Pandemie

Corona-Notbremse: Verunsicherung im Reinbeker Einzelhandel

| Lesedauer: 5 Minuten
Ann-Kathrin Schweers
Die Inhaberin der Buchhandlung Erdmann, Ina Skorka-Müller, hat ein Nummer-System eingeführt. Jeder Kunde muss sich eine Klettnummer an der Tür ziehen. So soll vermieden werden, dass zu viele Menschen im Laden sind.

Die Inhaberin der Buchhandlung Erdmann, Ina Skorka-Müller, hat ein Nummer-System eingeführt. Jeder Kunde muss sich eine Klettnummer an der Tür ziehen. So soll vermieden werden, dass zu viele Menschen im Laden sind.

Foto: Ann-Kathrin Schweers / BGZ

Geht das Bummeln ohne negativen Covid-Test auch in Buchhandlungen? Muss ich mich vorher anmelden? Fragen und Antworten.

Reinbek. Das Telefon in der Buchhandlung Erdmann an der Bahnhofstraße in Reinbek klingelt: „Können wir kommen oder nicht?“ – „Als Buchhandlung dürfen wir öffnen“, lautet die Antwort einer Mitarbeiterin. Inhaberin Ina Skorka-Müller nickt. Dieser Satz geht ihr seit Wochen mehrmals täglich über die Lippen. Dass durch den über der 100er-Marke liegenden Corona-Inzidenzwert im Kreis Stormarn nun die neuen Regeln der Bundesnotbremse gelten, macht die Verunsicherung der Menschen und Kunden noch größer.

Im Einzelhandel gilt seit Sonnabend, dass Läden nur Kunden mit Termin und negativem Corona-Test einlassen dürfen. Steigt der Inzidenzwert auf 150 an, ist nur noch ein An-der-Türverkauf erlaubt. Von der Regel ausgenommen sind unter anderem Supermärkte, Apotheken, Drogerien, Buchhändler, Optiker, Blumenhändler und Tankstellen.

Im Einzelhandel und auf dem Wochenmarkt nur noch eine Person

Einzelhändlern ist es untersagt, Ware zu verkaufen, die über ihr ­übliches Sortiment hinausgehen. Außerdem dürfen sie je nach Größe nur einen Kunden pro 20 Quadratmeter beziehungsweise einen pro 40 Quadratmeter bedienen. Abstands- und Hygieneregeln bleiben bestehen. Für den Einkauf im Einzelhandel und auf dem Wochenmarkt ändert sich durch die Notbremse zudem, dass nur noch eine Person eines Haushaltes einkaufen gehen darf. Kinder unter 14 Jahren sind ausgenommen. „Hilfebedürftige dürfen eine Begleitperson mitnehmen“, erklärt Gregor Tuscher, Sprecher des Kreises. Die Überwachung obliegt den Läden. Lokale Ordnungsämter kontrollieren stichprobenartig.

Inhaber verschiedener Reinbeker Supermärkte weisen ihre Kundinnen und Kunden seit Sonnabend durch Aushänge auf die Regeln hin. Hier und da kamen auch Security-Kräfte zum Einsatz. Angesprochen auf die Akzeptanz der Maßnahmen bei Rossmann an der Bergstraße, kann die Kassiererin nur ihren Kopf in Richtung einer herausmarschierenden Kundin neigen. Als diese aufgefordert wird, sich einen Einkaufswagen zu nehmen, entscheidet sie sich doch lieber dazu, den Laden gleich zu verlassen.

„Regeln sind nachvollziehbar, aber kompliziert“

Vor der Drogerie klönt die Reinbekerin Christiane Bahrs mit einer Bekannten. Die Frauen schildern das, was viele Einzelhändler auf Anfrage andeuten: große Unsicherheit. Sie könnten die Regeln zwar nachvollziehen, doch seien diese zunehmend kompliziert. „Schwieriger macht es natürlich auch noch, dass wir im Hamburger Randgebiet wohnen. Dort gelten noch mal andere Regeln als bei uns“, sagt Bahrs. Ihre Bekannte erklärt: „Man weiß einfach nicht mehr, was man darf und was nicht. Durch die Notbremse wird es nicht klarer. Und warum eine Buchhandlung öffnen darf und ein Klamottenladen nicht, das entzieht sich auch meiner Logik.“

Verstehen kann die Inhaberin der Boutique Madeleine an der Bergstraße das auch nicht. „Die Stimmung ist grauenvoll“, so Kirsten Brand. „Ich bin froh, dass ich so treue Stammkunden habe. Dabei ist es bei mir im Laden sicherer als in jedem Supermarkt, wo sich die Leute durch die Gänge drängeln. Hier können sie Abstand halten und ich kann den Einlass regeln.“ Genervt ist sie davon, dass sie am Sonnabend keine Information auf der Webseite des Landes Schleswig-Holstein finden konnte, welche Regelungen gelten. „Die Info muss doch von offizieller Seite kommen, das will ich ja nicht erst in der Bergedorfer Zeitung nachlesen müssen.“

Genervte Menschen im Corona-Testzentrum im Einkaufszentrum Klostermarkt

Zwei Kunden dürfen derzeit in ihren Laden kommen. Mit Anmeldung, aber das geht auch direkt vor Ort. Ein rotes Kordelband am Eingang signalisiert den Kunden, dass sie nicht einfach so hineinspazieren dürfen. Ein negativer Corona-Test muss zudem vorhanden sein.

Die wichtigsten Corona-Themen im Überblick

Wer keinen hat, hat es nicht weit zur nächsten Teststation im Einkaufszentrum Klostermarkt. Ronald Müller, Mitarbeiter des Testzentrums Corona-Wacht, begrüßt am Montag viele genervte Menschen, die man zuvor bei der Fußpflege oder beim Einkaufsbummel aufgrund von fehlenden Tests wieder weggeschickt hat.

„Ich ärgere mich nicht, das ist für mich Zeitverschwendung“

Durch die unterschiedlichen Regeln in Hamburg und Schleswig-Holstein bimmelt das Telefon in der Buchhandlung Erdmann seit Anfang April ständig. Dies nimmt die Inhaberin Skorka-Müller gerne in Kauf. Sie sei dankbar, dass sie überhaupt öffnen darf: „Das sichert unsere Arbeitsplätze. Ich glaube nicht, dass Click & Meet bei uns funktionieren würde. Die Leute würden eher online bestellen.“ Emilia Bartel (39) sucht am Montag in dem Buchladen nach einem Sticker-Album für Töchterchen Hanna (5). Sie sagt: „Ich nehme alles so, wie es kommt. Ich ärgere mich nicht, das ist für mich nur Zeitverschwendung.“

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