Stormarn
Radsport

Großhansdorfer fährt Radklassiker Paris-Brest

Florian Bolls beim täglichen Training auf dem Oetjendorfer Weg, der von Lütjensee nach Hoisdorf führt.

Florian Bolls beim täglichen Training auf dem Oetjendorfer Weg, der von Lütjensee nach Hoisdorf führt.

Foto: Henrik Bagdassarian / HA

Florian Bolls will 1230 Kilometer in weniger als 90 Stunden bewältigen. 34-Jähriger ist außerdem Vorsitzender des RV Trave.

Grosshansdorf. Mit dem Rennrad 1230 Kilometer in weniger als 90 Stunden: Paris-Brest-Paris, der älteste Radmarathon Europas, ist ohne Zweifel eine Tortur. Während der Gedanke an die zu erwartenden Strapazen bei manch einem nur ein mitleidiges Kopfschütteln hervorruft, schnellt bei anderen der Adrenalinpegel schlagartig in die Höhe.

„Paris-Brest ist im Radsport der Klassiker unter den Langstreckenveranstaltungen“, sagt Florian Bolls, Vorsitzender des RV Trave. „Sich der Herausforderung tatsächlich zu stellen, beginnt als Gedanke, der langsam zur Idee reift.“ Der Radmarathon startet am 18. August in Rambouillet. Von der kleinen Gemeinde in der Nähe von Paris aus führt der Streckenverlauf zunächst rund 600 Kilometer in Richtung Westen. Das Ziel ist das am Atlantik gelegene Brest.

Anschließend geht es – ohne festgelegte Pausen – die gleiche Strecke wieder zurück in die französische Hauptstadt. 10.000 Höhenmeter – auf rund 360 Anstiege verteilt – muss der 34 Jahre alte Großhansdorfer bewältigen. Dabei wird der Kampf gegen die Müdigkeit zur größeren Herausforderung als der auf Dauer kräftezehrende Tritt in die Pedale. „Wann ich schlafen werde, hängt davon ab, wie ich mich fühle“, sagt Bolls.

Versorgung unterwegs ist wichtig

Jede Kontrollstation bietet die Möglichkeit, eine Kleinigkeit zu essen. Darüber hinaus muss sich jeder Teilnehmer selbst versorgen. „Belegte Schwarzbrote sowie Feigen und Traubenzucker für die Energiezufuhr habe ich dabei. Ansonsten gibt es irgendwo Pizza oder Pasta“, sagt Bolls. „Wichtig ist es, ausreichend zu trinken, um die Magnesium- und Kalziumvorräte wieder aufzufüllen.“

Ambitionierte Spitzenfahrer verzichten weitgehend auf Schlaf und bewältigen die Strecke mit wenigen kurzen Stopps in einer Zeit von knapp 50 Stunden. Andere gönnen sich zumindest nachts einige Stunden Ruhe. Um nachzuweisen, die rund 1200 Kilometer in dem vorgegebenen Zeitfenster bewältigt zu haben, lassen sich die Fahrer an diversen Stationen ihr Fahrtenbuch abstempeln. Um für Paris-Brest zugelassen zu werden, müssen sie zuvor die Distanz von 200, 300, 400 und 600 Kilometern bei einer dafür anerkannten Veranstaltung absolviert haben.

Vorbereitung auch bei winterlichen Temperaturen

Die 300-Kilometer-Strecke nahm Bolls im März bei einer Veranstaltung in Hamburg in Angriff. „Temperaturen knapp über null Grad Celsius, dazu ein eisiger Wind und phasenweise dichter Schneefall, noch nie habe ich in meinem Leben so gefroren“, sagt der 34-Jährige. Die 600 Kilometer entpuppten sich als ähnlich strapaziöse Herausforderung. Der Start erfolgte an einem Freitagabend in dem Hamburger Stadtteil Rothenburgsort. Eine Unwetterfront mit Sturm und Hagel begleitete das Fahrerfeld bis in den Harz hinein.

Bis ins letzte Detail planen wird Bolls den Radmarathon in Frankreich nicht. „Manche Dinge muss man einfach passieren lassen, um sich anschließend auf sie einstellen zu können“, sagt der 34-Jährige mit einem Lächeln. Ungewöhnliche Worte für jemanden, der sich selbst als äußerst strukturiert und organisiert bezeichnet.

„Die Herausforderungen des Privat- und Berufslebens sind die eine Seite, einen Radmarathon zu bewältigen ist dagegen eine komplett andere Sache. Dabei darf man sich vorher nicht zu viele Gedanken machen, das wirkt sich mental eher kontraproduktiv aus, da verliert man schnell die Lockerheit“, sagt der Großhansdorfer.

Ohne den nötigen Biss geht nichts

Im vergangenen Jahr fehlte Bolls schon einmal die für eine derartige Aufgabe nötige Leichtigkeit. Bei einem Radmarathon, der von Großhansdorf aus über Berlin und Köln wieder zurück nach Stormarn führte, stieg er bei Göttingen (Niedersachsen) nach 700 der zu absolvierenden 1500 Kilometer aus. „Zuvor hatte ich mich mit allen möglichen Szenarien auseinandergesetzt“, gibt der Ausdauerathlet zu. „Das hat dazu geführt, dass ich auf der Stecke mit den Gedanken überall war, nur nicht bei der Veranstaltung selbst.“

Mehrere Monate fehlte Bolls der nötige Biss zum Rennradfahren. „Mittlerweile sehe ich es eher als Negativerfahrung, die jeder Radsportler machen sollte, um wichtige Erkenntnisse zu ziehen.“ Bolls, der in Hamburg als Teamleiter Netzwerk und Security arbeitet, ist seit eineinhalb Jahren Vorsitzender des RV Trave. Geografisch ist der Radsportverein zwar in Bad Oldesloe beheimatet, ein Großteil der Mitglieder kommt aber aus Ahrensburg und Umgebung.

Dort hat der Verein auch den Schwerpunkt seiner Aktivitäten. „Die gute Anbindung nach Hamburg und die Nähe zum RV Trave waren zwei der Gründe, weshalb ich vor sechs Jahren aus dem Ammersbeker Ortsteil Hoisbüttel nach Großhandorf gezogen bin“, sagt Bolls, für den Outdoor-Sport eine Art Lebenselixier ist. „Ich brauche die Bewegung an der frischen Luft“, sagt der Ausdauersportler, „nicht nur für den Körper, sondern gerade auch für den Kopf.“