Stormarn
Porträt

Imre Toth meistert jedes Hindernis

Imre Toth hat beim Überqueren eines Hindernisses bereits die nächste Aufgabe fest im Blick

Imre Toth hat beim Überqueren eines Hindernisses bereits die nächste Aufgabe fest im Blick

Foto: Henrik Bagdassarian / HA

Mit 120 Mark kam er nach Hamburg. Jetzt startet der in Ungarn geborene Vielseitigkeitsreiter bei der Europameisterschaft.

Neritz.  Während des Gesprächs mit dem Abendblatt wirkt Imre Toth entspannt und gut gelaunt. Kein Wunder: Für den 37 Jahre alten Vielseitigkeitsreiter vom RV Floggensee läuft zurzeit alles nach Plan. Mit der Holsteiner Stute Zypresse hat sich der gebürtige Ungar für die Europameisterschaft der Vielseitigkeitsreiter im niedersächsischen Luhmühlen (28. August bis 1. September) qualifiziert.

Ein weiteres Ticket für die europäischen Titelkämpfe will er sich Ende Mai bei einem Qualifikationsturnier in Polen mit der Stute Anissa sichern. „Ich bin einfach unglaublich stolz und glücklich, es so weit geschafft zu haben. Vor allem wenn ich bedenke, dass ich vor einigen Jahren mit nichts in der Hand nach Deutschland gekommen bin“, sagt Toth mit einem Lächeln.

Der Reitsport brachte ihn nach Deutschland

Pferde haben früh die Lebensgeschichte des Ungarn geprägt. Als Kind bekam Toth in der Heimat von seinem Vater ein Pony geschenkt. Von da an entfachte in ihm der brennende Wunsch, später auch beruflich mit den Tieren zu arbeiten. Jeden selbst verdienten Forint investierte der junge Toth daraufhin in die reiterliche Ausbildung. Sogar den damaligen Trainern der olympischen Vielseitigkeitsreiter Ungarns engagierte er eine Zeit lang.

Die Zusammenarbeit trug Früchte: 1999 qualifizierte sich Toth für die Vielseitigkeits-EM der Jungen Reiter in Frankreich. „Dort wurde mir allerdings sofort klar, dass ich noch enorm viel lernen muss. Das konnte ich allerdings nur in einem Land wie Deutschland erreichen“, sagt Toth.

Mit 120 Mark und Sporttasche in ein neues Leben

Mit 120 Deutschen Mark in der Tasche und einer kleinen Sporttasche mit den nötigsten Utensilien in der Hand ließ er sich damals von seinem Bruder mit dem Auto zur nächstgrößeren Straße der westungarischen Stadt Györ bringen. Toth stieg aus, hielt den Daumen in den Wind und bewältigte die rund 1000 Kilometer nach Hamburg per Anhalter.

Ein Freund hatte ihm zuvor den Kontakt zu der Stormarner Vielseitigkeitsreiterin Marina Köhncke vermittelt. Die Badendorferin bot ihm daraufhin einen Job als Hilfskraft auf ihrer Reitanlage an. Der deutschen Sprache kaum mächtig überzeugte der junge Toth vom ersten Tag an durch Einsatz, Zuverlässigkeit und ein außergewöhnliches Händchen für Pferde. „Ich besaß weder Reitstiefel noch eine Reithose“, sagt Toth. „Mit meinem ersten Lohn sind Marina und ich losgefahren und haben mir erst einmal das Nötigste gekauft.“ Das war im Jahr 2000.

Toth hat seine sportliche Heimat gefunden

Der nächste große Schritt in der Laufbahn des jungen Ungarn folgte acht Jahre später: Auf der Reitanlage von Bernd Carstens in Oststeinbek machte Toth sich als Bereiter und Ausbilder selbstständig. Später pachtete er die Alte Vogtei in Grönwohld. „Es waren Zeiten mit vielen Höhen und Tiefen. Manchmal spielte ich sogar mit dem Gedanken, alles hinzuschmeißen“, sagt Toth, fügt dann aber mit einem Augenzwinkern hinzu: „Allerdings war Aufgeben für mich nie wirklich eine Option.“

Vor gut fünf Jahren lernte er Susanne Wulfsberg vom Hof Floggensee kennen. Die Chemie zischen beiden stimmte sofort. Auf der Reitanlage in Neritz hat Toth seitdem seine sportliche Heimat gefunden. Gemeinsam mit Lebensgefährtin Aenny Lütjens leitet er dort die Spring- und Vielseitigkeitsausbildung. Im Norden Deutschlands fühlt Toth sich pudelwohl. „Ohne die Holsteiner Menschen und Pferde kann ich mir zurzeit ein Leben nicht vorstellen, es passt einfach alles“, sagt er schmunzelnd.

Bauchgefühl bei der Ausbildung

Die Arbeit mit Pferden ist längst zu seinem Lebenselixier geworden. Dabei hilft ihm sein besonderes Geschick im Umgang mit schwierigen Charakteren. „Zypresse ist zum Beispiel ein sehr spezielles Pferd“, sagt Toth. „Der tägliche Umgang mit ihr bedarf eines besonderen Fingerspitzengefühls.“

In Ungarn sammelte Toth durch die Arbeit mit Vollblütern die nötige Erfahrung. „Gerade diese Pferde haben ihre ganz speziellen Seiten.“ Bauchgefühl sei ein wichtiger Faktor bei der Ausbildung von Pferden, so Toth. „Einige Dinge beim Umgang mit Pferden entscheide ich einfach aus einer Stimmung, einem bestimmten Gefühl heraus. Der Mensch glaubt, er muss immer alles logisch begründen können. Dem ist nicht so. Der Mensch muss einfach lernen, den Pferden zuzuhören, sie zu lesen.“

Für den Reitausbilder ist die Haltung der Tiere ein weiterer wichtiger Faktor. „Das Gestüt Floggensee bietet dafür ideale Voraussetzungen“, sagt er. Die Haltung der Tiere im Herdenverband ganzjährig auf großflächigen Weiden fördert die Gesundheit und Entwicklung der Pferde. Dabei spielt der Faktor Zeit eine ebenso entscheidende Rolle. In Floggensee werde kein Pferd in ein starres Erfolgs-Schema gepresst, sagt Toth, sondern bekomme ausreichend Zeit für eine entsprechende physische und psychische Entwicklung.

Marina Köhncke stand ihm zur Seite

Die Leidenschaft für den Vielseitigkeitssport mit den drei Disziplinen Springen, Dressur und Geländeritt ist bei dem Ungarn auch nach vielen Jahren ungebrochen. „Gerade der Adrenalinkick beim Geländeritt, wenn das Pferd rund zehn Minuten alles gibt und für einen kämpft, ist mit nichts zu vergleichen“, sagt Toth. Ross und Reiter sollten aber für eine derartige Herausforderung optimal trainiert sein. „Junge Pferde müssen ausreichend kleine Prüfungen gelaufen sein, um später physisch und mental den großen Aufgaben gewachsen zu sein.“

Marina Köhncke - hier schließt sich vorerst der Kreis - hat maßgeblichen Anteil an dem bevorstehenden EM-Start des 37-Jährigen. „Ihr habe ich praktisch alles zu verdanken, sie hat mich motiviert und toll unterstützt“, sagt Toth. „Ohne Marina Köhncke hätte ich voraussichtlich nicht die Motivation aufgebracht, ein derart großes Ziel in Angriff zu nehmen.“

Der Mensch muss einfach lernen, Pferden zuzuhören, sie zu lesen
Imre Toth,Vielseitigkeitsreiter