S 21

Ausbau der S-Bahngleise: Erinnerungen eines Machers

| Lesedauer: 5 Minuten
Undine Gerullis
Die S-Bahn Reinbek–Aumühle fährt seit 19 Jahren auf eigenen Gleisen. Auf der Strecke wurden bis 2002 acht Kilometer Schienen verbaut

Die S-Bahn Reinbek–Aumühle fährt seit 19 Jahren auf eigenen Gleisen. Auf der Strecke wurden bis 2002 acht Kilometer Schienen verbaut

Foto: Undine Gerullis

Gleise werden nach rund 20 Jahren saniert. Derzeit herrscht Ruhe. Das war nicht immer so, weiß der Reinbeker Uwe Thiede.

Reinbek. Anwohner an den Bahngleisen erleben gerade ruhige Zeiten, denn die Deutsche Bahn saniert die Schnellstrecke Berlin–Hamburg. Bis 11. Dezember werden auf dem Abschnitt zwischen Berlin und Büchen für 100 Millionen Euro neue Schienen, Weichen und Schwellen verbaut. Die 80 Fernverkehrszüge und genauso viele Güterzüge, die hier sonst täglich vorbeirauschen, werden derzeit umgeleitet. Die Fahrzeit für Reisende nach Berlin verlängert sich um 50 Minuten, sie fahren über die Strecke Uelzen–Stendal. Regionalzüge von Büchen bis Hamburg sind davon nicht betroffen, sie verkehren weiterhin im Zwei-Stunden-Takt.

Die Bahn will die Strecke, die durch fünf Bundesländer führt, fit machen für die Zukunft und den Verkehr auf der Strecke ausbauen. Anfang nächsten Jahres wird es mit der Ruhe auf dem Abschnitt wieder vorbei sein, dann soll die Strecke zudem als ICE-Umleitung genutzt werden, wenn die Schnellfahrstrecke Kassel–Fulda–Würzburg modernisiert wird.

Gleich nach der Wende begann der Ausbau der Strecke nach Berlin

Die Strecke Berlin–Hamburg wurde bereits 1846 in Betrieb genommen und ist das Verkehrsprojekt Deutsche Einheit mit der Nummer zwei. Gleich nach der Wende begannen die Planungen zum Ausbau, 1994 wurde sie dann umfangreich saniert und elektrifiziert. Insgesamt 68 Millionen Euro investierte die Bahn in neue Gleise, Oberleitungen und die Sanierung der Bahnhöfe.

Der Reinbeker Uwe Thiede, pensionierte Bahnbeamter, hat den anfänglichen Sanierungsprozess als Leiter der Dienststelle Büchen interessiert beobachtet. Dass er einmal entscheidenden Anteil daran haben wird, das konnte der heute 82-Jährige damals noch nicht wissen. Nur zwei Jahre später wurde er der „Mann für die schwierigen Fälle“.

Denn einverstanden mit dem Ausbau der Strecke für Hochgeschwindigkeitszüge mit bis zu 230 km/h waren längst nicht alle. Hunderte Gespräche hat Thiede in den Jahren des Ausbaus in Wohnzimmern von besorgten oder verärgerten Aumühlern, Wentorfern und Wohltorfern geführt.

Die Information über Ersatzbusse waren eine wichtige Aufgabe

Viele fürchteten den Lärm, den Elektrosmog oder den Wertverlust ihrer Grundstücke. Ernst genommen hat Thiede sie alle. „Ich kann mich an kein Gespräch erinnern, nachdem ich rausgeschmissen wurde“, sagt. Das lag sicher auch an seiner ausgleichenden und freundlichen Art. Überzeugt hat er vielleicht nicht alle, beruhigt aber schon und das eine oder andere Mal Blumen oder ein Pfund Kaffee für die Frau im Haus mitgebracht. Wen er nicht überzeugte, ging doch noch vor Gericht – wie ein Anwohner im Bereich Wentorf. Der bekam Recht und die Lärmschutzwand musste noch einmal erhöht werden, erinnert sich Thiede.

Ab 1996 kam ein weiteres Ärgernis hinzu: Die S-Bahnstrecke zwischen Aumühle und Bergedorf wurde vom Fernverkehr abgekoppelt, die rund acht Kilometer lange Strecke viergleisig ausgebaut. Für Pendler bedeutete das vor allem eins: Sie mussten acht Jahre lang Einschränkungen hinnehmen und auf Schienenersatzverkehr ausweichen. Und so war fortan bis zur Fertigstellung Ende Mai 2002 die Information über die Ersatzbusse eine wichtige Aufgabe von Uwe Thiede. Er arbeitete in der Zeit eng mit den Verkehrsbetrieben Hamburg-Holstein zusammen und bekam, als er in Rente ging, zum Dank einen kleines Bus-Modell geschenkt.

Im nächsten Jahren wollen sie das 20. Jubiläum feiern

Am 26. Mai 2002 um 12.06 Uhr war der Ausbau endlich abgeschlossen. Dann verließ die erste S-Bahn den mit 3000 Luftballons geschmückten Aumühler Bahnhof in Richtung Bergedorf. „Das war ein toller Moment“, sagt Thiede. Zur Erinnerung an diese spannende Zeit fährt Uwe Thiede zusammen mit dem damaligen Projektingenieur Ingo Wolde und dem Bauleiter Reinhard Bodem jährlich am 26. Mai „ihre Strecke“ von Reinbek nach Büchen mit dem Auto ab. Im nächsten Jahr wollen sie dann das 20. Jubiläum der Inbetriebnahme des S-Bahngleise feiern.

Zusammen haben die drei in ihrem damaligen Containerdorf der Bahn an der Ladestraße viel erlebt. Hier wurde das Großprojekt koordiniert. Hier gingen auch die Anrufe der Anwohner ein. Darunter war auch eine Aumühlerin, die während der Umbaumaßnahmen im Winter am Aumühler Bahnhof ausgerutscht war und sich einen Arm gebrochen hatte. „Die Dame klagte darüber, dass sie so nicht mehr ihren Tannenbaum abschmücken kann. Wenig später stand Thiede zusammen mit den Sekretärinnen in ihrem Wohnzimmer und hängte die Christbaumkugeln ab.

Täglich 250.000 Fahrgäste in der S 21

Dass der Ausbau der Bahnstrecke richtig und zukunftsweisend war, davon ist Thiede ist überzeugt. Die Fahrgastzahlen geben ihm Recht. Laut einem Sprecher der Deutschen Bahn wird die S 21 täglich von 250.000 Fahrgästen genutzt. Das ist ein Anstieg von 30 Prozent in den vergangenen zehn Jahren. Nur bei der Taktung hat sich wenig geändert: S-Bahnen zwischen Aumühle und Bergedorf fahren weiterhin nur alle 20 Minuten.

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