Stormarn
Porträt

Izet Beganovic: Der „Weltmeistermacher“ aus Glinde

Izet Beganovic ist mit 71 Jahren immer noch für die TSG Bergedorf aktiv. Zuletzt kam er in der Hamburg-Liga zum Einsatz

Izet Beganovic ist mit 71 Jahren immer noch für die TSG Bergedorf aktiv. Zuletzt kam er in der Hamburg-Liga zum Einsatz

Foto: Henrik Bagdassarian / HA

Tischtennis ist seine große Leidenschaft. In Spanien leitet er Lehrgänge. Den Medien gab er bei einer WM ein Rätsel auf.

Glinde.  Wenn Izet Boganovic die beschauliche Schäfer’s Café und Teestube an der Möllner Landstraße betritt, schüttelt er auf dem Weg zu seinem Stammplatz erst einmal jede Menge Hände. Ein paar nette Worte zur Nachbarin, einige aufmunternde Sätze zur viel beschäftigten Verkäuferin hinter dem Tresen – der 71 Jahre alte Montenegriner ist in Glinde bekannt wie ein bunter Hund.

„Hier beginne ich gewöhnlich in aller Ruhe den Tag“, sagt der bekennende Anhänger des Tischtennissports. So ist es auch wenig verwunderlich, dass er die Rückkehr ins internationale Tischtennisgeschäft seiner Kontaktfreudigkeit zu verdanken hat. Es war im Juni 2015, als Beganovic in einem Hotel auf der kanarischen Insel Teneriffa gemütlich am Frühstückstisch saß und eine Gruppe Sportler den Saal betrat. „Anhand der Trikots war ich sicher, dass es sich um ein Tischtennisteam handelte“, erzählt der rüstige Rentner.

Boganovic kam mit ihnen ins Gespräch. Ein Mitglied der Gruppe beherrschte einwandfrei die deutsche Sprache. Der Glinder erfuhr, dass die Mannschaft aus La Palma noch am selben Tag Relegationsspielen gegen drei weitere Teams um den Aufstieg in die Erste kanarische Liga zu absolvieren hatte. Die Spanier waren sofort von der Kompetenz angetan, die Boganovic beim Thema Tischtennis ausstrahlte.

„Ich schlug vor, sie an diesem Tag als Coach zu betreuen“, sagt Beganovic und lacht, „allerdings unter der Bedingung, dass sie all das umsetzten, was ich ihnen sage“.

Drei Spiele und drei Siege später fiel der Abschied schwer. Boganovic traf mit den Spaniern die Vereinbarung, Kontakt zu halten. „Kurze Zeit später erhielt ich ein Flugticket und eine Einladung, auf den Kanaren einen Lehrgang zu leiten“, erzählt der 71-jährige. Die einwöchige Veranstaltung war ein voller Erfolg. Weitere Termine zum kommenden Jahresbeginn sowie in den Sommermonaten sind in Planung.

Geboren und aufgewachsen im früheren jugoslawischen Berane kam Beganovic im Alter von acht Jahren erstmals in Kontakt mit dem Tischtennissport. „Auf dem Schulweg kam ich an einer Halle vorbei, in der ein Tischtennisturnier ausgetragen wurde“, sagt der gelernte Dreher. „Ich schwänzte die Schule, um den ganzen Tag dort zu verbringen.“

Fortan stand der junge Izet fast täglich an der Platte, auch wenn die Bedingungen eher schlecht waren. Beganovic: „Die Schläger waren primitiv. Ein defekter Ball wurde kurzerhand mit Azeton zusammengeflickt.“ Mitte der 1960er-Jahre trat er dem jugoslawischen Militär bei. Als Besatzungsmitglied begleitete er Präsident Josip Broz Tito bei Staatsbesuchen auf dessen 160 Meter langer Privatjacht.

1968 suchte Beganovic einen Job im Ausland. „Ich war jung und wollte die Welt kennenlernen“, sagt er. Als Stahlbaumonteur einer Firma in Grande erlebte er Jahre später fernab der Heimat die sogenannten Jugoslawienkriege. „Ich hatte große Angst um meine Familie und Freunde“, sagt Beganovic, „aber auch davor, dass meine Heimat zu Grunde geht“.

Später pachtete er in Witzhave eine Tankstelle, die er 2000 wieder abgab. Dem Tischtennissport blieb der gebürtige Montenegriner, der kürzlich noch als Ersatzmann für die TSG Bergedorf in der Hamburg-Liga zum Einsatz kam, die gesamte Zeit über treu. In Stormarn spielte er für den TSV Grande, TSV Trittau und TSV Glinde. Mit dem VfB Lübeck schaffte er den Aufstieg von der Verbandsliga in die Zweite Bundesliga.

Als sogenannter „Weltmeistermacher“ sorgte Beganovic 2007 bei der Tischtennis-Weltmeisterschaft in Zagreb für Schlagzeilen. In Kroatiens Hauptstadt bestritten die Chinesen Wang Liqin und Ma Lin das Finale der Herren. Beganovic verfolgte auf Einladung des kroatischen Tischtennisverbands das Endspiel unter 13.000 Zuschauern gebannt von der ersten Reihe aus.

Seit Jahren bewunderte Beganovic Wang Liqin, der im Endspiel jedoch hoffnungslos mit 1:3 Sätzen und 1:7 Punkten im fünften Satz in Rückstand geriet. Plötzlich rollte die kleine Zelluloid-Kugel dem Montenegriner direkt vor die Füße. Als der Chinese sich bückte, um sie aufzuheben, hielt Beganovic ihm wutentbrannt die Faust ins Gesicht und schrie: „Geh raus und gewinne.“

Punkt für Punkt holte Wang Liqin auf – angefeuert von einem mittlerweile völlig aus dem Häuschen geratenen Beganovic. Der Chinese suchte fast nach jedem Ballwechsel den Blickkontakt zu ihm. Nach verwandeltem Matchball rannte Wang Liquin zur VIP-Lounge und fiel seinem Übergangs-Coach überglücklich um den Hals. Noch Tage später stellte die internationale Presse die Frage nach dem großen Unbekannten.