerade jetzt ist es eine Lust, ins Badische zu reisen", sagt Walter Hirsch (57), Chef von "Hirschs Brasserie" im Herzen der Innenstadt bei einem Schoppen Wein. "Zwar haben wir aktuell mehr Großflächentourismus und weniger High Society, dennoch ist Baden-Baden vom Charakter her einmalig in Deutschland." Stammgast Klaus Göntzsche (55), aus Wuppertal angereister Galopprennguru, sekundiert: "Die Stadt verfügt über eine attraktive Fassade und auch hinter den Kulissen über große Schätze."

Göntzsche, Gourmet und Lebemann par excellence, hebt den Alterspegel nur unwesentlich. Dennoch zählt Baden-Baden mit einem Durchschnittsalter von 45,8 Jahren (Bundesschnitt: 41,8 Jahre) eher zu den urbanen Urgesteinen; zumindest tagsüber prägen graue Eminenzen und vornehm-leger gewandete Oldtimer das Bild. Was durchaus anziehend wirken kann. Auch wenn im Zentrum Cafes, Bars und Tanzlokale warten, ist Remmidemmi für Twens rar. Auch das muss kein Nachteil sein.

Das sonnige Klima erwärmt alle Altersschichten. Wer in etwa sechs Stunden aus Hamburg mit dem ICE kommod angereist ist, findet sich in einer anderen Welt wieder. Ein wenig scheint die Uhr der Neuzeit in Baden-Baden nachzugehen; Hektik ist ein Fremdwort im Ort. Gemächlich geht das Leben seinen Gang, Savoir vivre, die süße Lebensart, scheint das Codewort zu sein. Neben dem Kurpark wartet ein Kutscher mit Zylinder auf Kundschaft, versonnen im Quintett mit seinen Rössern dämmernd. Im Gartenrestaurant des Hotels "Atlantic" nebenan dringt bis auf das rhythmische Plätschern der Oos nichts an das Ohr des Gastes. Einen Hauch höhere Preise im ganzen Städtchen werden unter diesen Umständen verständnisvoll geschluckt.

Nach ein paar Schritten ist man ganz draußen im Grünen; mit einem Auto steigert sich die Mobilität erheblich. Denn ein Teil der lokalen Reize ist mit ein paar Pferdestärken mehr viel besser zu entdecken. Nur wenige Kilometer entfernt laden beschauliche Dörfer zu Spaziergang und Einkehr. Vom malerischen, verschlafenen Iffezheim, Heimat des bekannten Hippodroms und vom 22. bis 24. Oktober 2004 erstmals auch Ausrichter eines dritten Galoppermeetings, geht es zu Fuß locker nach Frankreich.

Die kulinarische Kombination aus bodenständig-kreativer, aber wahrlich nicht immer kalorienarmer badischer Küche mit dem Esprit der Elsässer Kochkunst lässt Kenner genüsslich mit der Zunge schnalzen. Wer sich einmal im Waldhorn am Rande Baden-Badens an Gamspfeffer in Pfefferkuchensauce laben durfte und sich zur Krönung einen fruchtigen Selbstgebrannten gönnte, kann im Geiste die Götter frohlocken hören. "Sinnenfreude wird hier groß geschrieben, Lebenslust wird tagtäglich mit Wonne zelebriert", meint Peter Brauer, seit bald drei Jahrzehnten mit dem Turftross präsent. "Wer Zeit und ein paar Euro in der Tasche hat, fühlt sich in Baden-Baden wie im Schlaraffenland."

Das war schon früher so, wie auch Russlands Denker, Dichter und Lebefürsten wissen - spätestens seit Katharina die Große das russisch-badische Band der Sympathie knüpfte, als sie 1793 ihren Enkel Alexander mit der damals 14-jährigen Prinzessin Luise von Baden verheiratete. Nach Berlin ist Baden-Baden im Lande Nikolai Gogols und Ivan Turgenjews heute noch die bekannteste deutsche Stadt. Dostojewski gab dem Casino im Kurort in seinem Roman "Der Spieler" eine Hauptrolle, und Tolstoi subsumierte anno 1857 nach seinem persönlichen Totalbankrott in der Spielbank: "Von lauter Lumpen umgeben. Und der größte Lump bin ich!"

Heute stellen die Russen drei Prozent der Besucher, halten mit üppigen Barkäufen manchen Luxusladen am Leben, haben sich angeblich längst über Strohmänner in das wirtschaftliche Leben Baden-Badens eingekauft, fallen im Tagesleben aber überhaupt nicht auf. Nur im Dunkeln, wenn vor dem Spielcasino ein Maybach mit (zahlungs-)kräftigen Insassen parkt, rollen die Rubel genauso wie die Kugel.