Stormarn
Pölitz

Er beackert wieder das Pölitzer Mittelfeld

Nach der obligatorischen Erntepause ist Hans Hermann Lampe zurück auf dem Fußballplatz. Der Trainer setzt im Abstiegskampf große Hoffnungen auf ihn

Pölitz. Wenn der Verbandsligaclub SSV Pölitz vor der Fußballsaison eine Liste veröffentlicht, auf der alle Spieler-Abgänge des Kaders verzeichnet sind, taucht dort seit Jahren immer wieder derselbe Name auf, hinter dem in Klammern immer wieder derselbe und doch so einzigartige Grund für den Abgang steht: „Hans Hermann Lampe (Erntepause).“

Während andere Spieler den Verein wechseln oder ihre aktive Laufbahn beenden, setzt Hans Hermann Lampe, den in Pölitz alle nur „Hannes“ rufen, für die Dauer der Hinrunde aus. „Ich habe einfach keine Zeit und den Kopf nicht frei für Fußball“, sagt der 33-Jährige. Der Mann mit den dunkelblonden Haaren und dem für seine Berufsgruppe verhältnismäßig schmächtigen Körperbau ist Landwirt. Im Winter und Frühjahr beackert er wie kein zweiter das Mittelfeld des Verbandsligaclubs. Im Sommer aber ist er auf seinen 265 Hektar rund um Gut Krummbek in Lasbek unterwegs, und baut Weizen, Raps, Mais und Hafer ab. Dann dauert ein Arbeitstag schon mal 20 Stunden.

Nach dem Abitur zog Lampe nach Berlin und studierte Agrarwissenschaften

Wo viele eine gesunde Work-Life-Balance anmahnen, fängt für Lampe ein normaler Tag erst an – denn er kennt es gar nicht anders, half schon als Kind bei der Ernte mit. Sein Vater war Bauer, sein Großvater auch. Sein Urgroßvater, Dr. Hermann Lampe, war es, der im Jahr 1909 das heute 212 Jahre alte Herrenhaus Krummbek kaufte.

In dem 400 Quadratmeter großen Haus mit weißer Fassade wohnt Lampe mit seiner Lebensgefährtin und der gemeinsamen dreijährigen Tochter. Dutzende Geweihe an der Wand zeugen von Lampes zweitem großen Hobby nach dem Fußball: der Jagd.

In diesem Monat wird die zweite Tochter erwartet. Früher wäre mancher Bauer deswegen schon nervös geworden. Auch Lampe hegt ganz traditionell den Wunsch, den Hof eines Tages an eines seiner Kinder weiterzugeben – „aber das kann heutzutage ja auch eine Frau sein, das spielt für mich keine Rolle“, sagt er.

Zu der Frage, ob er als Berufsbezeichnung den Begriff „Bauer“ oder doch „Landwirt“ bevorzuge, fällt Lampe ein Sprichwort ein: „Landwirt kann man werden, Bauer ist man aus Leidenschaft.“ Für ihn gilt beides. Er ist ausgebildeter Landwirt, nach dem Abitur in Bad Oldesloe zog er nach Berlin, studierte Agrarwissenschaften, kickte für Wacker Lankwitz in der Landesliga und kehrte schließlich zurück nach Stormarn und übernahm 2006 den Hof von seinem Vater. Und er nennt sich Bauer aus Leidenschaft, liebt es, mit und in der Natur zu arbeiten. Wenn ein Gegenspieler aus dem Hamburger oder Lübecker Raum einen Auswärtsauftritt beim Dorfverein SSV Pölitz zum Anlass nimmt, die Gastgeber als „Bauern“ zu bezeichnen und das abwertend meint, juckt Lampe das nicht. „Es ist klar, dass die Großstädter so etwas formulieren. Ich finde das eigentlich ganz witzig. Da gibt es schlimmere Begriffe, die fallen.“

Sascha Vogt verbindet mit der Rückkehr Lampes zur Rückrunde große Hoffnungen. „Hannes ist einer der besten Fußballer, die ich jemals in Pölitz habe spielen sehen“, sagt der Chefcoach, der seit 13 Jahren beim Spiel- und Sportverein aktiv ist. Schon vergangene Rückrunde sei er ein entscheidender Faktor für den Klassenerhalt gewesen. „Er hat immer von seinem Talent gelebt und selbst ohne Training zu den besten Spielern gehört.“ Es ist vor allem ein besonderes Phänomen, das den defensiven Mittelfeldspieler so wertvoll für eine Mannschaft macht. Vogt beschreibt das so: „Ganz viele Spieler werden plötzlich besser, wenn er neben ihnen spielt. Er gibt den anderen durch seine Ruhe und Präsenz mehr Sicherheit.“

Die Wertschätzung beruht auf Gegenseitigkeit. „Wir müssen Sascha Vogt etwas zurückzahlen“, sagt Lampe. Er will die Ära des Trainers, der sein Amt nach dieser Spielzeit abgibt, nicht mit einem Abstieg enden sehen. Damit der Klassenerhalt noch gelingt, müsse sich das Team ein Beispiel an der Handball-Nationalmannschaft nehmen. „Wenn wir unsere Kräfte bündeln, uns als Team finden und auf eine Euphoriewelle kommen, wie die Handballer bei der Europameisterschaft, bin ich davon überzeugt, dass wir verbandsligatauglich sind“, so Lampe.

Diese Saison wird wohl die letzte im Herrenfußball für den Routinier. Im Sommer könnte er sich der Altherrenmannschaft anschließen. Einmal noch will er seinen „absoluten Herzensverein“, wie er betont, zum Klassenerhalt in der Verbandsliga führen. Dann wird Hans Hermann Lampe ein letztes Mal auf der Liste der Abgänge stehen. Den originellen Grund für seinen Abschied wird man in den Klammern dann aber vergeblich suchen. Ende der Laufbahn statt Erntepause.