Stormarn
Barsbüttel

Auswärtsspiel im Knast

Das Hamburger Abendblatt hat die dritte Fußballmannschaft des Barsbütteler SV zur aufregendsten Partie des Jahres in die JVA Fuhlsbüttel begleitet

Barsbüttel. Es ist ein verregneter Morgen im März, kurz nach acht Uhr. Ein uniformierter Mann hält einen großen Schlüsselbund in der Hand und geht auf ein großes Tor zu. Ihm hinterher laufen 17 junge Männer, sie haben Fußbälle und Sporttaschen in der Hand, und auch sie tragen Uniform: Trainingsanzüge des Barsbütteler SV. Dann müssen sie warten. Der Schlüsselbund klappert, schwerfällig quietschend öffnet sich das Tor. Die Sicht wird frei auf ein großes Gelände. „Freistundenhof“ steht auf einem Schild. Die jungen Männer setzen sich wieder in Bewegung, ihre Blicke fallen auf die vergitterten Fenster an dem Backsteingebäude auf der linken Seite. Menschen hinter diesen Fenstern sind nicht zu sehen. Aber einer ist zu hören: „Ihr werdet heut’ ver-lie-ren!“ ruft er, die Worte verhallen unkommentiert im Hof. Willkommen in der Justizvollzugsanstalt Hamburg-Fuhlsbüttel. Willkommen zum Auswärtsspiel im Knast.

Eine Stunde und 15 Minuten vorher: Die dritte Mannschaft des Barsbütteler SV trifft sich in Hamburg-Jenfeld, an der Grenze zu Stormarn. Haydar Saglam, schmächtig, freundliche Gesichtszüge, eine blau-weiße Mütze auf dem Kopf, steht an einem Parkplatz. Er ist der Spielertrainer. „Sind jetzt alle da? Ich habe keinen Überblick mehr“, ruft er irgendwohin. Angesprochen fühlt sich niemand. Dann biegt noch Marvin Asabere um die Ecke. Er soll heute im Sturm auflaufen. Seine zu große, tief sitzende Jogginghose und die eng an den Kopf gelegten Rastas lassen ihn aussehen wie Rapper Samy Deluxe. Für den 29-Jährigen soll es das erste Spiel gegen die Gefängnis-Mannschaft Eintracht Fuhlsbüttel werden. Ob er aufgeregt ist? „Nein, eigentlich nur müde“, sagt er. An seine Teamkollegen hat er aber gleich eine Frage: „Stimmt es, dass man keine Zigaretten reinnehmen darf?“ Doch noch drängender ist die Frage, ob das Spiel auf dem Grandplatz zwischen den Gefängnismauern überhaupt ausgetragen werden kann. Es regnet seit Stunden.

Um kurz nach sieben setzt sich eine Karawane von fünf Autos in Bewegung. Als die ersten drei Wagen bei Gelb über eine Kreuzung fahren, warten sie am rechten Straßenrand, bis die Nachzügler wieder aufgeschlossen haben. Dann geht es weiter durch Hamburg, wo heute wegen des starken Regens zahlreiche Spiele abgesagt werden. Haydar Saglam übt sich in Optimismus. „Die wollen doch unbedingt, dass gespielt wird“, sagt er. Eintracht Fuhlsbüttel spielt in der untersten Liga, Kreisklasse, Staffel 12. Meistens wird das Team dank einiger Spieler, die locker ein paar Ligen höher mithalten könnten, Meister. Aufsteigen darf die Mannschaft aber nicht. Schließlich hat sie einen wesentlichen Vorteil: Sie hat nur Heimspiele.

Überpünktlich fährt der Barsbütteler SV III am Gefängnis, das im Volksmund „Santa Fu“ genannt wird, vor. Die Spieler drängen sich unter ein kleines Dach. „Einchecken“ dürfen sie erst um acht Uhr. „Punkt acht“, sagt Saglam in Richtung einiger ungeduldiger Spieler. „Das ist doch kein Haus der Jugend hier.“ Als um 7.53 Uhr Gerd Mewes vorfährt, der Trainer von Eintracht Fuhlsbüttel, gibt es endlich Gewissheit. „Wir spielen auf jeden Fall“, ruft er, und erntet dafür kräftigen Applaus.

Für Stürmer Marvin Asabere geht das Zittern trotzdem weiter. Als einziger hat er seinen Personalausweis vergessen. Allein trottet er in das kleine Häuschen am Eingang. Eine Minute später kommt er grinsend zurück. Der Spielerpass reicht als Nachweis. Ausnahmsweise.

Nur wer sich in der Haft gut verhält, darf ein Probetraining absolvieren

Etwas chaotisch geht es dann auch zu, als die nahe gelegene St.-Marien-Kirche endlich acht Uhr geschlagen hat und die Einlass-Prozedur beginnt. Alles, was sie nicht für das Fußballspiel brauchen, müssen die Gäste in einem großen Schließfach lassen. „Jungs, gar kein Geld in den Taschen lassen“, ruft Saglam belustigt. „Wollt ihr da drin was kaufen, oder was?“ Für den unfreiwilligen Lacher des Tages sorgt dann Szymon Wodkowski, der heute erstmals in der Abwehr auflaufen wird. „Schließ das Fach noch mal auf“, sagt er und grinst verlegen. „Ich hab’ hier irgendwie noch ‘ne Scherbe in der Tasche.“

Nach Schlüsselbund-Geklapper und dem Gang über den Hof wissen die Barsbütteler: An jedem anderen Ort wäre dieses Spiel heute ausgefallen. Der Grandplatz steht zur Hälfte unter Wasser. Kurzpassspiel undenkbar. Der Ball würde in den Pfützen stecken bleiben.

