Sehnsuchtsziel

Der wilde Westen Portugals

Foto: Michael Hegenauer

Wo die Algarve an den Alentejo grenzt, nisten Störche in den Felsen - denn auch sie wissen zu schätzen, dass man hier seine Ruhe hat

Die von Pinien gesäumte Straße N268, auf der man Sagres Richtung Norden verlässt, entpuppt sich rasch als eine Traumstraße à la Highway No. 1 in Kalifornien. Nur dass Big Sur, Carmel oder Monterey hier Carrapateira, Bordeira oder Odeceixe heißen. Wer von der kurvenreichen Landstraße Richtung Küste abbiegt, kann sicher sein, unvergessliche Ausblicke auf hellsandige Buchten, eine zerklüftete Steilküste aus dunklem Schiefer und die weiß schäumenden Kronen der ohne Unterlass anrollenden Atlantikwellen zu erheischen. Dafür muss man nicht nach Kalifornien reisen.

Besonders von Mai bis Juni und September bis Oktober ist der Südwesten Portugals ein Sehnsuchtsziel für Individualreisende, Surfer, Tramper, Wanderer, Reiter, Genießer - und für Störchegucker. Denn hier, im fast 75 000 Hektar großen Naturpark der Costa Vicentina ("Parque Natural do Sudoeste Alentejano Costa Vicentina"), ist weltweit der einzige Flecken, an dem Störche auf Felsklippen nisten.

Schmal und sandig sind die kaum markierten Küstenpfade, die zu einer kleinen Wanderung einladen, da sie immer wieder spektakuläre Blicke auf die anrollenden Atlantikwellen freigeben, die dann in einer kleinen Sandbucht ausrollen oder an den Felsen krachend-schäumend bersten. Mit etwas Glück kann man jetzt im Mai Störchen zusehen, wie sie auf einer Felsnadel - vor Nesträubern wohl ziemlich sicher - Halm um Halm eine Brutstelle zimmern oder gar schon den Nachwuchs wärmen. Sie genießen den Schutz dieses Naturparks, der sich immerhin über rund 100 Küsten-Kilometer in die Länge zieht und neben diesen rauen Steilwänden auch noch mit Dünen, Mooren, Sümpfen, Salzwiesen, Lagunen und Schluchten begeistert.

Die Abwesenheit von Massentourismus hier unten im Grenzland zwischen Algarve und Alentejo ist purer Genuss: nirgendwo Bettenburgen in der von Pinien, Korkeichen, Eukalyptusbäumen und rollenden Feldern geprägten Landschaft. Manchen Besuchern gefällt die Gegend gar so gut, dass sie sesshaft werden, einen alten Bauernhof aufkaufen, Zimmer herrichten und vermieten - und nebenbei ihren eigenen Traum leben. So wie die deutschen Betreiber des Landhotels "Reguengo", die mit schlüssellosen Zimmertüren, autarker Energie- und Warmwasserversorgung, köstlicher, abwechslungsreicher Küche und viel Herz ihre Gäste willkommen heißen.

Nach ein paar Kilometern auf holpriger Landstraße endet das Asphaltband im aus ein paar Bauernhäusern bestehenden Ort namens Zambujeira de Beijo - was jetzt folgt, ist eine ruppige Schotterpiste, die jeder ADAC-Teststrecke das Wasser reichen kann. Im Rückspiegel tänzeln die Staubwolken, die der Mietwagen aufwirbelt. Und mit jedem Meter Schotterpiste und mit jedem Kubikmeter Staubwolke lässt man ein Stückchen Zivilisation zurück. In manchen dieser einsamen Bauernhäuser leben alte Mütterchen noch immer ohne Strom und fließend Wasser. Und in dieser Abgeschiedenheit kann man Urlaub machen? Mit jedem Meter, den man die wilde Küste hinter sich lässt, den das Auto über die Kurven aus Sand und Steinen fliegt, verabschiedet man sich von seinem Alltag zu Hause.

