Stormarn
Steinburg

Die Drei-Stunden-Hölle in den Dünen

Wir hart ist das Konditionstraining beim SV Eichede wirklich? Abendblatt-Reporter Henrik Bagdassarian war beim Bootcamp in Boberg dabei

Steinburg. Der Schweiß rinnt mir in Strömen von der Stirn. Mein Puls rast, die Lungen schreien nach Luft. Knapp zehn Minuten sind wir jetzt unterwegs. Coach Oliver Zapel vom SV Eichede hatte eine „Laufeinheit zum Aufwärmen“ angekündigt. Ich bin aber drauf und dran, schon jetzt den Anschluss an die 24-köpfige Gruppe von Fußballern vor mir zu verlieren.

„Verdammt, die Jungs legen aber auch ein Wahnsinns-Tempo vor“, sage ich mir ein wenig verärgert. Rund 30 Jahre Altersunterschied zwischen mir und den meisten Spielern lasse ich als Entschuldigung nicht gelten. Nicht nachdem ich mich tags zuvor mit dem Film „Rocky Balboa“ eingestimmt habe.

Packende 98 Minuten Action mit einem Silvester Stallone in körperlicher Top-Form. „Sly“ hatte bei den Dreharbeiten bereits 59 Jahre auf dem Buckel. „Und ich 56, also, wo ist das Problem“, denke ich keuchend. Für mich stand fest, dass wir vom Parkplatz aus den direkten Weg zu dem in den Boberger Dünen aufgebauten Parcours einschlagen, wo die Eicheder vor jeder Saison ein Konditionsprogramm absolvieren müssen. Der knappe Kilometer hätte schließlich auch gereicht, um den Körper auf Temperatur zu bringen. Marcel Müller, Coach der zweiten Mannschaft, raubt mir alle Illusionen, als er sich zurückfallen lässt, um mir zuzuraunen: „Halte durch Junge, die nächsten sechs Kilometer geht es in diesem Tempo weiter.“

Ich erleide meinen ersten mentalen Rückschlag – und bleibe stehen. In mir unbekanntem Gelände und allein auf weiter Flur schlage ich den Rückweg ein. Doch irgendwo muss ich falsch abgebogen sein. Also frage ich mich durch. Ein hilfsbereiter 20 Jahre alter Polo-Fahrer tippt lässig Boberger Furtweg in seine Navigations-App, ehe er mir sein Smartphone direkt unter die Nase hält. Ohne Brille erkenne ich allerdings nur verschwommen ein paar bunte Linien.

Ein paar Häuser weiter weist mir eine freundliche Mittvierzigerin mit präziser Beschreibung den Weg. Höflich bedanke ich mich und falle wieder in mein Jogging-Tempo. „Kommen sie gern zurück, wenn sie den Weg nicht finden“, ruft sie mir hinterher. Ich denke: „Wirklich nette Menschen hier“, während ich kurz den Eindruck überdenke, den ich bei der Dame mit meinem weißen Leibchen und dem markanten roten Kreuz mitten auf der Brust hinterlassen habe. Torwarttrainer Fabian Lucassen hatte es mir am Treffpunkt lächelnd in die Hand gedrückt. Egal, unter keinen Umständen werde ich mir die Blöße geben und gleich zum Auftakt von Zapel’s berühmt-berüchtigtem Bootcamp die Segel streichen. Als ich durch eine dicht stehende Baumreihe hindurch endlich die orange und grün schimmernden Oberteile meiner Kurzzeit-Sportkollegen erblicke, bin ich erleichtert. Was ich allerdings dann sehe, bereitet mir Sorgen. Farbige Slalomstangen geben auf einer rund 100 Meter breiten und gut 40 Meter hohen Sanddüne bergauf die Laufwege vor.

Ein Team ist immer nur so gut wie sein schwächstes Glied

Davor liegen Medizinbälle. Und ich sehe vier Gruppen, die jeweils einen gewaltigen Baumstamm auf den Schultern um die Düne herum durch den Sand schleppen. Bergauf und bergab versteht sich. „Zwischen den anderen Übungen ist dies pure Erholung für euch“, ruft Zapel im Stile eines Kompaniechefs. Mir gibt er die knappe Anweisung: „Du gehörst zum Team Orange.“

Brav reihe ich mich bei meinem Team unter einen Baumstamm ein. „Manchmal muss man einfach nur Glück haben“, stelle ich erleichtert fest. Meine Körpergröße von 1,73 Metern verschafft mir einen Vorteil, denn die um mindestens einen halben Kopf größeren Vorder- und Hintermänner tragen die Hauptlast. Spontan fällt mir Zapels Appell an den Teamgeist ein: „Ihr als Team seid nur so stark wie euer schwächstes Glied.“ Sofort verwerfe ich das egoistische Gedankengut und laufe in aufrechter Körperhaltung weiter.

Zapel bittet zum Tauziehen. Die Schmerzen im linken Knie beachte ich nicht weiter. Mein Körper ist voller Adrenalin. Motiviert greif ich zum Seil und stemme mich voll rein, obwohl Oberschenkel und Waden wie Feuer brennen. Orange verliert. „Wird nicht an mir gelegen haben“, bin ich sicher. Zapel ruft uns das erste Mal zu den Slalomstangen. Düne hoch, Düne runter. Mit Medizinball oder ohne. Im Seitschritt, rückwärtslaufend oder trippelnd in kleinen Schritten.

Schweißgebadet und leicht taumelnd kämpfe ich mich zum vierten Mal die Düne hoch. Oben muss ich mich hinsetzen. Mir ist schwindelig. Die anderen trainieren locker weiter. „Macht nur, ihr Jungspunde“, denke ich. „Vor 30 Jahren hätte ich mit einem Lächeln im Gesicht vier Medizinbälle auf einmal rauf und runter getragen.“

Ich muss eingestehen, dass ich in den vergangenen zwei Stunden körperlich ziemlich abgebaut habe, als Zapel uns zur nächsten „Schweinerei“ schickt. Ein sehr steiler Anstieg, den wir im knöcheltiefen Sand abwechselnd mit dem linken und rechten Bein hochhüpfen sollen. Keiner merkt, dass ich mich unten wiederholt hinten anstelle, da es mittlerweile auch im Rücken zwickt.

Nach knapp drei Stunden beendet Trainer Oliver Zapel die Tortur

Immer wieder bittet Zapel uns zwischendurch zum Tauziehen oder zu einer weiteren Laufeinheit auf seiner „Erholungsstrecke“. Die schlimmste Tortur hat Eichedes Coach noch in petto. Steine schleppen – 20 Meter weit und steil bergauf. Einmal muss ich es mir noch beweisen. Fix und fertig, aber stolz wie Bolle, lass ich oben auf dem Hügel den Stein fallen und sinke in die Knie. „Leute, macht was ihr wollt, ich bin raus“, sage ich mehr zu mir selbst.

Nach knapp drei Stunden beendet Zapel das Training. Die Betreuer werfen den Grill an, ich sehne mich nach einer heißen Wanne. Während der Rückfahrt nach Lütjensee nehme ich mir vor, mich in der Sportredaktion mit Sprüchen zurück zu halten. Genau die haben mir diese Tortur nämlich eingebrockt. Später in der heißen Wanne gelange ich zur alten mentalen Stärke zurück. „Es hat mir aber auch Spaß gemacht“, stelle ich fest. „Wenn ich fleißig trainiere, zeige ich den Jungs beim nächsten Mal, wo der Hammer hängt.“