Stormarn
Inklusion

Reinfelder Boris Krünitz fördert Rollstuhl-Basketball

Boris Krünitz (Ahrensburger TSV) ist seit vielen Jahren großer Basketball-Fan.

Boris Krünitz (Ahrensburger TSV) ist seit vielen Jahren großer Basketball-Fan.

Foto: Henrik Bagdassarian / HA

Der 45-Jährige vom Ahrensburger TSV betreibt für seinen Sport eine Facebook-Gruppe, die schon 2130 Mitglieder hat.

Ahrensburg.  Immer wenn seine persönlichen Lebensumstände zum Thema des Gesprächs werden, unterteilt Boris Krünitz sein Umfeld nicht mehr in gesunde und körperlich behinderte Menschen. Er spricht von Fußgängern und Rollstuhlfahrern. Manchmal sind die Grenzen sogar fließend. „Obwohl ich seit meinem 12. Lebensjahr im Rollstuhl sitze, nutze ich wie jeder Fußgänger Formulierungen wie ,ich geh mal eben zum Bäcker’ oder ,ich geh schon mal los’“, sagt der 45-Jährige vom Ahrensburger TSV mit einem Lächeln.

Krünitz spielte früher in der Regionalliga

Seit Jahrzehnten ist Krünitz glühender Anhänger des Basketballsports. Er sagt: „Basketball zählt zu den wenigen inklusiven Rollstuhl-Sportarten, bei denen im Ligabetrieb auch Fußgänger mitspielen dürfen – vorausgesetzt sie sitzen ebenfalls im Rollstuhl.“ Viele Jahre spielte Krünitz, der in Reinfeld lebt, in der Regionalliga. Obwohl er seine aktive Laufbahn längst beendet hat, springt er sofort in die Bresche, wenn Not am Mann ist. Vor Kurzem benötigte das Team Kieler Wheeler III bei den Landesmeisterschaften in Kiel dringend seine Unterstützung. Krünitz absolvierte zwei Partien. Mit seinem Team belegte am Ende Rang sieben.
Mit fünf Rebounds und einem Foul zog er sich dabei achtbar aus der Affäre. Vor drei Jahren baute der Reinfelder beim Ahrensburger TSV die Sparte Rollstuhl-Basketball auf. Heute hat sie 13 Mitglieder. Dabei ging der 45-Jährige auch ungewöhnliche Wege, indem er einige Interessenten über Ebay-Kleinanzeigen akquirierte. Der Kontakt zu dem Anzeigenportal kam durch dessen Aktion „Erzähl mir deine Geschichte“ vor zwei Jahren zustande. „Ich schrieb meine Lebensgeschichte rund um den Rollstuhl-Basketball auf und schickte sie ein“, sagt Krünitz. „Bei der Online-Abstimmung kam ich unter die letzten Fünf und erhielt dafür einen Satz Trikots.“

2500 Rollstuhl-Basketballer nehmen bundesweit am Spielbetrieb teil

Mit Thomas Kriebs („ein Fußgänger“) und Simona Ladzik („eine Rollstuhlfahrerin“) gründete der Stormarner vor einem Jahr die Facebook-Gruppe „We love Wheelchair Basketball“. Das Portal informiert über nationale und internationale Veranstaltungen und teilt Live-Streams. 2130 Mitglieder sind in den vergangenen zwölf Monaten der Gruppe beigetreten. „Damit zählen wir im Rollstuhl-Basketball nach kurzer Zeit bundesweit zu den größten Portalen“, sagt Krünitz. Auch das Fachblatt „Rollt“, nach eigenen Angaben das europaweit einzige Magazin, in dem sich alles um den Rollstuhl-Basketball und eine inklusive Gesellschaft dreht, gehört zu den Usern der Plattform. „Bundesweit gibt es 145 Vereine mit mehr als 2500 Rollstuhl-Basketballern, die an einem organisierten Spielbetrieb teilnehmen“, sagt Krünitz. Das weiter steigende Interesse an der Sportart erklärt Krünitz wie folgt: „Sportinvaliden können nach dem sechsten Kreuzbandriss ihrer Leidenschaft im Rollstuhl weiter nachgehen und Familien mit einem Rollstuhlfahrer in ihren Reihen gemeinsam Sport auf hohem Niveau betreiben“, sagt der 45-Jährige.

Dass der Rollstuhlsport zunimmt, zeigten die im vergangenen Sommer in Hamburg ausgetragenen Weltmeisterschaften. Mehr als 60.000 Zuschauer besuchten das elftägige Spektakel in der Mehrzweckhalle Wilhelmsburg.

Der Reinfelder geht auch in Schulen, um den Sport vorzustellen

Krünitz, der vergangenes Jahr von der Bürgerstiftung Region Ahrensburg den Ehrenamtspreis für soziale Integration erhielt, hält sich auch mit Kritik nicht zurück: „Paralympische Spiele, das Pendant zu den Olympischen Spielen, aber für Menschen mit körperlicher Behinderung, genießen international eine höhere Aufmerksamkeit als die Special Olympics für Menschen mit geistiger Behinderung“, sagt der Stormarner. „Regional ist das häufig genau anders herum.“

Krünitz geht in Schulen, um den Rollstuhl-Basketball vorzustellen. Die Kinder dürfen Fragen jeglicher Art stellen. „Anders als Erwachsene gehen Kinder mit gewissen Themen unbeschwerter um. Sie wollen zum Beispiel wissen, ob auch ich eine Familie gründen und Kinder haben möchte“, sagt der Reinfelder. Der Umgang mit der Begrifflichkeit Inklusion bereitet ihm Kopfzerbrechen. „Inklusion ist zu einem großen Wort geworden, nachdem vor zehn Jahren in Deutschland die UN-Behindertenrechtskonvention in Kraft trat“, sagt Krünitz. „Dennoch hätte wesentlich mehr passieren müssen, um Menschen unabhängig der Einschränkung ein normales Leben zu ermöglichen.“

In Deutschland seien viele Dinge noch zu stark von Vorschriften und DIN-Normen anhängig. Krünitz: „Die Anbringung einer Rampe an einem Gebäude zum Beispiel könnte doch auch mal dann genehmigt werden, wenn sie aufgrund der Gegebenheiten um wenige Grad von der vorgeschriebene Norm abweicht.“