Corona

In Reinbek läuft die Impfstoffproduktion rund um die Uhr

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Undine Gerullis
Die Hygienestandards bei der Vakzinproduktion auf dem Werksgelände des Arzneimittelherstellers Allergopharma sind hoch. Seit Ende April ist das Unternehmen im Gewerbegebiet an der Impfstoffproduktion von Biontech/Pfizer beteiligt.

Die Hygienestandards bei der Vakzinproduktion auf dem Werksgelände des Arzneimittelherstellers Allergopharma sind hoch. Seit Ende April ist das Unternehmen im Gewerbegebiet an der Impfstoffproduktion von Biontech/Pfizer beteiligt.

Foto: Christian Charisius / dpa

Arzneimittelhersteller Allergopharma hat im Dreischichtsystem schon 160 Millionen Dosen vom Biontech-Vakzin hergestellt.

Reinbek. Dass die Impfkampagne gegen das Coronavirus in Deutschland an Fahrt verloren haben soll, davon ist bei dem Reinbeker Arzneimittelhersteller Allergopharma nichts zu spüren. Ende April hatte das Reinbeker Unternehmen bei einem Besuch das damaligen Bundesgesundheitsministers Jens Spahn (CDU) die Vakzinproduktion für Biontech/Pfizer aufgenommen und arbeitet seitdem im Dreischichtsystem 24 Stunden am Tag.

Allergopharma: 24 Stunden am Tag Herstellung von Corona-Impfstoff

Laut Mutterkonzern Dermapharm liegen die Produktionskapazitäten pro Jahr bei 500 Millionen Impfdosen. 160 Millionen haben in den vergangenen sechs Monaten bereits das Werksgelände an der Herrmann-Körner-Straße unter hohen Sicherheitsauflagen in Lastern verlassen. „Es läuft sehr gut. Wir sind stolz darauf, einen wichtigen Beitrag für die Bekämpfung der Pandemie zu leisten“, sagt Dr. Hans-Georg Feldmeier. Der 59-Jährige ist Vorstandsvorsitzender von Dermapharm, einem börsennotierten, international tätigen Unternehmen mit Hauptsitz in Grünwald bei München. Dermapharm hatte den Reinbeker Spezialisten für Allergiepräparate im April 2020 von Merck übernommen. Danach seien 200 Mitarbeiter von insgesamt 486 in sozialverträglichen Maßnahmen abgebaut worden.

Ende 2020 kam dann die Anfrage von Biontech/Pfizer. Die Mainzer waren auf der Suche nach einem geeigneten Standort, in dem Schritt drei von vier der Vakzinproduktion realisiert werden kann. „Bei Schritt drei geht es um die sogenannte Verheiratung der mRNA mit Lipiden“, sagt der promovierte Apotheker Feldmeier.

Vakazinfläschchen werden in Europa oder der Schweiz abgefüllt

Die fertige mRNA, die Bauanleitung für einen Baustein des Virus, wird bereits nach Reinbek geliefert. Danach geht er per Lkw an einen anderen Standort innerhalb Europas oder der Schweiz und wird in entsprechenden Vakzinfläschchen abgefüllt. Ein Fläschchen enthält sechs Impfdosen.

Die für die Produktion nötigen Voraussetzungen waren bei Allergopharma vorhanden – sowohl das Knowhow als auch die Räume wie Hygieneschleusen, Labore und eine 100 Quadratmeter große sogenannte Reinhalle aus dem Jahr 2016, die als Reservefläche vorgesehen war.

35 neue Mitarbeiter für die Vakzinproduktion eingestellt

In nur drei Monaten ist es Allergopharma gelungen, eine neue Produktionslinie aufzubauen. „Das war eine enorme Leistung“, sagt Feldmeier, der seinen Mitarbeitern für den großen Einsatz dankbar ist. Möglich sei der schnelle Produktionsstart auch nur gewesen, weil die Industrie ihre Lieferzeiten für neue Anlagen von sonst zehn Monaten auf zehn Wochen verkürzt habe

