Stormarn
Volleyball

„Ich spürte, die Zeit in Oststeinbek ist abgelaufen“

Ulrich Böttcher sucht nach einer neuen sportlichen Herausforderung

Ulrich Böttcher sucht nach einer neuen sportlichen Herausforderung

Foto: Henrik Bagdassarian

Ulrich Böttcher verlässt die Volleyballfrauen des Oststeinbeker SV. Chemie zwischen Trainer und Mannschaft stimmte zuletzt nicht mehr

Oststeinbek.  20 Spiele, 20 Siege – eindrucksvoller hätte die Bilanz der Cowgirls in der vorletzten Saison hätte eindrucksvoller nicht ausfallen können. Nach dem Aufstieg in die dritthöchste Spielklasse (Regionalliga) formte Coach Ulrich Böttcher ein Team, das frühzeitig den Klassenerhalt schaffte – und als Tabellenvierter alle Erwartungen übertraf. Dann trat er zurück. Im Interview mit dem Hamburger Abendblatt spricht der 42-Jährige über die Gründe seines Abschieds.

Hamburger Abendblatt: Herr Böttcher, nach ihrer erfolgreichen ersten Saison in der Regionalliga Nord haben Sie ihre Tätigkeit als Trainer der „Cowgirls“ überraschend beendet. Was hat Sie zu diesem Entschluss bewogen?

Ulrich Böttcher: Zunächst einmal war das nicht meine alleinige Entscheidung. Den Wunsch einer Trennung gab es sowohl von meiner Seite wie auch von Seiten der Mannschaft. Kurz nach dem Saisonende habe die Spielerinnen mir gegenüber den Wunsch geäußert, mit einem anderen Trainer weitermachen zu wollen – für die persönlichen Entwicklung neue Anreize und Impulse zu bekommen

Was hat für Sie den Ausschlag gegeben, damit sie das Handtuch schmeißen?

Böttcher : „Handtuch schmeißen“ - das klingt nach Aufgabe und nach Resignation. Nein, das war es nicht. Ich hatte viel mehr das Gefühl, dass es für beide Seiten der richtige Zeitpunkt für etwas Neues ist. Den Schnitt jetzt zu machen, um dem Team eine neue Entwicklungsperspektive zu geben, halte ich für absolut sinnvoll.

Wie hat die Mannschaft auf Ihre Entscheidung reagiert?

Böttcher : Genau genommen gar nicht. Ich hatte keine Möglichkeit, sie von meinem geplanten Rückzug zu informieren. Das Ganze ist von der Art der Kommunikation aus meiner Sicht unglücklich gelaufen. Bisher habe ich lediglich mit einigen Spielerinnen sprechen oder mich per E-Mail mit ihnen austauschen können.

Wie hart hat es Sie getroffen, von der Mannschaft vor vollendete Tatsachen gestellt zu werden?

Böttcher : Die Nachricht kam für mich schon überraschend. Alles andere wäre gelogen. Aber wie heißt es so schön: Nach jedem Abschied winkt auch einer neuer Anfang. Und das Wichtigste für mich ist: Die Entscheidung fühlt sich richtig an und der Schnitt geschieht, ohne dass es persönliche Streitereien gab. Ich bin sehr gespannt, wie es mit den „Cowgirls“ weitergeht und wünsche mir sehr, dass die kleine Märchengeschichte der Mannschaft noch weitere Kapitel schreiben wird.

Acht Jahre waren Sie als Trainer in Oststeinbek tätig. Hatten Sie schon einmal mit dem Gedanken an eine Trennung gespielt?

Böttcher : Genau genommen, ja. Vor dreieinhalb Jahren lagen wir in der Verbandsliga zur Winterpause mit nur zwei Siegen abgeschlagen auf einem Abstiegsplatz. Damals hatte Volleyball bei dmir und den meisten Spielerinnen einen untergeordneten Stellenwert. Ich zog damals in Betracht, das Team nach der Saison abzugeben. Vorher wollte ich allerdings mit aller Macht dafür sorgen, dass wir den Klassenerhalt schaffen. Von da an steigerte sich die Mannschaft, gewannen die nächsten sieben Spiele in Folge und konnten den Ligaverbleib sichern.

Halten Sie diesen Zeitpunkt für den Wendepunkt und Beginn des sportlichen Höhenflugs der „Cowgirls“?

