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Schiedsrichterin Susann Kunkel vermisst die Stadionstimmung

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Arne Bachmann
Szene aus dem Frauen-Bundesligaspiel am vergangenen Mittwoch: Pernille Harder (M.) vom Deutschen Meister VfL Wolfsburg läuft der Freiburgerin Janina Minge (r) davon. Schiedsrichterin Susann Kunkel (l.) beobachtet die Szene aufmerksam.

Szene aus dem Frauen-Bundesligaspiel am vergangenen Mittwoch: Pernille Harder (M.) vom Deutschen Meister VfL Wolfsburg läuft der Freiburgerin Janina Minge (r) davon. Schiedsrichterin Susann Kunkel (l.) beobachtet die Szene aufmerksam.

Foto: Hauke-Christian Dittrich / dpa

Die Unparteiische des SV Eichede ist nach dem Re-Start regelmäßig in der Frauen-Bundesliga im Einsatz – zuletzt in Wolfsburg.

Steinburg.  Bevor Susann Kunkel endlich wieder ein Fußballstadion betreten darf, wird am Einlass ihre Temperatur gemessen. In den Katakomben trägt sie wie alle anderen Menschen eine Maske, der übliche Smalltalk fällt aus und die Tribüne bleibt menschenleer. Nach der Corona-Pause ist in der Bundesliga alles anders. Auch und gerade für die Schiedsrichter.

Funkel ist Schleswig-Holsteins Schiedsrichterin des Jahres

Die Partie zwischen Turbine Potsdam und dem FC Bayern München wird Kunkel nicht so bald vergessen. Dabei hat die 36-Jährige als Unparteiische schon fast alles erlebt. Nach dem verletzungsbedingten Ende ihrer aktiven Laufbahn beim damaligen Zweitligaclub FFC Oldesloe begann Kunkel zunächst ungeplant ihren steilen Aufstieg als Schiedsrichterin. Nach nur wenigen Jahren pfiff sie ab 2012 bereits in der Zweiten Frauen-Bundesliga. Als der FFC aufgelöst wurde, wechselte sie zum SV Eichede und debütierte 2015 in der Regionalliga der Herren sowie in der Frauen-Bundesliga, wo sie mittlerweile mehr als 40 Partien gepfiffen hat.

Ihren Höhepunkt erreichte Kunkel vor rund einem Jahr im Kölner Rheinenergiestadion, als sie vor 17.000 Zuschauern das DFB-Pokal-Finale der Frauen zwischen dem VfL Wolfsburg und dem SC Freiburg (1:0) leitete und positive Kritiken erhielt. Das Fachmagazin Kicker gab ihr die Note 2,0. Im März 2020 wurde Kunkel Schleswig-Holsteins Schiedsrichterin des Jahres.

„Ich habe mich in der Pause fitgehalten“

Trotz ihrer Erfolge ist sie auch der Basis in Stormarn treu geblieben. 2019 leitete sie vor einigen wenigen Zuschauern auf dem Kunstrasenplatz in Trittau ein Kreispokal-Finale der Mädchen – und verzichtete sogar auf die Aufwandsentschädigung.

Normalerweise wäre die Bundesliga-Partie in Potsdam also eine Routine-Aufgabe geworden. Die coronabedingten Umstände und die Rekordpause von drei Monaten machten daraus eine besondere Herausforderung für die Schiedsrichterinnen.

„Ich habe mich in der Pause fitgehalten und vom DFB gab es Videosequenzen von interessanten Szenen“, sagt Kunkel. „Aber drei Monate lang nicht mal Testspiele gepfiffen zu haben, über die man sonst in den Rhythmus kommt, war eine ganz neue Situation. Es ging von Null auf Hundert. Deshalb war die Anspannung bei mir auch deutlich größer als sonst.“

Der DFB hat zum Re-Start allen Unparteiischen freigestellt, während der Corona-Krise auch ohne Begründung aussetzen zu können. „Das fand ich ein gutes Signal. Ich habe mich damit auseinandergesetzt, die Entscheidung fiel mir aber relativ leicht“, sagt die Polizistin, die ihre Eltern wegen der Pandemie wochenlang nicht traf. „Ich nehme die Situation sehr ernst, habe aber keine Angst, dass eine Erkrankung für mich persönlich große Folgen hätte“, sagt sie.

Getrennte Anreise der Schieds-und Linienrichterinnen

Zum Re-Start hatte Kunkel zwei Testungen abzulegen: fünf Tage vor dem Spiel in Hamburg, einen Tag vorher in Bremen. Das Ergebnis liegt innerhalb von 24 Stunden vor, erst dann erfolgte die offizielle Schiedsrichter-Ansetzung. Dies bleibt bis auf Weiteres das übliche Prozedere. Das Hygiene-Konzept des DFB sieht auch eine getrennte Anreise der Schieds- und Linienrichterinnen vor und empfiehlt zum Ausgleich des erhöhten Aufwands eine Gymnastik-Pause auf einer Raststätte. Normalerweise würde eine Linienrichterin, die unter etwas geringerer Anspannung steht, am Steuer sitzen. Nun muss Kunkel selbst fahren.

Auch der Zuschauer-Ausschluss birgt Neuerungen für das Schiedsrichter-Gespann. „Man muss in den Absprachen mit den Assistenten wissen, dass gehört wird, was man bespricht“, sagt Kunkel. So befasste sich die Süddeutsche Zeitung in ihrem Spielbericht über den Sieg der Bayern gleich im Einstieg ausführlich mit einer Absprache zwischen Kunkel und einer Linienrichterin. Im Anschluss nahm das Gespann eine Elfmeter-Entscheidung zurück – regelkonform, wie die Fernsehbilder zeigten. Obwohl mit den Zuschauern auch eine Form von Druck und versuchter Beeinflussung auf die Unparteiischen wegfällt, vermisst Kunkel auf dem Rasen die echte Stadionstimmung.

Alles, was Trainer und Spieler rufen, wird gehört

„Die Atmosphäre ist ganz anders. Man hört wie bei einem Testspiel hauptsächlich, was Trainer und Spieler rufen. Grundsätzlich ist es mit Zuschauern viel reizvoller. Es fehlt zum Beispiel das Raunen nach bestimmten Situationen“, sagt Kunkel. „Bei Spielen der Frauen ist das Publikum zwar grundsätzlich neutraler, unter anderem in Potsdam gibt es aber auch emotionaleres und gegenüber Schiedsrichtern kritischeres Publikum – auch das fehlt mir.“

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