Stormarn
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Der Absturz des TSV Bargteheide

Leo Seiler (vorn) im vorerst letzten Heimspiel des TSV Bargteheide. Endstand gegen Sereetz: 0:10

Leo Seiler (vorn) im vorerst letzten Heimspiel des TSV Bargteheide. Endstand gegen Sereetz: 0:10

Foto: Henrik Bagdassarian / HA

Die erste Fußball-Mannschaft des Traditionsvereins ist zerbrochen. Jetzt muss der Club ganz von vorn beginnen.

Bargteheide.  Jubelszenen auf dem Fußballplatz des TSV Bargteheide. Der Wiederaufstieg in die Verbandsliga durch zwei hochverdiente Siege in der Relegation ist perfekt. Während seine Spieler um ihn herumtoben, sagt der scheidende Trainer Essmatulla Omid: „Wir sind schon jetzt eine Anlaufstelle für Talente und können das noch ausbauen. Man muss die Jungs halten, ihnen eine Perspektive bieten. Wenn das gelingt, ist irgendwann auch der Aufstieg in die Landesliga möglich.“

Das war vor drei Monaten. Von dem Jubel und der Euphorie ist nur noch ein Scherbenhaufen geblieben und Omids Worte lesen sich im Nachhinein mehr als Mahnung denn als optimistische Zukunftsvision. Was sich schon vom Saisonstart an abgezeichnet hatte, wurde noch vor dem siebten Spieltag Realität: Der TSV Bargteheide hat seine erste Mannschaft zurückgezogen. Damit steht der erneute Sturz in die Kreisliga fest. Zurück bleibt ein enormer Image-Schaden und eine Frage: Wie konnte das passieren?

Wer diese Frage an die Verantwortlichen richtet, hört stets zuerst ein Seufzen. Weil es keine simple Antwort gibt, nicht den einen Grund. Weil niemand den anderen namentlich und öffentlich anschwärzen will. Und weil letztlich fast jeder aus der Fußball-Abteilung und dem Umfeld der Ligamannschaft seinen Anteil an dem Absturz hat. „Es sind ein paar Sachen gelaufen, die wir unterschätzt haben“, sagt der Abteilungsleiter Henrik Bustorf. „Vieles konnten wir aber nicht vorhersehen.“

Hauptgrund: Missratene Kaderplanung

Der Moment, in dem alles zu spät war, ist heute nicht mehr exakt auszumachen. Aber er liegt mit Sicherheit länger zurück als der Zeitpunkt der Abmeldung vor dem Spiel gegen den VfL Oldesloe; länger als der Rücktritt des neuen Trainers Frank Kentzler; und auch länger als der 12. August, als die Stormarner zum Auswärtsspiel bei Phönix Lübeck II keine Elf zusammenbekamen und kampflos verloren.

Die Hauptursache für den Absturz, so viel ist klar, liegt in der aus mehreren Gründen völlig missratenen Kaderplanung. Von dem 26-Mann-Kader, mit dem der Club im März plante, sind am Ende ganze fünf Spieler geblieben. Als Frank Witte, Trainer der zweiten Mannschaft, Kentzler beerbte und das Team mit Kickern aus der Reserve auffüllte, war das nur ein letzter, verzweifelter und zum Scheitern verurteilter Rettungsversuch.

Dabei gab es schon während der erfolgreichen Kreisliga-Saison Anzeichen für die Eigendynamik, die den Club dann in der Sommerpause überrollte. Mit dem Coach Omid, der seinen Abschied frühzeitig angekündigt hatte, gingen auch viele Leistungsträger, nach und nach zogen immer mehr Spieler aus dem bisherigen Kader sowie aus der eigenen A-Jugend ihre Zusagen zurück. Eine Reaktion des TSV blieb aus. Weder Kentzler noch dem ebenfalls inzwischen zurückgetretenen Sportlichen Leiter Sebastian Ballhausen gelang es, den Kader wieder aufzufüllen. Und die Abteilungsleitung? Bekam von den massiven Problemen zu spät etwas mit. „Natürlich müssen wir uns fragen, warum wir das nicht gehört haben“, räumt Bustorf ein. „Das müssen wir aufarbeiten und schauen, was wir verändern.“

TSV soll wieder in Verbandsliga spielen

Personelle Konsequenzen lehnt er jedoch ab: „Man sollte jetzt keine Asche über unsere Häupter streuen. Ich glaube, wir haben ansonsten einen genialen Job gemacht, sowohl im Jugend- als auch im Herrenbereich.“

Dass der TSV die Früchte seiner fürwahr guten Jugendarbeit ernten wird, ist mit dem Abstieg der Ligamannschaft jedoch deutlich unwahrscheinlicher geworden. Die Talente, die kommenden Sommer aus der Junioren-Oberliga-Mannschaft aufrücken, werden nur schwer mit der Aussicht auf Kreisliga-Kicks zu halten sein. Auch finanzielle Anreize will die Abteilung weiterhin kaum setzen. „Wir stellen Geld für Mannschafts-Aktivitäten bereit. Wir wollen aber keine einzelnen Legionäre bezahlen. Das gab es in der Vergangenheit und hat auch nicht geklappt“, sagt Bustorf.

Verein schrieb eine besondere positive Geschichte

Ab sofort laufen die Planungen für die kommende Kreisliga-Saison, für die eine komplett neue Mannschaft inklusive Trainerteam aufgebaut werden muss. Mittelfristig sieht Bustorf den TSV wieder in der Verbandsliga.

Im letzten Spiel einer kurzen aber desaströsen Saison fuhren die Stormarner ihren einzigen Sieg ein, beim 4:0 im Kreispokalwettbewerb gegen den unterklassigen Tralauer SV. Am Grünen Tisch wurde das Resultat jedoch in ein 2:0 für Tralau umgewandelt, weil Witte viermal gewechselt hatte – absichtlich. „Ich wusste zu dem Zeitpunkt schon, dass wir die Saison nicht zu Ende spielen. Es wäre unfair gewesen, Tralau aus dem Wettbewerb zu werfen“, sagt Witte über die bemerkenswerte Aktion. So schrieb der TSV Bargteheide in dieser Saison wenigstens eine positive Geschichte.