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Stormarn Wildboars leben Leidenschaft für American Football

| Lesedauer: 8 Minuten
Elvira Nickmann
Der Center der U19 der Stormarn Wildboars reicht dem Quaterback den Ball rückwärts durch die Beine, der diesen an seinen Runningback übergibt oder selbst wirft.

Der Center der U19 der Stormarn Wildboars reicht dem Quaterback den Ball rückwärts durch die Beine, der diesen an seinen Runningback übergibt oder selbst wirft.

Foto: Elvira Nickmann

Einziges Team im gesamtem Kreis zieht vorwiegend Jugendliche an. Herrenmannschaft im Aufbau. Warum die Sportart so attraktiv ist.

Bargteheide.  Aaargh! So klingt der Schrei, den ein Spieler ausstößt, wenn er sich aus vollem Sprint heraus auf die Nummer 65 wirft und anschließend beide zu Boden gehen. Nummer 65 kann viel einstecken, denn der mannshohe Tackle-Dummy hat keine Schmerzgrenze. Die Spieler schon, weshalb sie bei ihrer Trainingseinheit auf dem Sportplatz des TSV Bargteheide mit Helm und überdimensionierten Schulterpolstern ausgerüstet sind. Sie sollen vor Verletzungen schützen und verleihen selbst dem Schmächtigsten ein martialisches Erscheinungsbild. Die Stormarn Wildboars kommen wild und ungestüm daher. Was diese Mannschaft eint, ist ihre Begeisterung für American Football – die Wildboars sind derzeit das einzige Team dieser Sparte in Stormarn.

Ein Feld weiter bereiten sich derweil die Junioren der Altersklasse U19 auf das kommende Spiel vor. Immer wieder stellen sie sich in zwei Linien auf. Dann versucht eine Gruppe, mit dem eiförmigen Ball die gegnerische Abwehr zu durchbrechen. Obwohl die Spieler dabei wiederholt unter vollem Körpereinsatz aufeinanderprallen, macht das offensichtlich keinem von ihnen etwas aus – ganz im Gegenteil. Alle sind mit Feuereifer und jeder Menge Spaß dabei.

Beim American Football kommt es auf Willensstärke an

In den USA gefeiert, gilt American Football hierzulande eher (noch) als Nischensport. Einer, der ihn aus seinem Schattendasein ins Rampenlicht rücken will, ist Headcoach Miro Malinowski. 1994 ist er als Jugendspieler bei den Hamburg Pioneers eingestiegen, dem ältesten American-Football-Verein Hamburgs. 2019 hat der Jersbeker die Stormarn Wildboars gegründet. „Es gibt keine bessere Sportart, die alles vereint: Strategie, Kraft, Geschwindigkeit, Ausdauer und ganz viel Willensstärke“, sagt Malinowski. Zudem werde der Charakter geschult. „Man spielt American Football nicht – man muss ihn leben.“

Den Namen des Teams hat dessen Gründer mit Bedacht gewählt. Er sagt: „Weil unsere heimischen Wildschweine, auf Englisch Wildboars, sehr starke und widerstandsfähige Tiere sind.“ Wildschweinrotten sind für ihr angriffslustiges Verhalten bekannt. Eine Eigenschaft, die im American Football durchaus erwünscht ist. Dass der Sport nichts für schüchterne Charaktere ist, kann Malinowski aber nicht bestätigen. Er hat die Erfahrung gemacht, dass sie nach anfänglicher Überwindung regelrecht aufblühen und durch das Training und den Zuspruch der Gruppe mehr Selbstbewusstsein erlangen können.

Eine Herrenmannschaft wird derzeit noch aufgebaut

Denn der Zusammenhalt genießt einen hohen Stellenwert in diesem Team, das fast so etwas wie eine große Familie ist. „Das ist das Besondere bei uns: Die Siebenjährigen, die bei uns anfangen, könnte ich bei den U19 reinstellen und sie würden sofort als Teil des Teams akzeptiert.“ Diese Verbundenheit zeige sich auch außerhalb des Sportplatzes, der Altersunterschied spiele keine Rolle. Wenn sich Abiturienten und Fünftklässler in der Schule begegneten, werde abgeklatscht. So einfach sei das.

