Prozess

Falscher Polizist gibt Opfer im Gerichtssaal Geld zurück

| Lesedauer: 8 Minuten
Filip Schwen
Die Angeklagten sitzen neben ihren Anwälten im Verhandlungssaal des Lübecker Landgerichts und verdecken ihre Gesichter mit Aktenordnern. 

Die Angeklagten sitzen neben ihren Anwälten im Verhandlungssaal des Lübecker Landgerichts und verdecken ihre Gesichter mit Aktenordnern. 

Foto: Filip Schwen

81 Jahre alte Barsbüttelerin schildert die perfiden Tricks der Angeklagten. Die wollen den finanziellen Schaden ersetzen.

Barsbüttel/Lübeck.  Mit wackligen Schritten betritt Gerda S. (alle Namen geändert) den Verhandlungssaal im Lübecker Landgericht. Auf ihren Rollator gestützt geht die alte Dame zu dem Tisch in der Mitte des Raumes, der für die Zeugen bestimmt ist. In diesem Moment trifft die 81 Jahre alte Barsbüttelerin erstmals auf die beiden Männer, die sie um ihre gesamten Ersparnisse gebracht haben. Aziz U. (23) wird in Handschellen in den Saal geführt, er sitzt in der Justizvollzugsanstalt Lübeck in Untersuchungshaft. Mit seinem Komplizen Cihan M. (26), der ebenfalls auf der Anklagebank sitzt, aber gegen Auflagen auf freiem Fuß ist, soll er die Seniorin um 7000 Euro betrogen haben.

„Es war ein schlimmer Tag für mich, aber vor allem die Zeit danach war schlimm“, sagt die Barsbüttelerin mit zittriger Stimme über jenen 28. Februar 2020, an dem die Männer zuschlugen. Die Staatsanwaltschaft wirft Cihan M. und Aziz U. vor, Teil einer kriminellen Bande gewesen zu sein, die sich als Polizisten ausgegeben habe, um Senioren dazu zu bringen, ihnen ihr Erspartes auszuhändigen (Az.: 704 Js 13880/20). Zwischen Januar und April des vergangenen Jahres sollen die Männer mindestens elfmal in Stormarn, Hamburg und dem nördlichen Niedersachsen zugeschlagen und rund 58.000 Euro erbeutet haben.

Opfer beschreibt vor Gericht die perfiden Tricks

„Die Aufgabe der Angeklagten war es, das Geld, das die Opfer deponiert hatten, abzuholen und an Hintermänner in der Türkei zu transferieren“, sagt Staatsanwalt Felix Schwetzko. Von dort aus sei die Arbeit der Bande koordiniert worden. „Die Opfer wurden zunächst von einem Callcenter aus der Türkei angerufen und unter verschiedenen Vorwänden dazu gebracht, Geld von ihren Bankkonten abzuheben und an einem vereinbarten Ort zu deponieren“, so Schwetzko. Neben den beiden Angeklagten soll ein weiterer Mann beteiligt gewesen sein, der bereits in einem gesonderten Verfahren vom Landgericht Itzehoe zu einer Haftstrafe verurteilt wurde. Darüber hinaus geht die Anklagebehörde von weiteren unbekannten Tätern aus.

Vor Gericht zeichnen Opfer ein Bild davon, mit welchen perfiden Tricks die Bande vorging. „Es war gegen 12 Uhr, als mein Telefon klingelte und sich ein Beamter von der Polizei Barsbüttel meldete“, erinnert sich Gerda S. „Er hat gesagt, dass eine Überweisung über 6000 Euro von meinem Konto aufgetaucht sei, mit Unterschrift, Adresse und allem.“ Offenbar seien Betrüger an ihre Personalien gelangt, ihr Erspartes sei in Gefahr. Angeblich seien die Kriminellen schon unterwegs zu ihrem Haus.

Betrüger hält das Opfer am Telefon

„Sie haben gleich Panik aufgebaut“, sagt die 81-Jährige. „Ich sollte hier gucken und da nachsehen, ob ich etwas Verdächtiges sehe, ich bin von Fenster zu Fenster gerannt, es war schrecklich.“ Außerdem habe der falsche Beamte sie eindringlich davor gewarnt, aufzulegen. Er wolle mit ihr sprechen, um sicherzustellen, dass bei der Seniorin alles in Ordnung sei. „Dann sagte er, ich solle zur Bank gehen und mein Geld vorsichtshalber abheben“, erzählt die Barsbüttelerin. Sie habe die Anweisung bekommen, den Hörer liegen zu lassen, ohne das Telefonat zu beenden.