Diese Corona-Impfstoffe sind in Deutschland zugelassen

  • Biontech/Pfizer: Der erste weltweit zugelassene Impfstoff gegen das Coronavirus wurde maßgeblich in Deutschland entwickelt. Der mRNA-Impfstoff, der unter dem Namen Comirnaty vertrieben wird, entwickelt den vollen Impfschutz nach zwei Dosen und ist für Menschen ab zwölf Jahren zugelassen. Laut Bundesgesundheitsministerium (BMG) hat er eine Wirksamkeit von etwa 90 Prozent – das heißt, die Wahrscheinlichkeit, schwer an Covid-19 zu erkranken, sinkt bei Geimpften um den genannten Wert. Ebenfalls von Biontech stammt der erste für Kinder im Alter von fünf bis elf Jahren zugelassene Impfstoff in Deutschland.
  • Astrazeneca: Der Vektorimpfstoff des britischen Pharmaunternehmens wird unter dem Namen Vaxzevria vertrieben. Aufgrund von seltenen schweren Nebenwirkungen empfiehlt die Ständige Impfkommission (Stiko), den Impfstoff nur für Patienten zu verwenden, die älter als 60 Jahre sind. Offiziell zugelassen ist der Impfstoff aber für Menschen ab 18 Jahren. Vaxzevria weist laut BMG nach zwei Impfdosen eine Wirksamkeit von bis zu 90 Prozent in Bezug auf schwere Erkrankungen auf.
  • Moderna: Der von dem US-Unternehmen entwickelte mRNA-Impfstoff mit dem Vertriebsnamen Spikevax ist für alle ab 12 Jahren zugelassen, die Stiko empfiehlt aufgrund eines erhöhten Risikos schwerer Nebenwirkungen aber, ihn auf die Altersgruppe der über 30-Jährigen zu beschränken. Der Moderna-Impfstoff hat laut BMG eine Wirksamkeit von bis zu 90 Prozent in Bezug auf schwere Erkrankungen, wenn der volle Impfschutz nach zwei Impfdosen erreicht worden ist.
  • Johnson&Johnson: Das US-Unternehmen hat einen Vektorimpfstoff entwickelt, der bereits nach einer Impfdosis Schutz vor dem Coronavirus entwickelt. Er wird unter dem Namen Covid-19 Vaccine Janssen vertrieben. Das Präparat hat laut BMG eine Wirksamkeit von bis zu 70 Prozent bezogen auf schwere Erkrankungen – zudem ist die Zahl der Impfdurchbrüche im Vergleich zu den anderen Impfstoffen erhöht, daher empfiehlt die Stiko für mit Johnson&Johnson Geimpfte schon nach vier Wochen eine zusätzliche Impfdosis mit Comirnaty oder Spikevax, um den vollständigen Impfschutz zu gewährleisten.
  • Novavax: Der Impfstoff, der mitunter zu den sogenannten Totimpfstoffen gezählt wird, enthält das Spike-Protein des Covid-19-Erregers Sars-CoV-2. Dabei handelt es sich aber genau genommen nicht um abgetötete Virusbestandteile, die direkt aus dem Coronavirus gewonnen werden. Das Protein wird stattdessen gentechnisch hergestellt und im Labor in Insektenzellen vermehrt. Das menschliche Immunsystem bildet nach der Impfung Antikörper gegen das Protein.
  • Weitere Impfstoffe sind in der Entwicklung: Weltweit befinden sich diverse Vakzine in verschiedenen Phasen der Zulassung. Die Europäische Arzneimittelbehörde EMA prüft derzeit das umstrittene russische Präparat Sputnik V sowie die Impfstoffe der Hersteller Sinovac, Sanofi und Valneva. Der deutsche Hersteller CureVac hat seinen Impfstoff vorerst aus dem Zulassungsverfahren zurückgezogen.

„Parallel dazu haben wir sofort mit den Mitarbeitern begonnen und diese an unserem Standort in Brehna in Sachsen-Anhalt geschult“, sagt Feldmeier. Dort produziert Dermapharm bereits seit September vergangenen Jahres den Corona-Impfstoff im Auftrag von Biontech/Pfizer. 35 wissenschaftliche Mitarbeiter wurden aus anderen Projekten bei Allergopharma abgezogen, 35 neue wurden für die Vakzinproduktion eingestellt. So wie es derzeit aussieht, werden sie länger im Unternehmen bleiben. „Ich gehe fest davon aus, dass wir auch im kommenden Jahr sowie 2023 weiter Impfstoffe herstellen“, sagt Hans-Georg Feldmeier.

Mainzer Unternehmen entwickelt Impfstoff gegen Malaria

Die Nachfrage nach dem Vakzin ist nach wie vor groß – in Deutschland im Hinblick auf die dritte Auffrischung und die Ausweitung der Impfempfehlung auf Kinder. In anderen Regionen dieser Welt wie in Afrika stecke sie erst noch in den Anfängen.

Eine weitere Zusammenarbeit mit Biontech ist darüber hinaus noch nicht angedacht. Das Mainzer Unternehmen ist gerade dabei, einen Impfstoff gegen Malaria zu entwickeln. „Mit der Vakzinproduktion hat Allergopharma neues Terrain betreten. Unser Kerngeschäft liegt aber in der Erforschung und Behandlung von Allergien. Darin sind wir im Bereich Immuntherapie Marktführer in Deutschland“, sagt Feldmeier. Ob zukünftig mRNA bei der Behandlung von Allergien eine Rolle spielen könnte, will Feldmeier nicht ausschließen. „Ein technologischer Zugewinn sind mRNA-Stoffe in jedem Fall“, sagt der Vorstand.

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