Arbeitsbedingungen verbessern

SVS fordert: Tarifverträge für alle Pflegekräfte

| Lesedauer: 5 Minuten
Susanne Tamm
ARCHIV - 01.07.2015, Bayern, Nürnberg: Eine Krankenpflegerin reicht einem Patienten in der Onkologie in einem Klinikum ein Glas Wasser. (zu dpa "Barmer: Altenpflegerinnen am häufigsten an Covid-19 erkrankt") Foto: Daniel Karmann/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

ARCHIV - 01.07.2015, Bayern, Nürnberg: Eine Krankenpflegerin reicht einem Patienten in der Onkologie in einem Klinikum ein Glas Wasser. (zu dpa "Barmer: Altenpflegerinnen am häufigsten an Covid-19 erkrankt") Foto: Daniel Karmann/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Foto: Daniel Karmann / dpa

Südstormarner Vereinigung für Sozialarbeit will Arbeitsbedingungen in der Pflege verbessern.

Reinbek/Aumühle. Weder dem Titel „Pflegehelden“ noch sporadischem Applaus können die Mitarbeitenden in der Pflege so viel abgewinnen, dass sie dadurch ihrer anstrengenden und oft auch emotional schweren Arbeit die Treue halten und nicht aufgeben. Ihre Aufgaben sind unverzichtbar, und doch werden sie trotz der hohen Belastung oft noch nicht ausreichend entlohnt, kritisiert Ver.di.

Die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft schreibt von der „Intensivpatientin Pflege“: Im Jahr 2020 hätten 9000 Pflegekräfte ihrem Beruf den Rücken gekehrt. Laut einer Studie der Universität Bremen fehlen in der Altenpflege 120.000 Kräfte. Deshalb fordert Ver.di für die Mitarbeiterinnen in der Pflege – denn es sind überwiegend Frauen, die dort arbeiten – bessere Arbeitsbedingungen und eine höhere Bezahlung.

„Wir können nichts weiter tun, also für vernünftige Arbeitsbedingungen in der Pflege zu sorgen“

Doch hat die Caritas die von Ver.di geforderte Ausweitung des Tarifvertrags Altenpflege verhindert. Mit seinem Nein zu einem bundesweit einheitlichen Tarifvertrag für Beschäftigte in der Altenpflege hat sich der Verband viel Ärger eingehandelt. Es kam in Regensburg und in weiteren Städten zu Protesten.

Wie aber halten es die Pflegedienste und Senioreneinrichtungen der Region mit dem Thema Tarifvertrag? Und wie entlohnen sie ihre Mitarbeiterinnen?

Björn-Ole Wollschläger, Pflegedienstleiter der Südstormarner Vereinigung für Sozialarbeit (SVS) mit Sitz in Reinbek, ist überzeugt, dass ein Tarifvertrag notwendig ist: „Wir können nichts weiter tun, als für vernünftige Arbeitsbedingungen in der Pflege zu sorgen. Sonst leidet die Qualität der Pflege und das ganze System wird zusammenbrechen“, sagt er. Die SVS hat jetzt die Gehälter ihrer 46 Mitarbeiterinnen in der ambulanten Pflege um neun Prozentpunkte erhöht. „Wir ziehen das jetzt durch, weil wir davon überzeugt sind, dass dies der einzig richtige Weg ist, um die Pflege zu retten“, sagt Wollschläger.

Anwerbung statt Bewerbung von Mitarbeitern bei der SVS

Grundsätzlich will die SVS einen Tarifvertrag abschließen. „Wir zahlen schon jetzt weit über Tarif“, sagt Wollschläger. „Die Idee der Tarifgebundenheit ist jedoch gesamtgesellschaftlich gesehen wichtig. Damit die Pflegekräfte überall auskömmliche Löhne erhalten.“ Bislang haben die 30 Pflegefachkräfte 19,48 Euro die Stunde verdient, die 16 Hilfskräfte haben 15,38 Euro bekommen. Seit Anfang des Jahres zahlt die SVS ihnen 21,50 und 17 Euro. „Auf dem Arbeitsmarkt sieht es mittlerweile so aus, dass eigentlich wir uns bei den Pflegekräften bewerben, damit diese bei uns arbeiten. Denn es ist ein sehr harter Job“, sagt Pflegeleiter Björn Ole Wollschläger.

Simone Schmidt, Personalrätin der Wichern-Gemeinschaft, sagt: „Wir sind doch quasi tariflich gebunden. Wir gehen den arbeitsvertraglichen Weg der Diakonie. Deshalb bezahlen wir bereits relativ gut.“ Die Stundenlöhne betragen je nach Dauer der Betriebszugehörigkeit für die Fachkräfte nach Einarbeitung zwischen 18,80 und 22,20 Euro. Dies sind die reinen Stundenlöhne ohne Zuschläge. Die letzte Stufe wird nach 14 Jahren erreicht.

Viele vakante Stellen bei den Pflegeeinrichtungen

Die Wichern-Gemeinschaft mit vier stationären Einrichtungen und einem ambulanten Pflegedienst hat aktuell vier vakante Stellen für Pflegehelfer. Bei der Wichern-Gemeinschaft arbeiten 170 bis 180 Menschen in der Pflege. „Ein bundesweiter Tarifvertrag wäre grundsätzlich nicht schlecht, davon würden viele profitieren“, räumt die Personalrätin Simone Schmidt ein.

Auch die 130 Mitarbeitenden des Bismarck-Seniorenstiftes in Reinbek werden nach dem KTD, dem Kirchlichen Tarifvertrag der Diakonie, bezahlt. „Wir sind schon im Tarifvertrag“, sagt Karin Helmer, Geschäftsführerin der Stadt.Mission.Mensch g GmbH. Für sie ist damit alles gesagt. In Reinbek betreuen die Pflegekräfte 111 Bewohner.

Bezahlung nach kirchlichen Tarifverträgen in Reinbek und Aumühle

Ähnliches gilt für die 34 Mitarbeiterinnen des ambulanten Augustinum-Pflegedienstes. Sie versorgen die Bewohnerinnen und Bewohner des Augustinums in Aumühle in ihren eigenen Wohnungen. „Wir vergüten nach unserem diakonischen Tarif, den sogenannten ,Arbeitsvertragsrichtlinien’ der Diakonie (AVR). Diese sehen unterschiedliche Gehälter, unter anderem je nach Berufserfahrung, vor“, erläutert Matthias Steiner, Sprecher der Augustinum-Gruppe.

„Einen Stundensatz kann ich Ihnen nicht nennen. Die Vergütung umfasst neben dem monatlichen Gehalt auch eine jährliche Sonderzahlung und eine allein vom Arbeitgeber bezahlte zusätzliche Altersvorsorge und belegt im Branchenvergleich in der Pflege regelmäßig Spitzenplätze“, erklärt Steiner. Gesucht werden derzeit vier Pflege-Auszubildende.

Was wird nun aus dem Pflegedilemma in Deutschland? Der allgemeine Flächentarifvertrag ist gescheitert, auch eine Pflegemindestkommission ist nicht zustandegekommen. Der Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) will die Bezahlung in der Pflege per Gesetz regeln, andere rufen nach dem Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), der eine Pflegereform auf den Weg bringen soll. Wenn sie es nicht schaffen, werden künftige Pflegebedürftige wahrscheinlich die Leidtragenden sein, wenn niemand mehr in der Pflege arbeiten will.

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