Anschließend sei sie zur Bank gefahren und habe ihr gesamtes Erspartes abgehoben. „Als ich dann wieder zu Hause war, sagte mir der Mann am Telefon, die Scheine seien Falschgeld und die Polizei müsse sie gegen echtes Geld austauschen.“ Sie habe die Summe in einer Plastiktüte verpackt und in ihrer Mülltonne deponiert. „Dann war mein Geld weg“, sagt die 81-Jährige.

Täter üben enormen psychischen Druck aus

Während ihrer Aussage kämpft die Seniorin immer wieder mit den Tränen. „Ich habe immer an das Gute im Menschen geglaubt, dieser Glaube ist mir abhanden gekommen“, sagt Gerda S. mit leiser Stimme. Ihr Sohn sitzt neben der Seniorin, streichelt der Barsbüttelerin immer wieder beruhigend über den Rücken. „Damals klang das alles für mich plausibel“, sagt sie nachdenklich. „Ich stand unter solchem Druck, ich war fix und fertig.“ Bis heute mache sie sich Vorwürfe. „Man zweifelt an sich selbst.“

Gerda S. ist nicht die Einzige, die unter den psychischen Folgen des Betrugs leidet. Auch Marianne P. aus Buchholz kann nicht mit dem Geschehenen abschließen. 9000 Euro hat die Seniorin verloren. Die 78-Jährige ist fassungslos, mit welcher Professionalität die Betrüger vorgingen. Die Kriminellen hätten ihr Tipps gegeben, wie sie die Mitarbeiter ihrer Bank austricksen könnte, sollten diese Nachfragen stellen. „Mir wurde gesagt, dass in meiner Bank jemand mit den Betrügern unter einer Decke steckt und ich deshalb nicht sagen darf, warum ich das Geld abhebe“, erinnert sich Marianne P. Als sich die Mitarbeiterin am Schalter tatsächlich erkundigt habe, habe sie dieser gesagt, das Geld sei für ihre Tochter und deren Mann, die die Summe dringend benötigten, um ihr Geschäft vor der Pleite zu retten. „Ich habe das alles in dem Moment geschluckt, ich war wie fremdgesteuert“, sagt die 78-Jährige.

Täter geschnappt, als sie Geld transferieren wollen

Auch Hildegard P. aus Winsen fiel auf die Betrüger rein. Die 84-Jährige übergab den Kriminellen 11.000 Euro. „Ich hatte das Geld zurückgelegt, falls ich mal ein Pflegefall werde“, sagte die Seniorin aufgebracht. Für sie ging die Sache jedoch glimpflich aus. Die Kriminellen wurden auf frischer Tat ertappt, als sie das Geld der Winsenerin von einem Handyshop in Hamburg-Wilhelmsburg aus in die Türkei überweisen wollten. Cihan M., Aziz U. und ihr Komplize wurden festgenommen, die Seniorin erhielt die 9000 Euro zurück.

„Der Hinweis eines Opfers hat das Landeskriminalamt auf die Spur der Gruppe geführt“, sagt Staatsanwalt Felix Schwetzko. Das LKA habe begonnen, die Handys der Männer zu überwachen und habe sie so identifizieren können. Schließlich hätten die Ermittler sie auf frischer Tat ertappt. Ob auch die Hintermänner in der Türkei gefasst wurden, will der Staatsanwalt aus ermittlungstaktischen Gründen nicht sagen.

Angeklagte gestehen und zeigen Reue

Die beiden Männer zeigen sich vor Gericht reuevoll. Beide räumten die Taten ein und beantworteten ausführlich die Fragen des Gerichts. Sie hätten Schulden gehabt, der Verlockung des Geldes nicht widerstehen können. Aziz U. sucht immer wieder den Blickkontakt zu den Opfern, während sein Komplize auf den Tisch vor ihm starrt. Beide entschuldigen sich bei jeder der alten Damen persönlich. „Ich schäme mich so sehr und weiß, dass ich das moralisch nicht wieder gutmachen kann“, sagt U. Dann überrascht der 23-Jährige mit der Ankündigung, das Geld zurückzahlen zu wollen.

„Mein Mandant hat sein Erspartes genommen und seine Wertgegenstände verkauft“, erklärt der Anwalt des 23-Jährigen, Maximilian Pancic. Derzeit habe er jedoch nur einen Teil des Geldes zusammen. