Stormarn
Sportlerkarriere

Dieser Bargteheider surft auf der Erfolgswelle

Michele Becker in Jubelpose: Vor dem letzten Lauf des Deutschen Windsurfcups vor Sylt liegt der 20-Jährige in der Slalomwertung auf Platz fünf

Michele Becker in Jubelpose: Vor dem letzten Lauf des Deutschen Windsurfcups vor Sylt liegt der 20-Jährige in der Slalomwertung auf Platz fünf

Foto: Nicole Riederer Lightnic Photography / HA

Michele Becker zählt zu den besten deutschen Slalomfahrern. Jetzt will er Profi werden. Eine Ausbildung macht er trotzdem.

Bargteheide.  Michele Becker hat ein großes Ziel vor Augen. Der 20 Jahre alte Bargteheider will Windsurf-Profi werden. Deshalb gönnte er sich nach dem Abitur im vergangenen Jahr eine einjährige Auszeit, um sich voll und ganz auf den Sport zu konzentrieren. Michele Becker nahm die Sache sehr ernst. Sein Tagesablauf war so professionell organisiert, als ob es sich um einen echten Job handele.

Nichts überließ der junge Stormarner dem Zufall: Die Wintermonate verbrachte er in einem Trainingscamp auf Teneriffa. Sein Arbeitsplatz war das grün-blaue Wasser des Atlantischen Ozeans vor El Medano im Süden der kanarischen Insel. Becker nutzte jede freie Minute, um hart zu trainieren. Täglich verbrachte er viele Stunden auf dem Wasser, um seine Technik zu verbessern und an Kraft zuzulegen. Teneriffa ist jedes Jahr Treffpunkt der Elite der deutschen Windsurfer, um sich unter besten Bedingungen auf die kommende Saison vorzubereiten.

„Es war sicherlich die aufregendste Zeit meines bisherigen Lebens“, sagt Becker. „Ich habe enorm viel gelernt und mein Leistungsniveau deutlich steigern können.“ Seinem Ziel, ins Profigeschäft einzusteigen, ist der zweifache deutsche U-20-Windsurfmeister im Slalom ein großes Stück näher gekommen. Nach vier von fünf Durchgängen des Deutschen Windsurfcups belegt Becker in diesem Jahr in der Rangliste der Slalomfahrer den fünften Platz. „Vincent Langer, Gunnar Asmussen und Nico Prien machen als gestandene Profis die vorderen drei Plätze unter sich aus. Ich möchte mich in Deutschland erst einmal als viertbester Fahrer etablieren“, sagt Becker.

Start auf Sylt trotz Verletzung fest eingeplant

Beim letzten Wettbewerb der Tour vor Sylt (24 bis 29. Juli) will der Bargteheider unbedingt noch einen weiteren Platz gutmachen – auch wenn ihm zurzeit ein Anriss des Außenbandes im rechten Fuß zu schaffen macht.

Die Verletzung zog Becker sich vergangenes Wochenende beim Wettbewerb in Kühlungsborn zu. Während eines 180-Grad-Manövers an einer Halse­tonne geriet der junge Stormarner zu dicht zwischen zwei Kontrahenten und die Boje. Das strömungsgünstig geformte Vorderteil seines Bretts tauchte in eine der knapp eineinhalb Meter hohen Wellen ein. Becker ging kopfüber baden, blieb aber mit dem rechten Fuß in der Schlaufe hängen.

„Einen Start auf Sylt habe ich dennoch fest eingeplant“, sagt Becker. „Auch wenn mein Arzt mir bereits prophezeit hat, dass ich nur unter Schmerzen fahren kann.“ Der Mediziner war in jungen Jahren selbst ein leidenschaftlicher Windsurfer. „Er hat mir einmal erzählt, dass er ebenfalls beinahe ein Windsurfprofi geworden wäre“, sagt Becker und lacht. „Das beweist wieder einmal, dass auch ein Windsurfer es zu etwas bringen kann.“

Slalom ist für den Sportler ultimative Disziplin

Bis zum Saisonhöhepunkt wird der 20-Jährige sich allerdings schonen. „Ich muss auf Anraten des Arztes eine Pause einlegen, um den Fuß zu schonen“, sagt der Bargteheider.

Für Becker, der auch an Freestyle- und Wave-Wettbewerben teilnimmt, ist Slalom die ultimative Disziplin. Die Fahrer gleiten mit Geschwindigkeiten von mehr als 60 Kilometer pro Stunde über das Wasser. Über Sieg oder Niederlage entscheideten das richtige Timing und die nötige Erfahrung. Bei einem Slalom-Wettbewerb müssen die Fahrer nicht gegen den Wind ankreuzen. Sie nutzen den Raumwindkurs. Jene Kraft also, die von schräg hinten kommt.

Die größte Herausforderung beim Slalom ist der Start. Schon beim Überqueren der Startlinie müssen die Teilnehmer die Höchstgeschwindigkeit erreicht haben. Nur dann haben sie überhaupt eine Chance, auf einen der vorderen Plätze zu fahren. Zuvor läuft ein Countdown von drei Minuten. Diese Zeit kann jeder Fahrer nach Belieben nutzen. Sobald der Countdown abgelaufen ist, muss er möglichst mit Höchstgeschwindigkeit ins Rennen gehen.

Zur Sicherheit eine Ausbildung absolvieren

Für alle Fälle hat Becker auch einen Plan B in der Tasche. Nach dem Ende der Windsurf-Saison beginnt er im elterlichen Betrieb eine Ausbildung zum Industriekaufmann. Vater Marcus ist Inhaber einer Bargteheider Firma für Maschinen- und Anlagetechnik. Die gesamte Familie steht hinter den Zukunftsplänen des 20-Jährigen. Auch die Großeltern Ursula und Wolf Becker unterstützen ihren Enkel. Aus gutem Grund: Das in Timmerhorn lebende Ehepaar zählt im Kreis Stormarn quasi zu den Windsurf-Pionieren.

„Eine abgeschlossene Berufsausbildung zu haben, ist auf jeden Fall eine gute Sache“, sagt Becker. Zurzeit lebt Becker noch bei Vincent Langer in Kiel. Der Windsurfer vom Segelklub Bayer Uerdingen ist in dieser Saison wieder eine Klasse für sich. Ende Mai sicherte er sich – ebenfalls vor Sylt – den Europameistertitel im Slalom. „Vincent und ich verstehen uns hervorragend. Von einem derart erfahrenen Windsurfer kann ich noch viel lernen“, sagt Becker. „Und nebenbei: Kiel ist natürlich die perfekte Windsurf-Hochburg in Deutschland.“

Die steil nach oben zeigende Leistungskurve des dunkelhaarigen Stormarners ist den großen Unternehmen in der Windsurf-Branche nicht verborgen geblieben. Mit Fanatic und Duotone hat Becker mittlerweile zwei große Sponsoren, die ihn auf seinem weiteren Weg unterstützen.