Wahl-O-Mat

Politische Bildung per Sticker auf dem Markt in Reinbek

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Susanne Tamm
Lina (16, v. l.), Jördis (15), Hanno (15) und Lennart (15) diskutieren über eine der Thesen, bevor sie ihre Aufkleber platzieren.

Lina (16, v. l.), Jördis (15), Hanno (15) und Lennart (15) diskutieren über eine der Thesen, bevor sie ihre Aufkleber platzieren.

Foto: Susanne Tamm

Politische Bildung mit dem „Wahl-O-Mat zum Aufkleben“ auf dem Täby-Platz in Reinbek. Nicht nur Schüler suchten ihre Lieblingspartei.

Reinbek. 38 politische Thesen stehen an den vier Stellwänden: Gewappnet mit einem Zettel voller Aufkleber, konnten die Passanten auf dem Täby-Platz am Mittwoch ihre politische Meinung schärfen und jede These mit den Stickern„Ich stimme zu“ (Grün) oder „Ich stimme nicht zu“ (Rot) kommentieren. Waren sie unentschlossen, sollten sie gleich beide Aufkleber unter die These pappen. Zum Wochenbeginn bis zum 24. September tourt die Aktion „Wahl-O-Mat zum Aufkleben“ des Landesbeauftragten für politische Bildung Schleswig-Holstein durch 16 Kommunen.

Windkraft stärker fördern? Mehr Geld in Deutschlands Verteidigung investieren? „Ja“, „Nein“, „doch“ – die beiden Gymnasiasten Lennart und Hanno aus dem Wipo-Profil der Sachsenwaldschule gingen die Fragen gemeinsam durch, waren aber durchaus geteilter Meinung.

Seit fast 20 Jahren gibt es den Wahl-O-Mat

In ihren Unterricht passt der Wahl-O-Mat gerade richtig gut: „Bisher haben wir uns eher mit politischen Theorien auseinandergesetzt, jetzt sind wir in der Gegenwart angekommen“, erzählt Lehrerin Myriam Christ. Jetzt sollen die Schüler in Referaten die Positionen der einzelnen Parteien erarbeiten.

Die Menschentraube auf dem Wochenmarkt erregte Aufsehen. Einige blieben stehen und so entspannen sich Diskussionen zwischen den Schülern und einigen Älteren. „Eine tolle Sache, erste Sahne diese Aktion!“, lobte der Reinbeker Peter Rotsch. „Das wäre einmal etwas für diese Wahlverweigerer, damit sie mal ihren Geist anstrengen.“

Jung und Alt kommen auf dem Marktplatz ins Gespräch

Jeldrik (16) stimmte ihm zu und wollte wissen: „Wen werden Sie denn wählen?“ Peter Rotsch antwortete: „So etwas fragt man nicht. Die Wahl ist nicht ohne Grund geheim. Du musst Dir vorstellen, wenn Du etwa in Bayern die falsche Partei wählst, bist Du überall unten durch.“ Er versprach später wiederzukommen und selbst seine Sticker aufzukleben.

Seit 2002 gibt es den Wahl-O-Mat im Internet. Seitdem wurde das interaktive Instrument mehr als 50 Millionen Mal gespielt. Zur Europawahl 2014 hat die Bundeszentrale für politische Bildung den Wahl-O-Mat zum Aufkleben entwickelt. Sie nennt ihn den „kleinen Bruder des Wahl-O-Maten“. Er funktioniert völlig analog, wie ein Lochkartensystem: Zum Schluss schicken die Nutzer ihren Aufkleberzettel mit seinen Lücken durch einen mobilen Scanner.

Alle zugelassenen Parteien oder nur die acht stärksten?

Der Computer des Wahl-O-Maten wertet diese optische Lochkarte aus, errechnet digital das Ergebnis und druckt es gleich vor Ort auf einer Art Bon aus. Als Ergebnis stehen dort die Parteien, die am ehesten zur eigenen politischen Meinung passen.

Alle Parteien, die zur Wahl zugelassen worden sind, werden für die Auswertung berücksichtigt. Die Nutzer können wählen, ob nur die acht stärksten oder alle Parteien ins Ergebnis einfließen sollen.

Überrascht über die Übereinstimmung mit einigen kleineren Parteien

„Die Aktion gefällt mir echt gut, so kann man sich eine Meinung über die Parteien bilden“, sagte die Gymnasiastin Jördis (15). „Ich finde es hier auch viel interessanter als im Internet, weil man mit Leuten ins Gespräch kommt, und so noch andere Argument kennenlernt. Überraschend war für mich, wie hoch meine Übereinstimmung mit einigen kleineren Parteien war. Ich glaube, ich müsste mich viel mehr mit denen beschäftigen.“

Auch der 16-jährige Jeldrick war von seinem Ergebnis überrascht. Er selbst interessiert sich sehr für Politik, aber: „Nicht jeder bekommt vom Elternhaus auch politische Meinungen mit. Von daher ist das doch eine ziemlich gute Aktion.“ Ältere Passanten waren ebenfalls angetan: „Das sind auch so tolle Fragen“, stellte der Reinbeker Bernd Wiese fest, während er seine Sticker verteilte.

Die Ergebnisse werden weder ausgewertet, noch veröffentlicht

„Was machen Sie denn mit dem Ergebnis?“, möchte eine Marktbesucherin wissen. Jule Becker, die das Projekt mit zwei weiteren Teamern als Studentenjob begleitet, antwortet: „Gar nichts. Es wird weder ausgewertet, noch veröffentlicht. Die Aktion dient allein der politischen Bildung.“ Fast ein bisschen schade, findet dies die Passantin: „Wo doch einige Antworten recht eindeutig ausfallen.“ Doch die Studentin versichert: „Zum Ende des Tages gegen 16 Uhr gibt es unter jeder These einen bunten Aufkleberteppich. Dann ist nichts mehr eindeutig.“

„Wahl-O-Mat zum Aufkleben“ ist zur Zeit auf Tournee

Der „Wahl-O-Mat zum Aufkleben“ gastiert landesweit in Städten und Gemeinden. Am Dienstag, 14. September, wird er beispielsweise von 10 bis 16 Uhr an der Großen Straße in Ahrensburg aufgebaut sein. Alternativ gibt es online unter www.bpb.de/politik/wahlen/wahl-o-mat die Gelegenheit, sich Entscheidungshilfen einzuholen.

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