Tischtennis

Von Odessa nach Ahrensburg – für ein Tischtennis-Spiel

| Lesedauer: 6 Minuten
Arne Bachmann
Oleksii Dehtiarov ist extra aus Odessa angereist, um für die Tischtennisherren des SSC Hagen Ahrensburg gegen den SV Friedrichsort zu spielen.

Oleksii Dehtiarov ist extra aus Odessa angereist, um für die Tischtennisherren des SSC Hagen Ahrensburg gegen den SV Friedrichsort zu spielen.

Foto: Henrik Bagdassarian / HA

Im Ukraine-Krieg verlor Oleksii Dehtiarov seinen Bruder. Nun stand er erstmals wieder in Norddeutschland an der Platte.

Ahrensburg.  Die Reise aus dem zerstörten Kriegsgebiet ins beschauliche Schleswig-Holstein muss für Oleksii Dehtiarov sehr früh beginnen: 16 Stunden mit dem Zug bis Przemyśl in Polen, von dort aus 15 Stunden mit dem Bus. Zwei Tage nach der Abfahrt in Odessa steht der 29 Jahre alte Ukrainer an der Tischtennisplatte. Oberliga-Punktspiel mit dem SSC Hagen Ahrensburg, für ein paar Stunden alles vergessen.

Das erste Mal seit dem Beginn des russischen Angriffskrieges wieder in Ahrensburg

Dehtiarov spielt seit rund drei Jahren für den Verein aus der Schlossstadt. Früher reiste er regelmäßig an, damals noch wesentlich komfortabler. Nun ist er das erste Mal seit dem Beginn des russischen Angriffskrieges wieder in Ahrensburg, im Februar war er schon mal extra für ein Auswärtsspiel nach Berlin gereist. Die Kosten tragen Sponsoren und spendable Vereinsmitglieder. Der Aufwand ist trotzdem riesig. Aber es geht um mehr als bloß um Tischtennis.

In seiner Heimat gibt es jeden Tag Alarm

„In Deutschland empfinde ich Freiheit“, sagt Dehtiarov. „Und überhaupt keinen Druck.“ In seiner Heimat erlebt er dagegen Schreckliches. Auch wenn Odessa nicht ganz so schlimm betroffen ist wie andere Regionen und er zumindest unregelmäßig in seinen Jobs in der IT-Branche und an seiner eigenen Tischtennis-Schule arbeiten kann, ist er tagtäglich mit dem Krieg konfrontiert. „Jeden Tag gibt es Alarm in Odessa, der Flughafen wird bombardiert“, erzählt Dehtiarov. „Bei Alarm geht es in die U-Bahn oder in den Luftschutzkeller.“

Die schlimmste Nachricht für ihn und seine Familie kam im vergangenen Frühjahr – mit der Post: Sein älterer Bruder Serhii Mostovenko sei bei einem Militäreinsatz in Mariupol gefallen, stand da geschrieben. Der Leichnam konnte nicht geborgen werden, ein Begräbnis gab es nicht. „Meine Eltern sind immer noch geschockt und können es nicht glauben, dass er tot ist“, sagt Oleksii, der nach dem Tod seines Bruders in den nächsten fünf Jahren nicht zum Militär eingezogen wird. Das sieht eine Verordnung der ukrainischen Regierung vor.

Landsmann und Freund Dmytro Asieiev hilft beim Dolmetschen

Dehtiarov erzählt in seiner Landessprache. Beim Dolmetschen hilft ein weiterer Ukrainer, der seit Jahren in Ahrensburg Tischtennis spielt: Dmytro Asieiev (26). Die beiden sind seit 20 Jahren befreundet, den Kriegsbeginn erlebten sie auf kuriose und dramatische Weise völlig unterschiedlich, und auch hier spielte der Sport eine entscheidende Rolle. Nur weil er zu einem Spiel der Ahrensburger Oberligamannschaft reiste, befand sich Asieiev zu dem Zeitpunkt in Norddeutschland statt in seiner Heimatstadt Charkiw. Tischtennis bewahrte ihn vor dem Krieg. Dehtiarovs Flug wäre einen Tag darauf gegangen – zu spät. Die Bombardierungen hatten begonnen, er konnte das Land nicht mehr verlassen.