Beim Warmlaufen um 8.50 Uhr sind dann auch die ersten Insassen auf dem Platz. Ein paar Blicke werden gewechselt, mehr nicht. „Habt keine Angst“, ruft Saglam in seiner Kabinenansprache seiner Startelf zu. „Und seid höflich im Ton. Nicht alles kommentieren.“ Das Hinspiel haben die Stormarner 0:3 verloren, mit dem Ergebnis wäre der Coach heute hochzufrieden, „sogar mit einem 0:10“, sagt er. Zwar belegt die Eintracht nur den vierten Tabellenplatz. In der Winterpause aber hat sich die Mannschaft verstärkt, wie der Wärter Jörn Gehrke, der so etwas wie der Ligaobmann ist, erzählt.

Nur wer sich in der Haft tadellos verhält, darf ein Probetraining absolvieren. Nur wer sportlich weiterhilft, wird von Trainer Mewes aufgenommen. Und wer sich auf dem Platz oder daneben nicht benimmt, wird für eine gewisse Zeit zur Strafe aus der Mannschaft verbannt. Aus diesem Grund, so Gehrke, „waren in der Hinrunde ein paar Spieler verhindert“. Aktuell fehlt dem Team sein einziger richtiger Torwart. Den genauen Grund kennt nicht mal Mewes. Irgendetwas mit Tabletten sei da wohl gewesen, sagt der 71-Jährige, der die Mannschaft seit ihrer Gründung vor 35 Jahren trainiert.

Auf dem Platz geht es dann ausgesprochen fair zu. Der Schiedsrichter wird am Ende kein einziges Mal die Gelbe oder Rote Karte benutzt haben. Zwei, drei Spielern der Eintracht merkt man allerdings schon an, dass die Schwelle von guter Laune zu latenter Gereiztheit sehr schnell überschritten ist. Der Stürmer mit der Nummer neun wird aus einem Fenster heraus von seinem Zellengenossen vor dem Anpfiff angefeuert. Nach zehn Minuten schießt er das 1:0 und wird von dem „Tribünengast“ gefeiert. Er strahlt. Wenig später zweifelt er eine korrekte Schiedsrichterentscheidung an und ist minutenlang nicht mehr zu beruhigen. Dann schießt er noch vor der Halbzeitpause das 4:0 und 5:0 – und strahlt wieder.

Welcher der Spieler hier für welche Straftat einsitzt, wissen die Barsbütteler nicht, nicht mal Gerd Mewes weiß das. Quer durch das Strafgesetzbuch ist aber wohl alles dabei. Körperverletzung, vielleicht auch Mord. Wie Verbrecher benehmen sich die Eintracht-Spieler jedoch wahrlich nicht. Eher erinnert das Treiben auf dem Freistundenhof dem fröhlichen Miteinander auf einem Schulhof. Die Spieler wirken wie große Kinder. Es ist geradezu rührend, wie der Spieler mit der Rückennummer zwei vor dem Anpfiff urplötzlich einen Rückwärtssalto zeigt und daraufhin von den umstehenden Insassen – etwa 30 Zuschauer sind erschienen – dafür bejubelt wird. Nach dem 5:0 vollführt er einen Flickflack. „Boah, mach noch mal“ rufen einige. Er macht noch mal.

Halbzeit, Gästekabine: Saglam brüllt. „Gebt mir ein Zeichen, wenn ihr Angst habt. Wir können auch zu neunt weiterspielen.“ Der Barsbütteler Abwehrchef sieht das auch so. Deutsch spricht er nicht, er zeigt seinen Teamkollegen pantomimisch, was er an deren Auftreten zu bemängeln hat. Er steht auf, schaut an sich herab, und simuliert ein Zittern mit den Knien.

In der zweiten Halbzeit trifft die Eintracht aus allen Lagen. Der Spieler mit der Nummer fünf jagt den Ball aus 30 Metern in den Winkel. „Habt ihr das drauf“, fragt Trainer Mewes ein anwesendes Fernsehteam. „Das müsst ihr beim Tor des Monats vorschlagen.“

Wie steht es? Der Schiedsrichter trägt am Ende ein 15:1 für Fuhlsbüttel ein

Über den Spielstand sind sich im weiteren Verlauf nicht mehr alle einig. Der Schiedsrichter trägt am Ende ein 15:1 ein. Wenigstens hat Levent Kücükergüder den Ehrentreffer erzielt. „Es war der Horror“, sagt Rico Kuhröber und befreit sich von seinem vormals grünen Torwarttrikot, das jetzt matschfarben ist. „Die Köpfe waren woanders“, hadert Kücükergüder, „so hoch darf man nicht verlieren. Peinlich.“ Dass sie wirklich Angst hatten auf dem Platz vor ihren inhaftierten Gegenspielern, bestreiten allerdings alle vehement. Für Coach Saglam spielt das schon nach dem Duschen keine Rolle mehr. „Ich bin froh, dass wir nicht 20 Stück bekommen haben, oder 25“, sagt er und denkt vielleicht schon an den nächsten Sonntag. Dann empfängt sein Team die zweite Mannschaft des FTSV Lorbeer. Kellerduell, Kunstrasen. Alltag.

Der große Schlüsselbund klappert wieder. 17 junge Männer folgen einem Wärter durch das große Tor. „Haaa-ha“ ruft der Mann von vorhin durch die Gitterstäbe seines Zellenfensters, als hätte er seit kurz nach acht Uhr darauf gewartet. Das gespielte Lachen verhallt unkommentiert im Hof.