Mit seiner "letzten Bratwurst vor Amerika" berühmt geworden

Unterwegs getroffen Wolfgang Bald, Imbissbesitzer in Portugal

Warum ist es besser, einen Bratwurststand zu haben als den besten Computer-Job? "Weil man für Bratwürste keine Updates braucht, sie garantiert keine Viren haben und ohne Handbuch ausgeliefert werden." Wolfgang Bald hat gut zwei Dutzend solcher Antworten parat. Jede von ihnen steht für die entscheidende Wende in seinem Leben - vom Chef einer Nürnberger Softwarefirma zum Chefkoch auf einem Imbisswagen an der portugiesischen Algarve. Genauer gesagt, am Cabo de São Vicente, dem westlichsten Punkt des europäischen Festlands. "Letzte Bratwurst vor Amerika" nannte Wolfgang Bald daher seinen rollenden Grill. Den fährt er jeden Morgen bis kurz vor den Leuchtturm am Cabo und klappt den Anhänger am Straßenrand auf, ein paar Meter neben der schroffen, 60 Meter hohen Atlantik-Steilküste.

Um kurz vor elf geht es für eine deutsche Touristen-Familie schon um die Wurst: eine Fränkische vom Rost für Papa, eine Thüringer für Mama und für die Kinder "Drei im Weggla" - Nürnberger Mini-Würste im Brötchen. Dazu Senf und Ketchup sowie die Story dieser Bude auf Nachfrage vom Besitzer im Zeitraffer: In den 90ern sind die Wohnmobil-Urlauber Wolfgang und Petra Bald abonniert auf Portugal. Er mag keinen Fisch, hat als stille Reserve einen Vorrat Nürnberger dabei. Der Grillduft lockt Camper an, sie probieren - jedes Jahr wieder. Für Wolfgang und Petra Bald ist klar: Hier lechzen Menschen nach Schweinefleisch mit Majoran und Kümmel in Darmpelle. Das Paar beschließt, Wurst zu liefern - für immer.

Er verkauft seine Softwarefirma, sie kündigt in der Stadtverwaltung. Mit einem zum Würstchen-Bräter umgebauten VW Käfer rollen sie 1996 am Cabo de São Vicente vor. Mit 20 verkauften Würsten ging's am ersten Tag los, aber dann leider nicht so recht aufwärts. Die Hoffnung, zum Algarven-McDonald's zu werden - vom Winde verweht: Die steife Brise am Cabo pustete allzu oft ihr Grillfeuer aus. Das passiert mit dem 2002 in Dienst gestellten geschlossenen Grillwagen nicht mehr. Heute sowieso nicht, bei 24 Grad und strahlender Sonne. Darin rekelt sich Meninja, eine portugiesische Promenadenmischung. Seit Jahren lässt sich die im Dünengestrüpp lebende Hundedame inklusive Welpen von Gästen mit Resten durchfüttern. "Oft zählen wir mit", sagt Wolfgang Bald, "bis zu 15 Würstchen verputzen die Hunde täglich."

Auf portugiesische Behörden ist der 58-Jährige nicht gut zu sprechen, denn die geben immer wieder überraschend ihren Senf zu seinem Würstchengeschäft. Wie am 1. September 2006, als 20 bewaffnete Zollbeamte Wolfgang Balds Imbiss schließen. "Hygiene, Ware und Papiere, alles in Ordnung, aber eine Toilette - für die Mitarbeiter, nicht für die Kunden -, die fehlte", erinnert er sich und schimpft noch heute: "Anders als in Resteuropa ist hier keine Klospülung mit Wasserkanister und Tretpedal erlaubt." Also musste eine kommunale Druckwasserleitung her.

Um sie zum Klohäuschen neben dem Imbiss zu legen, musste die angrenzende Nationalstraße aufgebuddelt werden. "Genehmigen darf das nur eine Behörde in Lissabon, und die brauchte elf Wochen, verstehen Sie - elf Wochen!" Danach vernichtete Bald 16 000 Würstchen, weil ihr Haltbarkeitsdatum abgelaufen war. Um so etwas nie wieder erleben zu müssen, mischt der knorrige Franke mit Ohrring und Bürstenhaarschnitt nun in der Kommunalpolitik von Sagres mit - als Ausländerbeauftragter.

Sein zuverlässig glühender Grill ist längst zum Hotspot geworden - auch für Promi-Gäste: Dagmar Koller schaut regelmäßig vorbei, Cliff Richard auch, wenn er sein Weingut in der Nähe inspiziert. Paola und Kurt Felix stehen auf Wolfgang Balds Würstchen ebenso wie ProSieben-Praktikant Elton, der mit Oliver Pocher von hier schon live in Stefan Raabs Show "TV Total" blödelte. Ihnen wie allen Gästen bietet der Imbiss-Wirt sein "Certificado" an, eine kleine Urkunde: als Beweis, dass man den äußersten Zipfel Europas besucht und natürlich eine Bratwurst gegessen hat - wenn auch nicht die letzte vor Amerika, sondern vor der Heimfahrt.

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