Laubenkolonie in Reinbek

Kleingärtner gleich Spießer? Warum dieser Ruf Geschichte ist

| Lesedauer: 4 Minuten
Susanne Tamm
Heute ist der Kleingarten für Klaus Grube und seine Angelika Schur ein Paradies mit Aussicht. Als er 1975 hier loslegte, war die Parzelle eine Schutthalde.

Heute ist der Kleingarten für Klaus Grube und seine Angelika Schur ein Paradies mit Aussicht. Als er 1975 hier loslegte, war die Parzelle eine Schutthalde.

Foto: Susanne Tamm

Den Kleingärtnerverein Reinbek gibt es schon seit 100 Jahren. Vorstand erklärt, warum Schreber eine Vorreiterrolle übernehmen.

Reinbek. Frische Zwiebeln, Kartoffeln, Möhren, Bohnen, Rote Bete oder Spalieräpfel: Bio hin oder her – Kleingärtner Klaus Grube (80) weiß schon seit Jahrzehnten, als man unter dem Begriff „Bio“ noch ein Schulfach verstand, genau, was in seinem Gemüse und Obst drinsteckt. Auf seiner Parzelle sammelt er Regenwasser und produziert dort „schwarzes Gold“: Kompost.

Als der konsequent Platt schnackende Schreber 1975 seine Scholle bekam, war dort, am äußersten Ende von Reinbek, nichts außer einer 380 Quadratmeter großen Schutthalde mit einem Gefälle von eineinhalb Metern. Mit dem „Handbagger“, wie seine Lebensgefährtin Angelika Schur die Plattschaufel scherzhaft nennt, hat er sein kleines Paradies mit Blick nach Bergedorf und Lohbrügge am Rande des Krähenwaldes gestaltet, 25 Tannen gefällt, Mutterboden herbeigekarrt. Heute würde man wahrscheinlich ein Vorher-Nachher-Video im Zeitraffer für Youtube davon drehen.

Kleingärtner nehmen eine Vorreiterrolle ein

Trendiger als beim Kleingärtnerverein Reinbek, der im Oktober 100 Jahre alt wird, geht es also kaum. Bereits die Pandemie hatte den Kleingartenvereinen einen riesigen Zulauf beschert. „Mit der Inflation und dem teurer gewordenen Gemüse hat sich dieser Trend noch einmal verstärkt“, hat die Vereinsvorsitzende Susanne Woytke beobachtet.

Die Regel des Deutschen Kleingartengesetzes, dass mindestens ein Drittel einer Schreber-Parzelle aus Gemüse- und Obstanbau zu bestehen hat, kommt den Hobbygärtnern da sehr gelegen. „Der Ruf des Spießers passt auf die Kleingärtner heute überhaupt nicht mehr, das ist Geschichte“, stellt Torsten Klemm, Erster Beisitzer des Vereins, fest. Ob Hochbeete, Solaranlagen, Bienenhaltung oder Integration – es gibt kaum ein Top-Thema, bei dem der Kleingärtnerverein keine Vorreiterrolle erfüllt.

Zu seinem runden Jubiläum hat der Verein knapp 180 Mitglieder – bei 143 Parzellen. Die Urzelle des Vereins „Karo 1“ liegt am Schneewittchenweg hinter dem Feinkostsalat-Produzenten Grossmann. Dann folgt „Karo 2“ hinter dem Karolinenhof. Knapp 20 Interessenten stehen auf der Warteliste.

Um den Arbeitseifer der Kleingärtner war es übrigens nicht immer gut bestellt, weiß Torsten Klemm: „Die Drittelregel wurde erst nach dem Zweiten Weltkrieg eingeführt. Beim Namensgeber der Bewegung, Dr. Moritz Schreber, stand noch die Erholung in der Natur im Vordergrund.“ Das war 1864.

Vorstand wurde erst im April dieses Jahres gewählt

Ihm zu Ehren hieß der erste von dem Leipziger Schuldirektor Ernst Innozenz Hauschild gegründete Kleingartenverein Schreberverein. Klemm hat seine Parzelle – eine von 20 am Krähenwald – vom ehemaligen Stadtarchivar Peter Wagner übernommen und weiß daher allerlei über die Historie. Zum Beispiel, dass auf dem Areal unter den Nationalsozialisten der Bahnhof Hinschendorf und im Viertel eine Siedlung für die Waffen-SS entstehen sollte. „Es ist jedenfalls nicht das Schlechteste, dass es dazu nicht gekommen ist“, stellt Susanne Woytke trocken fest.

Die Vorsitzende und ihr Vorstand sind erst im April dieses Jahres gewählt worden. Zu kurzfristig, um bereits für dieses Jahr eine große Jubiläumsfeier auf die Beine zu stellen. „Das holen wir aber zum 101. Geburtstag alles nach“, versichert sie. Sponsoren werden dafür schon jetzt gesucht. Die können die Kleingärtner aber auch für die Realisierung vieler anderer Ideen gebrauchen. Angedacht sind etwa eine Modernisierung des Vereinshauses, die Gründung eines Seniorentreffs, für Mitglieder, die ihre Parzelle schon abgegeben haben, ein großes Insektenhotel sowie eine Neugestaltung der alten Gemeinschaftsbeete, um nur einige Ideen zu nennen. „Vor allem aber wollen wir die Gemeinschaft wieder nach vorn bringen, nicht, dass jeder nur vor sich hinpuzzelt“, betont sie.

Die Harmonie müsse stimmen – auch bei der Auswahl neuer Mitglieder. „Wir haben von der Stadt sogar den Auftrag bekommen, dass das soziale Gefüge stimmen muss“, erläutert ihr Vize, Enver Bacan. „Deshalb vergeben wir mit Augenmaß. Da kann es schon einmal drei Jahre dauern, bis jemand seinen passenden Garten bekommt.“ Kontakt unter mail@kgv-reinbek.de oder unter Telefon 0176/30 18 01 64.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Reinbek