Rechts und links ragen grüne Hügelketten auf. Dicht stehende Korkeichen hier, Eukalyptusplantagen - mit ockerfarbenen Transportschneisen, die wie Narben wirken - da. Und dazwischen ein Tal. Ein abgeschiedenes Tal in den Ausläufern des Monchique-Gebirges. Dieses Tal ist ein wahrer Segen - es ist ein Funkloch. Nach 15, 20 Minuten weist ein Schild den Weg: "Reguengo". Dann noch die Holzbrücke über den kleinen Fluss, die letzten Meter auf einem ausgefahrenen Weg, ein allerletzter Zweifel - jetzt links oder rechts? Imposante Palmen und erste Wohnhäuser signalisieren schließlich so gut wie jedes Navi: Ziel erreicht!

Ein Hängebauchschwein, das neugierig über die steinerne Hotelterrasse angedackelt kommt und dabei klackernde Geräusche macht wie Paris Hilton auf High Heels, bringt auf unfreiwillig komische Art Sympathiepunkte ein. Ein halbes Dutzend Hähne und etliche Hühner laufen frei zwischen den Gästen auf dem Gelände herum. Die große Freiheit? Offensichtlich für alle. Auf einer ranchähnlichen Koppel stehen zwei Esel, ein Pony und ein Pferd, zwei Ziegen. Katzen dürfen natürlich auch nicht fehlen. Alles ziemlich starke Charaktere. Ganz so wie die "Reguengo"-Crew, die Mannschaft, die hinter diesem Landhotel-Konzept steht. Und dieses Konzept, das so selbstverständlich und unverfälscht daherkommt, zieht sich durch fast alle Bereiche. Hier ist alles unverschlossen, alles steht einem offen. Immer. Die Yogahalle, die Massageräume, die Zimmer, sogar das Büro. Safes für Wertgegenstände? Fehlanzeige. Man kann das Wertvollste zur Not einem Mitarbeiter anvertrauen.

Das "Wertvollste" hier aber sind wohl die Kinder und Familien, bei Weitem die Hauptklientel dieses Landhotels mit großzügigen 14 Hektar Gelände. Und die Kinder kann man auch getrost so frei rumlaufen lassen wie die Hühner und Katzen. Jedes scheint seine Grenzen zu kennen, sie toben, juchzen und spielen, gehen eigentlich dauernd auf Entdeckungstour und erleben alle 15 Minuten ein kleines Abenteuer. Hektik, Eile, Stress? Stehen nicht im hiesigen Wörterbuch. Eher: Lass uns dann nachher mal langsam los, Richtung Küste ...

Am Strand des mit niedlichen, frisch geweißelt wirkenden Häusern herausgeputzten Ortes Odeceixe treiben die Gezeiten ein tolles Spiel. Die Seixe mündet hier mit einer letzten großen Kurve in den Atlantik. Bei Flut kann man sich von der Strömung in den Fluss mitziehen lassen. Daran haben Kinder (und nicht nur die!) ihren Spaß. Draußen, zwischen den Wellen, kauern in Neoprenanzüge gezwängt die Surfer. Darunter einige Könner, die es längst raushaben, wann sie den besten Punkt genau erwischen und dann sicher mit den Füßen auf den Brettern zu kleben scheinen. Aber auch viele Anfänger nutzen die Gelegenheit, ein wenig Beach-Boy-Feeling zu erleben. Die zahllosen Strände hier unten im Südwesten Portugals sind ein Hotspot für Surfer.

Wenn man vormittags die Zufahrtsstraßen zu den Praias hinunterfährt und dann einen als Reisemobil ausgebauten VW-Surfer-Bus sieht, den seine jungen Fahrer sich perfekt zum Meer ausgerichtet hingestellt haben, ahnt man, wie romantisch der vorige Abend, die sternenklare Nacht und das goldgelbe Sonnenlicht am jungen Morgen gewesen sein müssen. Ein Gefühl, das wohl nur die nistenden Störche mit den wilden Campern geteilt haben.