Bad Oldesloe

Julia Görges: Rückblick auf eine Tennis-Karriere

| Lesedauer: 7 Minuten
Janina Dietrich
Ihr erstes WTA-Turnier gewann sie 2010 in Bad Gastein.

Ihr erstes WTA-Turnier gewann sie 2010 in Bad Gastein.

Foto: Matthias Hauer / WITTERS

Abendblatt-Redakteurin Janina Dietrich verfolgte den Weg der Oldesloerin in die Weltspitze von Anfang an. Ein persönlicher Rückblick.

Bad Oldesloe.  Für viele Menschen in Stormarn war es jahrelang etwas ganz Besonderes, „ihre“ Julia Görges aus Bad Oldesloe bei den größten Tennisturnieren der Welt zu sehen. Bei ihren Spielen in Wimbledon, New York oder Paris vor dem Fernseher zu sitzen und mitzufiebern. Den Menschen zu kennen, der nach Turniersiegen in Bad Gastein, Stuttgart oder Auckland von den Zuschauern umjubelt den Pokal in die Luft stemmt.

Mir ging es da nicht anders. Ich spiele selbst seit meiner Kindheit Tennis, kenne Julia Görges noch von diversen Jugendturnieren in Schleswig-Holstein. ​Nun hat die Stormarnerin mit 31 Jahren ihren Rücktritt vom Profitennis verkündet. Zeit für einen persönlichen Rückblick auf eine bemerkenswerte Sportkarriere.

Oldesloerin Julia Görges beendet ihre Tennis-Karriere

​Zum ersten Mal habe ich „Jule“ beim Glinder Ferienturnier gesehen. Im Jahr 2000 oder 2001 muss das gewesen sein. Beide Male hat sie das Turnier gewonnen, so ist es in der Siegerliste des TSV Glinde festgehalten. Schon damals hat sie die Aufmerksamkeit auf sich gezogen, weil sie ältere und teils deutlich kräftigere Spielerinnen geschlagen hat. Das hat auch mich beeindruckt.

Ein Jahr später, im Juli 2002, haben wir an gleicher Stelle zum ersten und einzigen Mal gegeneinander gespielt. Es war in der dritten Runde der U-16-Konkurrenz und die damals 13-Jährige hat mich mit 6:0, 6:1 vom Platz gefegt. An das Match selbst kann ich mich nicht mehr erinnern – aber noch daran, dass ein Fotograf die ganze Zeit die Kamera auf Julia Görges gerichtet hatte.

Mit 17 Jahren gewinnt die Oldesloerin erstes ITF-Turnier

Er hatte definitiv das richtige Gespür, obwohl die Oldesloerin damals noch weit von der Spitze entfernt war. In der deutschlandweiten Rangliste der unter 18-Jährigen wurde sie auf Platz 423 geführt, in ihrer Altersklasse stand sie in Schleswig-Holstein auf Position drei. In dem Jahr hat sie zum dritten Mal hintereinander das Glinder Ferienturnier gewonnen.

Angefangen hat alles in ihrem Geburtsort Bad Oldesloe. Schon als Kleinkind wurde sie Mitglied im THC Blau-Weiß Bad Oldesloe, dem Club ihrer Eltern. Mit fünf Jahren nahm sie erstmals einen Schläger in die Hand. Ihr Vater Klaus spielte ihr auf einem Kleinfeldplatz einige Softbälle zu. „Viele habe ich da allerdings noch nicht über das Netz gebracht“, erinnert sich Görges​ in einem Interview des Deutschen Tennis-Bunds.

Görges wechselte mit 13 Jahren zum THC Ahrensburg

Doch sie lernte schnell: Schon bald spielte sie Punktspiele, oft auch mit den stärkeren Jungs. Mit zwölf Jahren durfte die Oldesloerin dank einer Sondergenehmigung bei den Erwachsenen aufschlagen. Das war auch die Zeit, in der sie erstmals davon geträumt habe, Tennisprofi zu werden, verriet sie mir später.

Mit 13 Jahren wechselte sie zum THC Ahrensburg. In Bad Oldesloe besuchte sie zunächst weiter die Theodor-Mommsen-Schule, verließ diese aber nach der mittleren Reife im Jahr 2005, um sich ausschließlich auf das Tennisspielen zu konzentrieren. „Beides, Abitur und Profikarriere, geht meiner Meinung nach nicht“, sagte sie mal. „Meine Trainer haben mir gesagt, ich hätte das Potenzial. Deshalb habe ich mich fürs Tennis entschieden.“ Vorher habe sie alles genau mit ihren Eltern durchdacht.

