Reinbek

Proteste: Umzug des Recyclinghofs sorgt für Zündstoff

| Lesedauer: 5 Minuten
Susanne Tamm
Szenen wie diese auf der Glinder Straße sollen künftig der Vergangenheit angehören, wenn der Recyclinghof westwärts an die Sachsenwaldstraße zieht – fern jeder Wohnbebauung.

Szenen wie diese auf der Glinder Straße sollen künftig der Vergangenheit angehören, wenn der Recyclinghof westwärts an die Sachsenwaldstraße zieht – fern jeder Wohnbebauung.

Foto: Susanne Tamm

Politik stimmt für Verlagerung des Geländes an die Sachsenwaldstraße. Während sich einige Bürger freuen, sind andere sauer.

Reinbek.  Der Reinbeker Bauausschuss hat den Startschuss für eine Verlagerung des Recyclinghofs in Reinbek an der Glinder Straße gegeben: Gegen die Stimmen von Grünen und Forum 21 haben die Politiker für den Standort an der Sachsenwaldstraße gestimmt. Dieses Areal erfordert eine lange Zuwegung aus dem Nordwesten, die vom Gewerbegebiet aus erreichbar sein wird.

Seit mehr als zwölf Jahren gibt es Proteste der Anwohner, weil sich auf ihrer Straße Staus der wartenden AWSH-Kunden bilden, so dass sie kaum noch ihre Einfahrten erreichen. Abgase und Verkehrslärm kommen hinzu.

Misstrauen der Bevölkerung wurde in der Fragestunde deutlich

Schon während der Einwohnerfragestunde sorgte das Thema im Bauausschuss für kritische Fragen. Ein Reinbeker argwöhnte: „Warum müssen etwa 60.000 Quadratmeter als Gewerbegebiet ausgewiesen werden, wenn der Recyclinghof nur rund 7000 Quadratmeter braucht? Was passiert mit den übrigen 50.000? Sollen hier Fakten geschaffen werden?“ Henry Kern (SPD) versuchte, die Wogen zu glätten. „Wir schaffen keine Fakten“, stellte er klar. „Das Verfahren geht erst los und kann jederzeit wieder gestoppt werden.“

Bürger in Reinbek sind misstrauisch: Wird noch mehr Fläche versiegelt?

Auch Markus Linden (Grüne) erläuterte, dass die Ausweisung im zweiten Teil der Beschlussvorlage nach der Entscheidung auf die Fläche des Standortes eingegrenzt wird. Bürgervorsteher Christoph Kölsch (CDU) erklärte, dass auf Vorschlag von Klaus-Peter Puls (parteilos), ein größeres Areal vorbereitet worden sei, das beide alternativen Standorte umfasst, um schneller voranzukommen.

Dennoch wurde das Misstrauen der Bevölkerung ebenso wie der Wunsch nach möglichst wenig Versiegelung offenbar. Mit der langen Zuwegung würden Knicks und zu viel Grün zerstört, mahnte eine Reinbekerin. „Hier wird eindeutig nicht ökologisch gehandelt“, stellte sie fest. „Wie ernst nehmen Sie denn die Sorgen der Bürgerinnen und Bürger?“ Ein Reinbeker warf der Politik vor: „Es geht hier doch nicht um die Verlagerung der AWSH, sondern um eine Erweiterung des Gewerbegebietes. Das ist doch eine Farce!“

Tierschützerin appellierte an die Politiker, den Klimaschutz zu bedenken

Tierschützerin Karen Schönbrodt appellierte ebenfalls an die Politiker, den Klimaschutz zu bedenken. Nach 40 Jahren Erfahrung in der Wildtieraufzucht kämen ihr immer mehr schwerst unterernährte Vögel und Eichhörnchen unter. „Wir sind an einem Punkt angekommen, wo wir uns entscheiden müssen: für den Klimaschutz oder die Wirtschaft. Gucken Sie sich Reinbek doch an: Jede Straße wird voll gebaut. Sie haben aktiv daran teilgenommen, alles zu zerstören“, sagte sie, drängte die Politiker in die Defensive.

Politiker verweisen auf Gewerbesteuereinnahmen

„Klimaschutz und Fortschritt schließen sich nicht aus“, erwiderte Henry Kern. „Auch Klimaschutzmaßnahmen kosten Geld. Dafür brauchen die Kommunen die Gewerbesteuern.“ Volker Dahms (FDP) erklärte: „Es gibt einen großen Konsens unter uns, dass wir die massive Nachverdichtung so nicht mehr zulassen wollen. Deshalb überarbeiten wir die Bebauungspläne unserer Stadt.“ Markus Linden hingegen sagte: „Es ist offensichtlich, dass das, was in Berlin und Glasgow beraten wird, in der Kommunalpolitik noch nicht angekommen ist. Dabei werden diese Entscheidungen am Ende von der Kommunalpolitik gefällt und umgesetzt werden müssen.“

Henry Kern stellte den SPD-Antrag vor, den Recyclinghof an die Sachsenwaldstraße westlich vom aktuellen Standort zu verlagern: „Wir favorisieren diese Variante, weil sie nicht im Wasserschutzgebiet liegt. Und – was sollen wir lange drumherum reden: Wir sehen dort auch Potenzial für eine Gewerbeerweiterung.“

Anwohner sind glücklich, dass es künftig ruhiger werden wird

Die Grünen, die anfangs gar den Punkt Recyclinghof noch von der Tagesordnung nehmen wollten, sprachen sich hingegen für die erste Variante nordöstlich der Gewerbebebauung am Senefelder Ring aus. Anke Wiener (Grüne) kritisierte, dass die Verwaltung die Kostenermittlung für die beiden Varianten schuldig geblieben sei. „Wir haben die Arbeit der Verwaltung gemacht, die Kosten recherchiert“, sagte sie. Markus Linden führte aus, dass für die lange Straße etwa 310.000 Euro anfallen würden. „Laut Stormarner Kreisverwaltung wären die Kosten im Wasserschutzgebiet dieselben wie knapp davor“, sagte Linden. Variante I sei also günstiger und eine Straße Richtung Süden würde die Erweiterung einiger Unternehmen am Senefelder Ring verhindern.

Volker Dahms wollte es genau wissen: „Der Köder muss schließlich dem Fisch schmecken. Gibt es Bedenken, ob die AWSH im Wasserschutzgebiet III genehmigungsfähig wäre?“, fragte er AWSH-Geschäftsführer Dennis Kissel. Die Antwort fiel eindeutig aus: „Es geht nicht um Oberflächenwasser, es geht um Schadstoffannahme und um gefährliche Abfälle, etwa Betriebsstoffe. Man könnte auch im Wasserschutzgebiet bauen – nur wird es dort erheblich teurer. Daher ziehen wir als AWSH die Variante II vor. Und wir wollen die Belästigung von Anwohnern künftig vermeiden. Deshalb ist die lange Straße für uns positiv.“ Mit dem Zusatzantrag, die AWSH solle die Kosten für die Zufahrt tragen, blitzten die Grünen ab.

Besonders die Nachbarschaft ist jetzt nur glücklich, dass die Weichen für eine ruhigere Zukunft gestellt sind: „Ich habe die gute Nachricht gleich heute morgen gehört“, erzählt Anwohner Jörg Klug. „Wir sind glücklich, dass es hoffentlich endlich nach vorn geht.“

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Reinbek