Interview

Mobbing beginnt schon in der Grundschule

| Lesedauer: 6 Minuten
Imke Kuhlmann
Wie auf unserem Symbolfoto oben können bereits Grundschüler Angst haben, zur Schule zu gehen. In einem Interview erläutert eine Expertin, was Eltern in diesem Fall machen können.

Wie auf unserem Symbolfoto oben können bereits Grundschüler Angst haben, zur Schule zu gehen. In einem Interview erläutert eine Expertin, was Eltern in diesem Fall machen können.

Foto: Jens Büttner / ZB

Die Systemische Beraterin Martina Baehr erklärt in einem Interview, wann Kinder gemobbt werden und was Eltern tun können.

Reinbek. Mobbing bedeutet mehr als nur Hänselei: Mobbing ist eine häufige Form der Gewalt an deutschen Schulen und ein zentraler Risikofaktor für emotionale Probleme, Verhaltensauffälligkeiten und weitere psychische Folgen. Beim Cybermobbing werden Medien für die Mobbingattacken genutzt. Inzwischen ist auch dies kein neues Phänomen mehr an Schulen. Die Corona-Krise hat das Problem weiter verschärft.

Zwei Millionen Kinder und Jugendliche (14 bis 22 Jahre) in Deutschland waren nach einer Studie der Techniker Krankenkasse im Jahr 2020 von Cybermobbing betroffen. Inzwischen macht dieser Trend längst nicht mehr vor Grundschulen Halt. Martina Baehr ist Systemische Beraterin mit Schwerpunkt Mobbing bei der Südstormarner Vereinigung für Sozialarbeit (SVS) in Reinbek. Sie arbeitet mit Gruppen betroffener Kinder, um ihnen zu helfen, der Mobbingfalle zu entkommen. Regelmäßig stellt sie ihr Angebot auch in Schulen vor. Wir haben mit ihr ein Interview geführt.

In welchem Alter fängt das Mobbing bei Kindern an?

Martina Baehr Das beginnt schon in der Grundschule. Allein dadurch, dass die Kinder Handys besitzen nimmt das Cybermobbing, also die digitale Variante, zu. Ich begleite Kinder ab dem Alter von etwa zwölf Jahren. Erst dann können sie sich selber wahrnehmen und das ist die Voraussetzung, erfolgreich in der Gruppe arbeiten zu können. In dem Alter können sie selber reflektieren und beobachten, so dass in der Gruppe herausgearbeitet werden kann, welche Persönlichkeitsanteile das Mobbing beeinflusst haben könnten. Dabei ist mir wichtig zu erwähnen, dass Mobbingopfer nie selber Schuld sind.

Mobben Mädchen anders als Jungen?

Mädchen verbreiten eher Gerüchte oder verleumden andere. Jungen attackieren andere, also werden handgreiflich. Im Rahmen der Suchtprävention bin ich häufiger in der Schule und mache auch auf das Schülercoaching oder die Stand-up Gruppe (einer besonderen Methode resistent gegen Mobbing zu werden, Anmerkung der Redaktion).

Wie läuft das bei Ihnen in der Gruppe ab?

Momentan kann ich nur beraten, da die Gruppentreffen nicht stattfinden konnten. Doch die Gruppenarbeit ist am Effektivsten. Der Austausch, was jedem passiert und dabei positive Integrationserfahrung zu machen, ist besonders wertvoll. Wir sind in einem vertrauten und vertrauensvollen Kreis. Dass sie ihre Opfererfahrung teilen können, und Verständnis von anderen bekommen, bringt die Kinder dazu, sich zu öffnen. Besonders wichtig dabei ist, dass sie mit Gleichaltrigen zusammen sind.

Nicht alle Kinder „outen“ sich, wie erfahren Sie von betroffenen Kindern?

Es gibt unterschiedliche Wege: Die Schulsozialarbeiter, die sich bei uns melden, die Eltern oder die Kinder selber aber auch unsere Erziehungsberatung stellt den Kontakt her. Viele Kinder glauben, sie müssen das aushalten, daher ist es wichtig, dass auch sie Kenntnis davon bekommen, dass es Beratungsstellen wie unsere gibt.