Dmytro, von allen nur „Dima“, genannt, kam in Ahrensburg unter und war in Sicherheit. Trotzdem begann auch für ihn eine Leidenszeit. Zwischendurch habe er drei Tage und Nächte am Stück nicht geschlafen, erzählte er damals dem Abendblatt. Ununterbrochen verfolgte er die Nachrichten, sah Videos von Bombenangriffen auf seine Heimat und wartete auf Lebenszeichen seiner Eltern und Freunde.

Ein Jahr später ist die Geschichte von Dima auch eine schöne: Seinen Eltern gelang noch im März 2022 eine gefährliche Flucht mit dem Auto. Mithilfe des Vereins ist die Familie mittlerweile im Kreis Stormarn sesshaft geworden: Mutter Yaroslavna, früher selbst hervorragende Tischtennis-Spielerin, arbeitet als Jugendtrainerin im SSC Hagen. Die promovierte Professorin ist außerdem als freiberuflich tätige Wissenschaftlerin mit der Universität in Charkiw verbunden.

Kommende Woche geht es für Oleksii Dehtiarov zurück ins Kriegsgebiet

Mit ihrem Ehemann lebt sie in Ahrensburg, in unmittelbarer Nähe zur Sporthalle. Gennadiy Asieiev arbeitet als Ingenieur. Dima hat eine Wohnung in Hoisdorf bezogen und verdient sein Geld als Trainer in Ahrensburg und bei Borussia Düsseldorf, dem erfolgreichsten Tischtennisverein Deutschlands. Nebenbei lernen die drei Deutsch.

Auch Oleksii Dehtiarov jobbt nun bei Gelegenheit als Jugendtrainer in Ahrensburg. Er wird wie auch Dima und Yaroslavna Asieiev aus dem Bundesprogramm „Integration durch Sport“ und dem Landessportverband Schleswig-Holstein gefördert.

Eingefädelt hat das Erhard Mindermann, Trainer, Jugendwart und Pressesprecher der Ahrensburger Tischtennis-Abteilung. Angesprochen auf die ukrainischen Vereinsmitglieder, gerät er ins Schwärmen. „In meiner 23-jährigen Laufbahn als Trainer habe ich selten Trainer wie Yaro, Dima und Oleksii gesehen, die mit so viel Kreativität, Einfühlungsvermögen in die Kinder, Kompetenz und Spaß Jugendtraining zum Erlebnis machen“, sagt er. „Sie sind eine absolute Bereicherung für unseren Verein. Die Kinder lieben das Training mit ihnen.“

In der Oberliga kann Oleksii Dehtiarov immer noch mithalten

Auch in der Oberliga kann Oleksii Dehtiarov immer noch mithalten. Bei seinem Heimspiel-Comeback gewinnt er im Doppel an der Seite seines Freundes Dima und gestaltet auch eines seiner zwei Einzel erfolgreich. Am Ende gewinnt der SSC Hagen Ahrensburg auch dank seiner ukrainischen Leistungsträger mit 6:4 gegen den SV Friedrichsort und sammelt wichtige Punkte gegen den Abstieg.

Nachher hat Oleksii Dehtiarov noch Zeit für Gespräche mit den Zuschauern, die sein von langen Ballwechseln geprägtes Spiel lieben. Er bleibt noch eine Woche, um den Ahrensburger Nachwuchs zu trainieren und für das Auswärtsspiel mit seiner Mannschaft am kommenden Wochenende in Rostock.

Danach begibt sich Oleksii wieder für anderthalb Tage auf Reisen, zurück nach Odessa, ins Kriegsgebiet. Er wolle seinen Eltern Beistand leisten, erzählt er Dima, der wieder übersetzt. Seine Wünsche für die Zukunft? Endlich wieder regelmäßig arbeiten, die eigene Tischtennis-Schule weiter ausbauen und wieder häufiger für den SSC Hagen Ahrensburg an der Platte stehen. „Die Anreisestrapazen“, sagt Oleksii Dehtiarov, „sind mir egal.“

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