Vielfalt

Telekom lässt Graffiti in Glinde übertünchen

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Uwe und Ursula Sachse, Enkelin Leliana und Tochter Anne Große (v. l.) sind entsetzt über den aktuellen Zustand des Kastens. Das Grafitti war aus der Aktion „Glinde soll bunter werden“ hervorgegangen, die für Toleranz und Vielfalt wirbt.

Uwe und Ursula Sachse, Enkelin Leliana und Tochter Anne Große (v. l.) sind entsetzt über den aktuellen Zustand des Kastens. Das Grafitti war aus der Aktion „Glinde soll bunter werden“ hervorgegangen, die für Toleranz und Vielfalt wirbt.

Foto: Susanne Tamm

Grafittis auf Stromkästen warben für Vielfalt, Toleranz und ein Miteinander in Glinde, doch die Telekom ließ sie übertünchen.

Glinde.  Seit 2012 gibt es die Aktion „Glinde soll bunter werden“. Viele Bürgerinnen und Bürger sind seitdem dem Aufruf der Stadt gefolgt und haben gespendet, damit Graffiti-Künstler die grauen und häufig auch beschmierten Verteiler- und Stromkästen verschönern. Die Stadt organisiert das Genehmigungsverfahren. Knapp 100 Kästen sind seitdem mit bunten Motiven verziert worden.

Jetzt berichten verärgerte Anwohner, dass offenbar allein die Telekom ihre Kästen samt einen Großteil der Motive grau übertüncht hat. Die Familie Sachse, die im Hochhaus am Sandweg wohnt ist nicht nur enttäuscht, sondern auch empört.

Aktion für Vielfalt und Toleranz wurde durch Spender möglich

„Ich bin 2014 tagelang durch unser Haus gelaufen und habe Spenden gesammelt“, erzählt Ursula Sachse. Die Seniorin konnte mit Hilfe eines besonders spendablen Nachbarn 1200 Euro für die beiden Kästen vor dem Haus zusammenbekommen. Im März 2015 wurden sie von einem Künstler mit vielen kleinen Flaggen sowie mit einem Reigen aus Kindern aller Hautfarben in bunte Wahrzeichen für das harmonische Zusammenleben der vielen Nationen im Haus verwandelt.

„Wir haben uns in den vergangenen sechs Jahren immer wieder daran erfreut“, erzählt Ursula Sachse. „Kleine Ausbesserungen, die ab und an nötig wurden, ließen mein Mann und ich auf unsere Kosten vom Künstler Daniel Siedel wieder nachbessern.“ Ihre Tochter Anna Große, die ebenfalls im Haus wohnt, stimmt ihr zu. Im Frühling dieses Jahres war die Enttäuschung daher groß, als die Telekom den Kasten mit Werbeplakaten bekleben und den Rest grau übertünchen lies.

Werbeplakate und graue Farbe statt Grafittis für mehr Vielfalt

„Vor etwa drei Wochen hat die Telekom die Plakate entfernt, und vom ehemals so schönen Flaggenkasten blieben nur noch Fragmente der Flaggen. Der Rest blieb stumpf grau“, berichtet Ursula Sachse. Die Rentnerin weiß von mindestens fünf weiteren Kästen in der Stadt, wo das Gleiche passiert ist. „Wir empfinden dies als eine große Respektlosigkeit gegenüber den Künstlern und den Spendern“, erklärt sie.

Sie hat sich im Rathaus über die Respektlosigkeit der Telekom beschwert. „Doch Glinde kann da wahrscheinlich nichts machen“, sagt Ursula Sachse. „Fühlt die Stadt sich da denn jetzt nicht in der Pflicht?“

Telekom reagiert auf Anfrage unserer Zeitung nicht

Katharina Richter, Sprecherin der Stadtverwaltung, bedauert: „Uns sind leider die Hände gebunden. Wir haben zwar für jedes Kunstwerk die Einwilligung eingeholt, mussten den Eigentümern aber vertraglich selbstverständlich weiter die Nutzung zugestehen.“ Dies sei den Spendern auch mitgeteilt worden.

Die Telekom hat unsere Anfrage bis zum Redaktionsschluss nicht beantwortet. Entsetzt waren die Anwohner, als jetzt die Reste der Flaggen mit weißen Hakenkreuzen beschmiert wurden. Außerdem haben die Täter die Gesichter der Kinder mit dunklerer Hautfarbe weiß übersprüht.

Strom- und Verteilerkästen nun mit Hakenkreuzen beschmiert

„Was geht in den Köpfen dieser Vandalen nur vor sich?“ fragt Uwe Sachse erbost. „So etwas hatten wir in den vergangenen sechs Jahren hier nicht“, stellt seine Frau fest Anne Große will jetzt bei der Polizei Anzeige wegen verfassungsfeindlicher Symbole erstatten.

( st )

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