Stormarn
Aufstieg

Schiedsrichterin Susann Kunkel pfeift Bundesliga

Pfeift erst seit sechs Jahren: Schiedsrichterin Susann Kunkel (SV Eichede)

Pfeift erst seit sechs Jahren: Schiedsrichterin Susann Kunkel (SV Eichede)

Foto: Thomas Jaklitsch / HA

Die 31 Jahre alte Unparteiische vom SV Eichede wird für ihre guten Leistungen belohnt – und trifft nun regelmäßig auf die WM-Stars.

Steinburg.  An diesem Sonnabend spielt die Deutsche Frauen-Nationalmannschaft bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Kanada um den dritten Platz. Noch einmal wird ein Millionenpublikum den Spielerinnen von Silvia Neid die Daumen drücken, dann ist das Turnier beendet. Auch Susann Kunkel gehört zu den Zuschauern, die sich jedes Spiel der Deutschen zu nachtschlafender Zeit angeschaut haben, aber eines hat sie den allermeisten voraus. Schon ab diesem Sommer wird die 31-Jährige vielen der weltbesten Fußballerinnen regelmäßig ganz nah kommen – als Schiedsrichterin in der Ersten Bundesliga.

Für ihre konstant guten Leistungen in der Zweiten Liga sowie der Schleswig-Holstein-Liga der Männer ist die Unparteiische, die für den SV Eichede pfeift, nun belohnt worden. Es ist der vorerst letzte Schritt eines rasanten Aufstiegs. „Als ich als Schiedsrichterin angefangen habe, hatte ich erst mal keine besonderen Ziele“, sagt sie. Doch ihr bis dahin ungeahntes Schiedsrichter-Talent und ihr Ehrgeiz haben sie nun ganz nach oben gebracht.

Zwei Kreuzbandrisse beendeten Kunkels Laufbahn als Spielerin

Gerade einmal sechs Jahre ist es her, dass die damals 25-Jährige die Seiten wechselte, wie sie es heute ausdrückt. Der zweite Kreuzbandriss zwang sie zum Ende ihrer Laufbahn als Spielerin beim FFC Oldesloe. „Bei diesen typischen Fußballer-Bewegungen hatte ich Schmerzen im Knie. Außerdem war ich als Polizei-Beamtin gerade in der Probezeit und wollte nicht noch eine Verletzung riskieren“, sagt sie. Der FFC Oldesloe brachte es zwischenzeitlich bis in die Zweite Liga, inzwischen hat sich der Verein aufgelöst. Und Kunkel hat den Umweg in eine der besten Ligen der Welt genommen.

Schmerzhaft war das Ende der aktiven Zeit, fremd die neue Aufgabe als Schiedsrichterin. Doch Kunkel wurde überwiegend positiv überrascht – etwa, als sie merkte, dass Unparteiische mitnichten Einzelkämpfer sind. „Mit den Linienrichtern bildet man ein richtiges Team, und je besser man als Team ist, desto besser sind in der Regel auch die Leistungen.“

Kunkels Leistungen werden aber nicht nur vom guten Zusammenhalt mit ihren Assistenten beeinflusst, sondern auch von ihrer Vergangenheit als Leistungsfußballerin. „Das war ein Vorteil, gerade in der Bewertung von Zweikämpfen und weil ich die nötige Fitness und Schnelligkeit mitgebracht habe.“ Zehn bis zwölf Kilometer läuft sie in einem Spiel, mehr als viele Spieler. „Es kommt schon manchmal vor, dass man in den letzten Minuten konditionell am Limit ist“, sagt sie.

„Die klassischen Unsportlichkeiten gibt es bei den Frauen viel weniger“

Auf Anhieb stieg Kunkel im Herrenbereich jedes Jahr auf, bis in die höchste Klasse des Bundeslandes. Nach drei Jahren in der Schleswig-Holstein-Liga hat sie nun nicht nur den Bundesliga-Aufstieg bei den Frauen geschafft, sondern auch den Sprung in die Männer-Regionalliga, jene Klasse also, in die die erste Mannschaft ihres Vereins SV Eichede auch so gern wieder aufsteigen würde.

Ein großer Unterschied zwischen Frauen- und Männerfußball sei die Intensität der Zweikämpfe, sagt Kunkel, die in Hamburg wohnt und inzwischen als Lehrkraft an der Polizei-Akademie arbeitet. Bei den Herren sei es schwieriger, die Zweikämpfe korrekt zu beurteilen. Und: „Die klassischen Unsportlichkeiten gibt es bei den Frauen viel weniger.“ Aktionen wie die Schwalbe der Französin Claire Lavogez im Viertelfinale gegen Deutschland sind normalerweise dem „starken“ Geschlecht vorbehalten.

Viel Zeit für Hobbys abseits des Sports bleibt Kunkel nicht – zumal sie nebenher noch als Co-Trainerin aktiv ist. An der Seite ihrer ehemaligen Teamkollegin Claudia Wenzel kümmert sie sich um Eichedes D-Junioren. „Ich bin rundherum fußballverrückt“, gesteht sie. Doch für ein gutes Buch nimmt sie sich doch mal Zeit. Im Moment liest sie einen Klassiker: „Gruppenbild mit Dame“ von Heinrich Böll.

In der kommenden Saison geht es für Kunkel um den Klassenerhalt

Die Zeiten, in denen Damen im Fußball besonders kritisch beäugt wurden, gehören übrigens nach Kunkels Empfinden der Vergangenheit an. „Die Fußballer machen da keine Unterschiede. Auch im Verband gibt es keine Probleme. Dort freuen sich die Verantwortlichen sogar besonders, wenn eine Frau Leistung bringt.“

Trotzdem fühlen sich Schiedsrichter – ob weiblich oder männlich – immer mal unverstanden. „Erstaunlich viele Fußballer“, sagt Kunkel, „sehen gar nicht, dass es auch für uns um Leistung geht und wir uns selbst am meisten über Fehler ärgern.“ Für die „Dauer-Aufsteigerin“ Kunkel geht es ab der neuen Saison erst mal um den Klassenerhalt, denn wenn sie in der Bundesliga nicht überzeugt, kann es auch schnell vorbei sein mit Einsätzen zwischen den WM-Spielerinnen. Und was hat sie sonst noch für offene Ziele? „Gesund bleiben“, sagt sie. „Ich bin schon ganz zufrieden mit dem, was ich erreichen konnte.“