Abendblatt-Redakteurin traf Görges immer mal wieder für Interviews

2006 kreuzten sich unsere Wege erneut, als Julia Görges mit 17 Jahren ihren ersten Einzeltitel auf der ITF-Tour – der unteren Ebene der internationalen Turniere – gewann. Die Veranstaltung war auf der Anlage meines damaligen Tennisvereins in Wahlstedt (Kreis Segeberg), für den ich auch die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit machte. Statt gegeneinander zu spielen trafen wir uns nun immer mal wieder für Interviews.

2008 und 2009 startete Julia Görges mit unserer Wahlstedter Damenmannschaft in der Zweiten Bundesliga und lockte bei den Heimspielen viele Zuschauer auf die Anlage. Denn sie hatte sich zu dieser Zeit in der Tennisszene bereits einen Namen gemacht. 2007 war sie erstmals im Hauptfeld eines Grand-Slam-Turniers gewesen. Bei den US Open durfte sie direkt auf dem Centercourt in New York gegen die damalige Weltranglistenerste Justine Henin aus Belgien loslegen. Das Spiel ging glatt verloren, aber: „Es war etwas Außergewöhnliches und Besonderes“, sagte sie mir später über das Erlebnis. „Atmosphäre und Stimmung waren überwältigend und gegen die Nummer 1 der Welt spielt man ja auch nicht jeden Tag ...“.

2011 gelingt der Durchbruch in die Weltspitze

In den folgenden Jahren wurden solche Auftritte für die Stormarnerin zur Normalität. 2010 gewann sie im österreichischen Bad Gastein ihren ersten WTA-Titel, ein Jahr später gelang ihr mit dem Sieg beim Turnier in Stuttgart ihr erster richtig großer Triumph. In der Weltrangliste kletterte sie danach unter die Top 30, spätestens da war die Oldesloerin in der Weltspitze angekommen. Nach dem Erfolg habe ich mit ihr für einen Bericht im Abendblatt gesprochen. Über Bad Oldesloe sagte sie damals: „Hier habe ich meine ganze Kindheit verbracht und fühle mich extrem wohl.“

Mittlerweile lebt sie seit einigen Jahren in Regensburg, Besuche in der Heimat seien wegen des straffen Turnierkalenders selten geworden. Ihre Familie habe sie zuletzt nur zwei bis drei Mal im Jahr sehen können, sagte sie in einem Interview. Viele Menschen in Stormarn haben ihren Werdegang trotzdem genauestens verfolgt. Als sie 2012 zum Auftakt der Olympischen Spiele sensationell die damalige Weltranglisten-Zweite Agnieszka Radwanska aus Polen besiegte, begeisterte das Fans und Freunde in ihrer Heimatstadt.

Gejubelt wurde zum Beispiel im Glacehaus, ihrem Lieblingsrestaurant aus Kinder- und Jugendtagen. „Sie liebt Croque mit Schinken“, erzählte ein Mitarbeiter. „Das hat sie schon als kleines Kind bestellt. Aber ohne Tomaten, das ist ganz wichtig.“ Die damalige Jugendwartin des THC Blau-Weiß Bad Oldesloe, Dorit Schüler, sagte: „Ich hoffe, dass ihre Leistung unsere Kinder und Jugendlichen anspornt, denn Julia Görges zeigt, dass man es mit viel Ehrgeiz hoch in die Weltspitze schaffen kann.“

Mit einem Brief verabschiedet sich Görges vom Tennis

Mit einem emotionalen Brief an „das Tennis“ hat sich Julia Görges nun von ihrem Profileben verabschiedet. „Als ich mit fünf Jahren mit Dir angefangen habe, hätte ich niemals gedacht, dass wir einen so langen Weg zusammen gehen“, schreibt sie. „Du hast mir so viele verschiedene Emotionen auf unserer Reise beschert und ich bin sehr dankbar für alles, was Du mir gezeigt und beigebracht hast.“

Für viele Stormarner – und auch für mich – wird das Verfolgen der Damentour nun ein ganzes Stück langweiliger werden. Das Mitfiebern vor dem Fernseher, etwa beim Einzug ins Halbfinale von Wimbledon im Jahr 2018, wird fehlen.

Danke, liebe Jule, dass du uns auf diese spannende Reise in die große Tenniswelt mitgenommen hast. Für die Zukunft alles Gute!

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