Können Sie die Gruppenarbeit beschreiben?

Die Gruppe findet im Beratungszentrum statt. In der Regel sind es fünf Kinder und zwar nach Mädchen und Jugend getrennt. Es beginnt mit einem Kennlerngespräch, an dem das Kind und meistens einem Elternteil teilnehmen. In dem Gespräch kläre ich ab, ob es sich um Mobbing handelt und die Gruppe ein geeignetes Angebot ist oder das Kind andere Unterstützung braucht. Mein Gruppenangebot geht über ein Schulhalbjahr, also etwa 20 Treffen, die jeweils 90 Minuten dauern.

Was ist das Ziel in der Gruppe?

Mobbingopfer sind niemals selber Schuld. Aber es gilt dennoch, Persönlichkeitsfaktoren herauszufinden, die möglicherweise das Mobbing beeinflussen, um daraus einen Weg aus dem Mobbing zu entwickeln.

Es scheint vorzukommen, dass Kinder nicht über das Mobbing erzählen.

Ja, das kommt häufiger vor. Die Kinder scheuen sich, darüber zu berichten, weil sie glauben, Dinge, die man nicht erzählt sind auch nicht wahr. Und sie meinen, dass sich das Thema dann von selber erledigt. Doch das geschieht nicht. Die Kinder haben Angst, dass die Eltern sich einmischen und es noch schlimmer wird. Es gibt bestimmte Merkmale, die zu Mobbing führen können jedoch gibt es gibt kein Schema F. Manchmal ist eine Person nur zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort. Aus welchem sozialen Umfeld die Kinder kommen spielt hier nicht unbedingt eine Rolle.

Hat Mobbing langfristige Auswirkungen?

Auf jeden Fall, das kann zu einem Trauma werden, bis hin zur Psychiatrie oder im schlimmsten Fall zum Suizid. Und das kann sich bis ins Erwachsenenalter hinziehen.

Wie handeln Lehrkräfte?

Sie sind oft selber hilflos oder schauen nicht so genau hin. Häufig wird von Lehrkräften auch gesagt: „Das müsst ihr unter euch klären!“ Für ein gemobbtes Kind ist das aber unmöglich, denn sie sind ganz alleine gegen viele andere. Daher rate ich den Lehrkräften, sich zu informieren und mit Experten selber Erfahrungen zu sammeln. Wichtig ist es, Mobbing zu erkennen und bevor es soweit kommt, das Zusammengehörigkeitsgefühl gerade beim Schulwechsel zu fördern. Mobber brauchen ein bestimmtes Biotop, das gilt es zu unterbinden.

Wie können Eltern bemerken, dass ihre Kinder eventuell gemobbt werden?

Wenn die Kinder öfter Bauchschmerzen, Kopfschmerzen oder andere Beschwerden, die verhindern in die Schule gehen zu können. Aber auch, wenn die Kleidung zerrissen ist oder sie häufig Geld brauchen oder von den Eltern stehlen, weil sie erpresst werden oder anderen Kindern imponieren wollen, sind das mögliche Anzeichen.

Und was raten Sie Eltern?

Wenn sie die Vermutung haben, dass das Kind betroffen ist, ist es zuerst einmal wichtig, nicht übertrieben fürsorglich zu reagieren, damit die Kinder nicht genervt sind und sich verschließen. Es darf zu Hause nicht das dominierende Thema sein. Und es ist ratsam, sich Hilfe zu holen, auch als Eltern. Wichtig ist sich im Vorfeld sich zu erkundigen, wie an der Schule mit Mobbing umgegangen wird. Dass die Augen dort nicht verschlossen werden, sondern die Schule Mobbing nicht als Tabu-Thema behandelt.

Vielen Dank, Frau Baehr!

Informationen und Hilfe gibt es bei Martina Baehr, Telefon 040/ 72 73 84 50, E-Mail: m.baehr@svs-stormarn.de, www.svs-stormarn.de

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