Stormarn
Fußball

Timmerhorn: Flüchtlinge werden Schiedsrichter

Foto: Henrik Bagdassarian / HA

Der Syrer Ahmad Masfakq und Moshtaq Ahmed Tokhi aus Afghanistan absolvieren eine Ausbildung, um Fußballspiele zu leiten.

Ammersbek.  Mit Mesut Özil, Sami Khedira und Miroslav Klose – alles Akteure mit Eltern aus fremden Ländern – hat das Team von Joachim Löw bei der Fußball-Weltmeisterschaft vor vier Jahren in Brasilien den Titel geholt. Fußball ist in Deutschland auf höchster Ebene längst multikulti geworden.

Integration wird bundesweit schon seit vielen Jahren bis in die untersten Spielklassen gelebt. In Stormarn steht der SV Timmerhorn-Bünningstedt für Vielfalt wie vielleicht kein anderer Verein im Kreis. Fußballer aus Chile, Syrien, Italien, der Türkei, Ghana, Afghanistan, Usbekistan oder Spanien gehen auf der Anlage am Schäferdresch regelmäßig auf Torejagd.

Nun unternimmt der Verein den nächsten Schritt. Ahmad Masfakq und Moshtaq Ahmed Tokhi haben vor Kurzem die Prüfung zum Schiedsrichteranwärter bestanden. Um die Zulassung für die Prüfung zum DFB-Schiedsrichter zu erhalten, müssen sie in den kommenden Monaten zwölf Pflichtspiele im unteren Herren- oder Jugendbereich leiten oder den Schiedsrichter an der Seite als Assistent unterstützen. „Ahmad und Moshtaq sind nicht nur hervorragende Fußballer, als Menschen haben sie auch mein persönliches Umfeld bereichert“, sagt Ligaobmann Georg Erdelbrock. „Sie bringen alle Voraussetzungen für einen guten Übungsleiter mit: Beide haben ein sehr gutes Spielverständnis, sind körperlich topfit und dabei schlicht und einfach zwei coole Typen.“

Ahmad Masfakq floh vor knapp drei Jahren mit den Eltern und fünf Geschwistern aus der syrischen Millionenmetropole Aleppo nach Deutschland. „Der Krieg hat die Stadt größtenteils zerstört, unser Leben war täglich in Gefahr“, erzählt der 20-Jährige. Die deutsche Sprache brachte sich Masfakq mit Unterstützung des Freundeskreises für Flüchtlinge in Ahrensburg zunächst selbst bei. Nachdem er im Februar 2016 die Aufenthaltsgenehmigung erhalten hatte, wechselte er zu einer Hamburger Sprachschule. Um in der Hansestadt zu einem Pharmazistudium zugelassen zu werden, muss Masfakq in der kommenden Woche zunächst eine Eignungsprüfung ablegen. Die deutsche Sprache beherrscht er gut, nur wenige grammatikalischen Regeln bereiten ihm noch Probleme. „Den Konjunktiv eins habe ich immer noch nicht ganz verstanden“, sagt der 20-Jährige und lacht. „Die indirekte Rede kommt in der arabischen Sprache einfach nicht vor.“

Tokhi verließ Afghanistan aus Angst vor denTaliban

Moshtaq Ahmed Tokhi, der während des Gesprächs mit dem Abendblatt neben dem 20-Jährigen sitzt, nickt und sagt. „Mit ,der, die und das’ hatte ich am Anfang die meisten Schwierigkeiten, da wir in der arabischen Sprache nur einen einzigen Artikel benutzen.“

Aus Angst vor den Taliban floh Tokhi mit der Familie Ende 2015 aus der afghanischen Stadt Kundus zunächst in den Iran. Dort wurden sie getrennt. Gemeinsam mit dem ein Jahr jüngeren Bruder Shafiq machte sich der 19-jährige Afghane auf den Weg nach Deutschland – in der Hoffnung, dort seine Eltern und drei weitere Geschwister wiederzusehen. Mit belegter Stimme erzählt Tokhi: „Meine Familie steckt leider weiterhin im Iran fest. Über Whats-App oder Telefon halte ich Kontakt. In Sicherheit sind sie trotzdem nicht.“

Deutsch lernte Tokhi beim Freundeskreis Ammersbek und später an der Berufsschule in Ahrensburg. Zurzeit absolviert er in Ahrensburg bei der Firma Kleinke eine Ausbildung zum Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik. Im Gegensatz zu seinem jüngeren Bruder lehnte der deutsche Staat Tokhis Asylantrag ab, seitdem ist der 19-Jährige nur geduldet.

Eine Entscheidung, die Erdelbrock nicht nachvollziehen kann. „Wie Ahmad ist auch Moshtaq ein gutes Beispiel für gelungene Integration“, sagt der 43 Jahre alte Ligaobmann des SV Timmerhorn. „In kürzester Zeit haben beide die deutsche Sprache gelernt, sich für einen Ausbildungsweg entschieden und darüber hinaus ehrenamtlich engagiert.“ So arbeite Tokhi unentgeltlich für die Polizei Ahrensburg und das Rathaus als Dolmetscher, während Masfakq beim Freundeskreis für Flüchtlinge in Ahrensburg die Leiter von Kursen für traumatisierte Menschen unterstützte.

Erdelbrock musste während seines Engagements für Flüchtlinge aber auch lernen, mit Rückschlägen umzugehen. Während eines Fußballturniers in der Sporthalle der Stormarnschule in Ahrensburg kam es erst kürzlich zu einer Schlägerei, in die auch ein Spieler des SV Timmerhorn involviert war.

Willkommenskultur gibt es auch im Schiedsrichterwesen

„Der Vorfall hat mich sehr mitgenommen“, gibt Erdelbrock zu. „Mir wurde aber auch bewusst, dass negative Erlebnisse einfach ein Teil der Flüchtlingshilfe sind. Als Konsequenz werde ich das Ganze in Zukunft nicht mehr zu persönlich nehmen und mich stattdessen an den positiven Dingen, die ich täglich erlebe, orientieren.“

Dazu zählt der 43-Jährige auch die Zusammenarbeit mit dem Schiedsrichterausschuss des Kreisfußballverbands Stormarn. Er sagt: „Es gibt im Fußball eine Willkommenskultur auch auf dieser Ebene. Die Bereitschaft, Integration im Schiedsrichterwesen voranzutreiben, ist vorbildlich.“