Kleine Fluchten: Die "Fischerwiege" von Ahrenshoop

Reetdachhaus auf einer alten Düne

Das traditionelle "Café Namenlos" ist als Treff bei Einheimischen und Gästen gleichermaßen beliebt.

Tief und schwer hängen die Wolken am Himmel von Mecklenburg-Vorpommern, als wir unser Reiseziel Ahrenshoop, die Perle auf dem Darß, erreichen. Von der Straße nicht einsehbar, da von hohen Bäumen umgeben, liegt unser Hotel auf einer geologisch "alten Düne" in diesem malerischen Ort.

Die "Fischerwiege", benannt nach ihrem Besitzer Roland Fischer, passt sich mit der blaugestrichenen Fassade und dem reetgedeckten Dach ganz dem Baustil des Ortes an. So macht es schon von außen einen kuscheligen Eindruck. Und der wird beim Betreten des Hauses noch verstärkt, denn gleich links im Foyer verbreitet im Kaminzimmer loderndes Feuer Behaglichkeit und Wärme.

Mittelpunkt des Hauses ist das mit schmiedeeisernem Gitter versehene Treppenhaus. Es erstreckt sich spiralförmig von der unteren Etage, wo sich Sauna, Solarium und das großzügige Schwimmbad mit dem schönen Ruheraum befinden, über fünf Stockwerke bis zu den geräumigen und gemütlichen Suiten. Dass es keinen Fahrstuhl gibt, führte bislang nicht zu Klagen. "Notfalls bringe ich den Gästen das Gepäck auch persönlich aufs Zimmer," sagt Fischer. Die Zimmer sind - wie das ganze Hotel - in rustikalem Landhausstil eingerichtet. Roland Fischer, auch Sprecher der Hotelkooperation "Sterne vom Darß", entstammt einer Handwerkerfamilie aus Schwerin. 1994 hat er dieses Hotel erbaut und führt es seither mit seiner Frau. Auch die Tochter wird demnächst in die Geschäftsführung eintreten und das bekannte "Cafe Namenlos" übernehmen. Es gehört ebenso zum Hotelkomplex wie das "Haus Bergfalke" und das "Dünenhaus". In dem befinden sich Tagungsräume, und hier werden auch regelmäßig Werke ortsansässiger Künstler ausgestellt. Das Haus wurde gebaut von dem Maler Friedrich Wachenhusen, der dort einst seine Schülerinnen beherbergte. Überhaupt spielt die Malerei in der bekannten Künstlerkolonie Ahrenshoop bis heute eine große Rolle. So sind denn auch alle Räume der "Fischerwiege" mit Werken des Malers Paul Müller-Kaempff (1861-1942) ausgestattet, der die bezaubernde Landschaft des Darß im Wechsel der Jahreszeiten in zahlreichen beeindruckenden Ölgemälden dargestellt hat. Fischer will folgerichtig vor allem den kunstinteressierten Gast ansprechen. "Die Kunst ist das Marken-Zeichen des Hauses", so seine Devise. Über Nacht hat der Sturm alle Wolken vertrieben, und am nächsten Morgen begrüßt uns die Sonne. Sie lockt zu einem ausgiebigen Spaziergang am schönen Sandstrand von Ahrenshoop, und wir sehen uns den Ort mit seinen zahlreichen Galerien genauer an. Dabei versäumen wir selbstverständlich nicht, die hiesigen Produkte aus dem äußerst gesunden und vitaminreichen Sanddorn zu probieren. Ahrenshoop wurde am Ende des 19. Jahrhunderts geprägt durch die Arbeit der dort lebenden Freilichtmaler. Die von Paul Müller-Kaempff gegründete Künstlerkolonie hat bis heute durch ihre einzigartige Landschaft und das wechselvolle Licht nichts von ihrem Reiz verloren und steht noch immer ganz im Zeichen vielfältiger künstlerischer Aktivitäten. Etwa 25 Künstler leben heute in Ahrenshoop. Zum Abendessen haben wir natürlich einen Tisch im "Cafe Namenlos" reserviert. Dieses traditionsreiche Gasthaus hat eine originelle Historie. Es wurde 1912 durch die damalige Kurhausbesitzerin Fräulein von Walsleben errichtet. Das Kurhaus trug den Namen "Bogislaw-Hotel". Als sie es 1919 verkauft hatte, wollte sie das Cafe unter dem Namen "Bogislaw" weiterführen. Aber der neue Besitzer erwirkte ein Namensverbot, da er eine Konkurrenz fürchtete. Als man über einen Namen rätselte, schlug der Berliner Zeichner Hermann Abeking vor, es einfach "Cafe Namenlos" zu nennen. Seit drei Generationen ist es nun im Familienbesitz der Fischers. Mit seiner geschmackvollen Einrichtung und vor allen durch seine Korbstühle verströmt es den Hauch der Belle Epoque. In seiner entspannten Atmosphäre lässt sich hervorragend speisen. Küchenchef Achim Kleine kocht seit eh und jeh Bio-dynamisch, da dies ein großer Vorteil der mecklenburgischen Küche ist. Infolgedessen kommen nur ausgewählte einheimische Produkte auf den Tisch. Die Fische wie Zander, Aal, Barsch oder Dorsch stammen aus der Ostsee oder von den Boddenfischern, das Fleisch von hiesigen Bauernhöfen, wie dem Borner Weidehof. Die traditionell deftige mecklenburgische Küche ist von Achim Kleine gewissermaßen "abgespeckt" worden. Er serviert die Gerichte leichter zubereitet, ganz so, wie es heute gewünscht wird. Saisonbedingt sind die Beilagen, alles schmeckt frisch und bekömmlich. Nur die "Mecklenburger Götterspeise", eine Mehlspeise, war für uns etwas gewöhnungsbedürftig. Doch man hatte uns zuvor gewarnt. Wer in die Geheimnisse der mecklenburgischen Küche näher eingeweiht werden möchte, der kann zu bestimmten Zeiten gemeinsam mit dem Küchenchef kochen oder mit der Konditor-Meisterin backen - und so die hauseigenen Rezepturen kennen lernen.

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