Böttcher: Irgendwie schon, denn im Jahr darauf wurden wir Vizemeister, eine Saison später holten wir sogar den Titel – und stiegen in die Regionalliga auf. Und dass wir die vergangene Spielzeit als Liganeuling auf dem vierten Tabellenrang beendet haben, ist für mich phänomenal.

Trotz des sportlich guten Abschneidens war die zurückliegende Saison aufgrund der vielen – teilweise schweren – Verletzungen emotional auch mit einige Tiefen versehen. Wie stark wurde dadurch Ihr Verhältnis zur Mannschaft belastet?

Böttcher : Nach dem Heimspiel gegen Warnemünde gleich zu Beginn der Saison, als sich zwei unserer Spielerinnen schwer verletzt hatten, lagen bei uns die Nerven blank – was eine spontane Krisensitzung nach Abpfiff zur Folge hatte. Dabei ließen wir alle viel Dampf ab, was uns zunächst wieder enger zusammengeschweißt hatte.

Haben die Erfolge gegen die SpVg Eider Molfsee und gegen den VC Parchim vor der Winterpause und die anschließende Siegesserie in der Rückrunde mit Siegen gegen Top-Teams wie den SV Warnemünde und bei der VG WiWa Hamburg das doch angespannte Verhältnis zwischen Team und Trainer übertüncht?

Böttcher : Nein, nicht bei mir. Trotz des Erfolgs habe ich während der Rückrunde in mir gespürt, dass die gemeinsame Zeit abläuft. Ich habe immer häufiger gespürt, dass ich neben dem Team und nicht im Team stehe. Für mich war das ein sicheres Zeichen, dass sich etwas auseinander bewegt hat.

Wie schwer fällt Ihnen der Abschied nach acht Jahren Oststeinbeker SV?

Böttcher: Wahnsinnig schwer, da ich mich am Meessen sehr wohl gefühlt habe. Die Halle war mein zweites Zuhause und der OSV lange Zeit ein Bestandteil meines Lebens. Das hakt man nicht einfach so ab. Das Team in dem jetzigen Zustand zu verlassen, gibt mir aber ein gutes Gefühl. Ein Gefühl, über die Jahre mitgeholfen zu haben, etwas Tolles geschaffen zu haben.

Werden Sie sich nach einer kurzen Pause eine neue Herausforderung suchen?

Böttcher : Auf jeden Fall werde ich das. In welchem Maße und mit welchem Zeitaufwand bleibt abzuwarten. Ich brauche etwas, was mir eine Perspektive bietet – und mich selbst fesselt. Um diesen Aufgaben gewachsen zu sein, habe ich in den vergangenen Jahren viel Zeit und Energie in den Volleyballsport investiert.

Welche Aufgabe würde Sie sportlich besonders reizen?

Böttcher : Ich kann mir erneutes Engagement im leistungsbezogenen Frauenbereich ebenso gut vorstellen wie die Zusammenarbeit mit einer leistungsorientierten Jugendmannschaft. Ich warte ab, was auf mich zukommt.

Ehefrau Wiebke Böttcher hat vergangene Saison aufgrund des verletzungsbedingten Ausfalls von Tanja König Verantwortung auf der ungewohnten Position als Zuspielerin übernommen. Inwieweit hat die Konstellation Ehemann/Trainer die familiäre Situation belastet?

Böttcher : Der Aspekt kommt noch hinzu. Seit zehn Jahren stehe ich als Coach meiner Frau an der Seitenlinie. Zuletzt wurde es für uns beide immer schwieriger, die jeweiligen Rollen zu Hause und beim Volleyball zu trennen. Daher war es mein Wunsch, die Verbindung als Trainer und Spielerin zu beenden. Weder für unsere Beziehung, noch für das Training oder das Mannschaftsgefüge wäre eine weitere Zusammenarbeit im Volleyballsport aus meiner Sicht sinnvoll gewesen.

Hat der enorme Zeitaufwand für den Volleyballsport Sie nicht auch in der Rolle als Eltern beeinträchtigt?

Böttcher : Sicher, denn Marit – sie ist sieben Jahre alt – und unsere zehnjährige Greta sind in letzter Zeit zeitlich einfach zu kurz gekommen. Und das ist ein zu hoher Preis, den Wiebke und ich gezahlt haben.

Werden die Töchter in die Fußstapfen der Eltern treten?

Böttcher : Ich hoffe es. Greta spielt seit knapp einem Jahr bei der VG WiWa Hamburg Volleyball in der U-12-Jugendmannschaft, bei Marit dagegen müssen wir abwarten wie sich ihre sportlichen Interessen entwickeln.