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Wie es ein Bargfelder in die Premier League schaffte

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Arne Bachmann
Brentfords Vitaly Janelt (l.) kämpft mit Arsenals Granit Xhaka um den Ball.

Brentfords Vitaly Janelt (l.) kämpft mit Arsenals Granit Xhaka um den Ball.

Foto: Ian Walton / dpa

Fußballprofi Vitaly Janelt wurde auf Heimatbesuch von seinem ersten Jugendverein ausgezeichnet. Das Abendblatt durfte dabei sein.

Bargfeld-Stegen.  Im Haus der Familie Janelt ist im Moment wenig Platz. Auf dem Esstisch stapeln sich Kartons und dicke Ordner. Alte Zeitungsausschnitte sind darin, Fotos, Erinnerungen und Unterlagen. Das alles gehört zu dem jüngsten der vier Söhne, der gerade für ein paar Tage mal wieder zu Hause ist. Vitaly trägt eine Jogginghose und fragt seine Eltern, wo seine Jacke ist. Es scheint alles wie früher, alles ganz normal.

Schon als 15-Jährige war die Premier League sein Traumziel

Ob ein Unwissender wohl glauben würde, dass hier ein international bekannter Fußballprofi seine Jacke sucht? Ein Spieler aus der besten Liga der Welt, dessen Marktwert auf sieben Millionen Euro geschätzt wird? Mehr als sieben Jahre ist es her, dass die Familie zuletzt Besuch vom Hamburger Abendblatt hatte. Der Artikel handelt damals von den vier fußballverrückten Brüdern, deren Vornamen allesamt mit V beginnen und die als Kinder in der Zufahrtsstraße beim Kicken so manche Lampe der Nachbarn zerschossen. Vitaly ist damals 15 Jahre jung, der talentierteste des Quartetts und sagt zum Reporter: „Am liebsten würde ich in England spielen. Dort gefallen mir die Stadien am besten.“

Der 23-Jährige ist der ganze Stolz des Dorfclubs Bargfelder SV

Heute ist Vitaly Janelt 23 Jahre alt und sagt vom Reporter auf diese Anekdote angesprochen: „Ach, echt? Das weiß ich gar nicht mehr.“ Ist ja auch egal, denn diesen Jugendtraum hat er sich erfüllt. Und wie: Vergangene Saison feierte der Mittelfeldspieler mit dem Londoner Verein Brentford FC nach 74 Jahren die Rückkehr in die Premier League und vor wenigen Wochen im Auftaktspiel gegen den großen FC Arsenal einen historischen 2:0-Sieg. Dazwischen liegt der EM-Titel mit der Deutschen U21 von Trainer Stefan Kuntz. Es waren unglaubliche Monate für den ruhigen jungen Mann, der das Fußballspielen beim Bargfelder SV begann und längst der große Stolz des Dorfclubs ist.

Ehrenmitgliedschaft wurde zuletzt vor zehn Jahren verliehen

Zwei Vereinsvertreter sind vorbeigekommen, um Janelt eine Urkunde über die Ehrenmitgliedschaft zu überreichen. Anekdoten werden ausgetauscht, alte Fotos gezeigt. Eine Ehrenmitgliedschaft ist bei dem Verein aus dem Westen Stormarns nichts, was mal eben so verliehen wird. Die Idee musste auf der Jahreshauptversammlung abgesegnet werden, letztmals hat es das vor zehn Jahren gegeben. „Für unseren Verein ist es natürlich sensationell, dass so ein Spieler die ersten dreieinhalb Jahre seiner Laufbahn bei uns verbracht hat“, sagt Dirk Rathje. Der Geschäftsstellenleiter kann sich noch gut an den kleinen Steppke erinnern, der damals schon herausstach. „Er war eindeutig unterfordert.“

Was einmal daraus erwachsen würde, ahnte damals niemand, schon gar nicht Vitaly selbst. „Da denkt man nicht über Erfolge nach, es ist nicht so wichtig, ob du gewinnst oder nicht“, sagt Janelt, als er an der einzigen freien Ecke des Esstisches sitzt. „Es war einfach eine coole Sache, montags in der Schule zu erzählen, wie das Spiel am Wochenende war.“

Der jüngste von vier Brüdern spielte schon beim HSV und RB Leipzig

Über den SSC Hagen Ahrensburg ging Vitaly in den Jugendbereich des HSV, war als Balljunge erstmals ganz nah dran an seinen Vorbildern. Mit seinem Wechsel zu RB Leipzig lernte er früh, von zu Hause weg zu sein. Beim Zweitligisten VfL Bochum wurde er zum Profi, spielte dort dreieinhalb Jahre und immer wieder erfolgreich in den Jugend-Nationalmannschaften. Dann geriet seine Karriere erstmals ein bisschen ins Stocken – und es kam das Angebot vom damaligen Zweitligaclub aus London.

Vitaly hat sich mit Lebensgefährtin Ines verlobt

„Vorher war England ein Traum, aber ich hätte nie gedacht, dass es so schnell klappt“, sagt Janelt. Das Abenteuer hätte nicht besser ausgehen können, wobei ihm seine früheren Erfahrungen, der Heimat fern zu sein, halfen. „Man sagt am Anfang schüchtern Hallo und nach ein, zwei Monaten hat man sich eingelebt“, sagt er. Seinen Platz in der Mannschaft fand er auf und neben dem Platz schnell und hat sich auch privat eingerichtet. Janelt wohnt im Stadtteil Brentford in einem Appartement, wenige Fußminuten vom Stadion entfernt. Mittlerweile ist auch seine langjährige Lebensgefährtin Ines eingezogen, vor Kurzem haben sich die beiden verlobt.

Seine Zukunft sieht er in England

Er fühle sich wohl, sehe seine Zukunft erst mal in England, sagt Janelt. Einen Masterplan verfolge er dabei nicht. „Ich gehe es gelassen an, versuche mein Ding durchzuziehen, mache mir keinen Druck. Die nächsten Ziele sind, mit der Mannschaft nicht abzusteigen und persönlich so viele Spiele wie möglich machen.“ Eine Rückkehr zum HSV ist aktuell kein Thema. „Aber wer weiß schon, was in drei, fünf oder sieben Jahren ist“, sagt der ehemalige Jugendspieler der Rothosen. „Irgendwann könnte das schon eine Option sein.“

Seine Ehrenmitgliedschaft beim Bargfelder SV wird der Fußballprofi übrigens bei jedem Heimatbesuch nutzen – in der Tennissparte. Der aktuelle Fußball-Abteilungsleiter Rüdiger Schmidt hat ihn dort schon getroffen. „Das zeigt, dass er uns nicht vergisst“, sagt Schmidt. „Vitaly ist einfach ein ordentlicher und bodenständiger Typ. Seine Familie muss sehr vieles richtig gemacht haben.“ Wenn das kein Zitat für den Erinnerungs-Ordner ist...

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