Bis zum Alter von 16 Jahren gibt es gemischte Teams. Malinowskis Tochter Anouk spielt wie ihr Bruder Etienne Flag Football bei den U13. Bei dieser Spielvariante wird das Tackeln durch das Abziehen von Flaggen, die am Gürtel des jeweiligen Gegners angebracht sind, ersetzt. 18 Spielerinnen und Spieler sind bei den Flaggies aktiv, bei den U16 sind es 22 und bei den U19 sind es 25 Männer. Auf dem Feld stehen sich zwei Mannschaften à elf Spielern gegenüber. „Die U19 spielt in der zweiten Liga, die U16 in der ersten, und bei den Flaggies gibt es nur die eine“, erläutert Malinowski. Eine Herrenmannschaft befindet sich im Aufbau. Malinowski hofft, dass sie 2024 in den Spielbetrieb starten kann.

Durch Zufall entdeckten Kinder Football-Ausrüstung

Mit seiner Leidenschaft für American Football hat der Jersbeker mittlerweile seine halbe Verwandtschaft angesteckt. Forciert hat er das nicht, vielmehr hätten seine beiden älteren Söhne Mika und Milan sich zunächst in einer anderen Sportart versucht. „Dann haben sie meine Medaillen und Helme entdeckt und haben gefragt: Können wir das auch machen“, berichtet der Abteilungsleiter. Sein Bruder ist als Trainer, seine Nichte als Spielerin aktiv.

Der 18 Jahre alte Milan nimmt als Running Back eine der schwierigsten Positionen ein. Als Achtjähriger fing er bei den Lübeck Cougars an, wechselte dann zu den Stormarn Wildboars. Er sagt: „„Wenn man als Ballträger durch die Mitte geht und Haken schlägt und dann zusammen mit dem Team einen Touchdown erzielt, ist Adrenalin im Spiel und es macht unglaublich viel Spaß.“

„Die Frauen im American Football sind hammerhart“

Paula Witt (17) hat viele Sportarten ausprobiert, aber immer wieder die Motivation verloren – bis sie American Football entdeckte. „Ich wurde hier mit so offenen Armen empfangen und wertgeschätzt“, sagt die Spielerin. „Das Team hat mir mental und emotional immense Stärke gegeben, und es sind so tolle Freundschaften entstanden.“ Im Fußball sei sie immer diejenige gewesen, die mit ein bisschen zu viel Power aufs Spielfeld gegangen sei. „Hier kann ich ich sein.“ Coach Malinowski sagt: „Die Frauen in diesem Sport sind hammerhart.“ Aus eigener Erfahrung wisse er, dass es für Männer „nicht so schön ist, gegen Frauen zu spielen“.

Maike Dahl vom Orga-Team sagt: „Wichtig ist, dass man gute Coaches hat, die den Spielern beibringen, wie sie sich verhalten müssen, um sich nicht zu verletzen.“ Ihr Sohn habe ein bisschen Bedenken vor dem ersten Tackle gehabt, sei dann zwei, drei Meter geflogen, bis er auf dem Boden gelandet sei. „Ich dachte, das war’s jetzt, aber er stand auf und sagte: ,Noch mal!’“ Es sei völlig egal, ob man dünn oder dick, groß oder klein sei: „Wir finden für jeden Spieler die passende Position“, verspricht Dahl.

Tobias Schmitt (18) hat an seiner Schule eine Football-AG besucht. Das Training bei den Wildboars habe ihm „von der ersten Minute an gefallen“, sagt der Abiturient, der in der Linie spielt. Dafür wende er gern einen Teil seiner Freizeit auf. Denn zweimal trainieren in der Woche ist Pflicht. Der monatliche Mitgliedsbeitrag liegt bei rund 20 Euro. Die Standardausrüstung kostet 600 Euro. Mehr Infos und die Kontaktdaten finden sich unter stormarn-wildboars.de.

Wann und wo die Wildboars trainieren

Die jüngsten Spieler der Stormarn Wildboars heißen Piglets (Ferkel). Die Sieben- bis 13-Jährigen spielen Flag Football. Ihre Trainingszeiten sind Dienstag von 17 bis 18.30 Uhr und Donnerstag von 17.15 bis 18.45 Uhr. Die Teams U16 und U19 (13 bis 19 Jahre) trainieren in Zwei-Stunden-Einheiten: Dienstag von 18 bis 20 Uhr, Donnerstag von 18.30 bis 20.30 Uhr. In die Herrenmannschaft, die sich noch im Aufbau befindet, werden Spieler ab 19 Jahren aufgenommen. Bis die erforderliche Mannschaftsstärke erreicht wird, trainieren sie mit dem U19-Team. Muss das Training im Winter in die Halle verlegt werden, ändern sich auch die Trainingszeiten. Die jeweils aktuellen Termine finden sich auf stormarn-wildboars.de. Trainiert wird auf dem Gelände des TSV Bargteheide oder in der KGB-Sporthalle, Alte Landstraße 81.

( nick )

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