Reinbek

Nach 167 Jahren: Niemanns Gasthof schließt Restaurant

| Lesedauer: 5 Minuten
Susanne Tamm
Koch und Seniorchef Joachim Niemann (70) hat den Stil des Traditionshauses im Ortsteil Silk – wie hier in der Gaststube mit Kachelofen, Holzvertäfelung und Wilddekoration – immer gepflegt.

Koch und Seniorchef Joachim Niemann (70) hat den Stil des Traditionshauses im Ortsteil Silk – wie hier in der Gaststube mit Kachelofen, Holzvertäfelung und Wilddekoration – immer gepflegt.

Foto: Susanne Tamm

Bald öffnet die Küche des Reinbeker Traditionshauses zum letzten Mal. Nur der Hotelbetrieb geht dann weiter.

Reinbek. Joachim Niemann ist in der Küche seines Traditions-Gasthofs in Reinbek groß geworden. „Als vier Jahre alter Steppke bin ich mit meinem Dreirad immer im Kreis um den Herd gefahren“, sagt der heute 70 Jahre alte Seniorchef des Hauses lachend. „Und bei jeder Runde habe ich mir eine Handvoll Klößchen für die Suppe gemopst und in den Mund gestopft – und unsere Köchin war wütend!“

Ein Foto von ihm damals auf dem Dreirad ist heute in der Gaststube zu bewundern. Der Landgasthof steckt für ihn voller Erinnerungen. Auch nach jetzt 167 Jahren brummt der Laden, die Gaststube ist trotz der mittlerweile eingeschränkten Öffnungszeiten auch unter der Woche gut besucht. Schon nachmittags lassen sich Besucher die klassisch norddeutsche Küche schmecken.

Landgasthof in Reinbek schließt nach 167 Jahren Restaurant

„Heutzutage sind wir deutschen Landgasthöfe ja die Exoten“, sagt der Koch aus Überzeugung. „Italienische, griechische oder asiatische Küche findet man hingegen an jeder Ecke.“ Und doch werden Joachim Niemann und seine Tochter Rebecca das Restaurant am 15. Dezember schließen müssen. „Meine Frau Edith ist 69 und ich bin 70 Jahre alt: Wir wollen uns zurückziehen“, sagt der Senior. Die Hoffnung, dass beide Töchter den Traditionsgasthof übernehmen, hat sich zerschlagen. Jetzt ist nur noch Tochter Rebecca mit im Boot, die sich künftig auf den Hotelbetrieb konzentrieren will.

Joachim Niemann hatte erst vergangenes Jahr eine Dreiviertelmillion Euro investiert. Der alte Festsaal ist elf modernen Hotelzimmern mit Duschbad und WLAN gewichen. „Alles, was man so haben muss“, sagt der Gastronom. Ein großer Teil der Kosten sei durch behördliche Auflagen entstanden, weil Niemann seinen eigenen Brunnen hat und sein Abwasser selbst entsorgt. Der erfahrene Gastwirt weiß aber auch: „Das Hotel plus Restaurantbetrieb zu führen ist doch zu viel für eine Person.“

Niemanns Gasthof: Am liebsten holsteinische Küche

Seine Lehre als Koch hat Joachim Niemann im Hotel Reichshof in Hamburg absolviert. „Das war damals der größte Betrieb im Norden mit 600 Mitarbeitern, 54 Köchen und Lehrlingen“, sagt er. „Das war eine harte Schule. Denn ich wurde am ersten Tag vom Chef persönlich – er war ein Freund meines Vaters – allen anderen vorgestellt und hatte meinen Ruf als Chefs Liebling weg.“ Dagegen habe er im ersten Halbjahr anarbeiten müssen.

„Aber ich habe viel gelernt“, sagt der 70-Jährige. „Zum Abschluss sagte mir mein Lehrmeister: ,Solange du kochst, wirst du immer noch weiter lernen.’ Und er hatte recht. Allein beim Gemüse: Damals hatten wir eine Kürbissorte, heute sind es ein Dutzend.“ Die Freude am Kochen hat Joachim Niemann nie verloren. „Ich stehe auch heute gern noch privat am Herd, am liebsten für die klassische holsteinische Küche wie gefüllte Schweinerippe oder Steckrübenmus und Schusterkarbonade.“

Er gerät ins Schwärmen: „Als ich Kind war, hatten wir noch eigene Schweine. Die wogen am Ende sechs Zentner und hatten 15 Zentimeter Speck auf den Rippen: der Schinken, die Koteletts – das schmeckte alles!“ Montags sei geschlachtet, dienstags das Fleisch aufgeschnitten worden.

Bedauern über Verschwinden der Landgasthöfe

Joachim Niemann hat schon als Kind mit angepackt: die Klößchen für die Suppe auf die Teller geben, Petersilie anrichten, Brot schmieren oder bei der Schlachtung helfen. „Da habe ich mir einmal den Schweineschwanz abgeschnitten und heimlich unserem Lehrer hinten angeheftet“, sagt der Reinbeker schmunzelnd. „Komischerweise wussten alle, dass ich das war.“

Sein Großvater Wilhelm Niemann hatte den Gebäudekomplex in den 1920er-Jahren so gebaut, wie er im Wesentlichen heute noch steht. „Anfangs gab es einen Riesenfestsaal von etwa 250 Quadratmetern, der nach und nach unterteilt wurde“, sagt Joachim Niemann. Als sein starb, übernahm er selbst den Gasthof 1983 auf Leibrente von seiner Mutter. „Die Landwirtschaft hatten wir 1980/81 abgerissen und stattdessen die neue Küche und Personalräume errichtet.“ Die Kegelbahn gab die Gastronomen-Dynastie im Jahr 2000 auf, richtete aber den beliebten, kleinen Clubraum mit Zugang zum Garten ein.

Niemann hatte sich für Nachfolge deutsche Küche gewünscht

Joachim Niemann bedauert, dass es immer weniger Landgasthöfe gibt. „Ich habe den Stil unseres Hauses mit Holzvertäfelung, Kachelofen und Wilddekorationen immer gepflegt.“ Deshalb hatte er sich als Nachfolger auch eine deutsche Küche gewünscht. „Doch alle Interessenten waren Italiener oder Griechen und wollten alles umkrempeln. Das können sie auch gern tun, wenn sie das Objekt kaufen“, sagt Niemann. Er selbst liebe die italienische Küche. Aber die Tradition des Hauses wollte er gern erhalten.

Doch Mitte Dezember ist Schluss. „Nur für die Freiwillige Feuerwehr mache ich im Januar noch einmal eine Ausnahme“, sagt er. „Immerhin musste die zwei Jahre ihr Eisbeinessen ausfallen lassen.“

Wer noch einmal die Küche genießen will, sollte unbedingt unter Telefon 04104/23 91 reservieren.

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