Seniorenprojekt

Glücksgefühle auf Reinbeker Sportplatz

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René Soukup
Endlich wieder Sport in der Gruppe: Die Senioren folgen den Anweisungen von Übungsleiterin Maria Louisa Trimarchi.

Endlich wieder Sport in der Gruppe: Die Senioren folgen den Anweisungen von Übungsleiterin Maria Louisa Trimarchi.

Foto: René Soukup

Seniorengruppe startet Außenaktivitäten bei der TSV Reinbek. Zuvor gab es für die Teilnehmer über Monate Fenstergymnastik.

Reinbek.  Aus der Bluetooth-Box von Maria Louisa Trimarchi klingt der Song „Rote Lippen soll man küssen“. Die Übungsleiterin der TSV Reinbek steht an diesem sonnigen Morgen auf dem Kunstrasenplatz am Mühlenredder, dann bewegt sie sich im Takt der Musik und gibt Instruktionen. Neun Senioren, die meisten davon älter als 80 Jahre, haben sich um die Italienerin positioniert, kreisen mit den Armen und ziehen kurz darauf ein Bein an. Einige haben einen Rollator dabei, andere einen Klappstuhl mitgebracht. Alle leben in einer Wohnanlage für ältere Menschen im Arthur-Goldschmidt-Weg nur einen Steinwurf entfernt – und freuen sich über körperliche Betätigung an der frischen Luft.

„Das ist ein Glücksgefühl. Mir geht es vor allem auch um das Zusammensein mit anderen Menschen“, sagt Wilfried Bley. Von November bis Ostern war für den 86-Jährigen ausschließlich Fenstergymnastik angesagt. Trimarchi und ihre Kollegin Babette Rackwitz-Hilke besuchten die Seniorenwohnanlage regelmäßig und machten Übungen vor der Tür vor, während die Bewohner diese in ihren Zimmern wiederholten. Das hält zwar fit, hat aber weniger gesellige Komponenten als die Open-Air-Variante. Für Bley ist die Sache klar: „Draußen ist es wesentlich besser als Fenstergymnastik.“ Der Konditormeister ist ein sportlicher Typ. Vor Corona war er zweimal pro Woche beim Seniorentanzen, unterhielt bei Feiern das Publikum mit seinem Keyboard. Die Kontaktbeschränkungen in der Pandemie haben ihm zugesetzt – wie so vielen Senioren.

TSV-Angestellte konzipiert DVD mit Sportübungen für ältere Menschen

„Die Menschen haben sich isoliert gefühlt und sind im zweiten Lockdown mitunter depressiv geworden“, berichtet Rackwitz-Hilke. Die 60-Jährige ist bei der TSV in Festanstellung, arbeitet zu je 50 Prozent im Büro und als Trainerin mit dem Schwerpunkt Senioren. Um jenen zu helfen, die kein digitales Endgerät haben und somit nicht auf die Livestream- und Videoangebote des Vereins zurückgreifen konnten, hat sie eine DVD mit Sportübungen konzipiert. Zusätzlich gab es nahezu wöchentlich ein Heft samt detaillierter Anleitung mit dem Titel Seniorengymnastik für die Mitglieder über 60 Jahre und auch Altenheime in der Stadt.

Dass an diesem Tag nur neun ältere Menschen auf dem Kunstrasenplatz aktiv sind, begründet Rackwitz-Hilke mit den kühlen Temperaturen. Bei der Fenstergymnastik waren immerhin bis zu 30 Frauen und Männer am Start. Aber frieren werden die Teilnehmer in den 40 Minuten inklusive kurzer Getränkepause nicht. Marianne Pincus zieht schon nach nicht einmal der Hälfte der Zeit die Ärmel ihrer Jacke nach oben. Der Spaß ist ihr anzusehen. Das manifestiert sich in einem Dauergrinsen. Man hat das Gefühl, die 86-Jährige kann gar nicht genug bekommen von den Bewegungsanleitungen. Und so ist es wohl auch. „Ich mache morgens und mittags Tele-Gym, schaue dazu den Bayerischen Rundfunk und ARD-alpha, absolut empfehlenswert“, erzählt Pincus.

Die Gruppe trifft sich zweimal in der Woche

Sie ist Vereinsmitglied, eine Voraussetzung für die Teilnahme an diesem Kursus ist das aber nicht. Es handelt sich um ein offenes Angebot. Die Stimmung ist locker, alle duzen sich. Die 50 Jahre alte Trimarchi animiert stetig und lobt: „Ihr seid spitze heute.“ Kaum hat sie das ausgesprochen, entgegnet eine Seniorin mit Sonnenbrille: „Dann kriege ich jetzt einen Orden.“ Alle lachen. Sie gebe viel und bekomme noch mehr zurück, die Menschen seien einfach dankbar, sagt Trimarchi, die als Honorarkraft im Rehabereich bei der TSV arbeitet und Herzsportgruppen in Glinde sowie in Schwarzenbek leitet. Die gelernte Steuerberaterin hatte zuvor mit ihrem Mann ein Fitnessstudio für Frauen betrieben.

Ihr Ziel ist es, die Menschen beweglicher zu machen, damit sie ihren Alltag besser bewältigen können. Sie betont dabei das soziale Element. Zweimal pro Woche trifft sich die Gruppe. Ein positiver Nebeneffekt: In jüngster Zeit sind laut Rackwitz-Hilke Senioren dem Verein beigetreten. Neue Mitglieder kann die TSV Reinbek gut gebrauchen. Die Zahl ist während Corona binnen eines Jahres von 3615 auf 3297 gesunken. Wie berichtet, sind auch andere Stormarner Großvereine von dem Trend betroffen. Wilfried Bley sagt: „Auch wenn ich 100 bin, würde ich nicht austreten.“

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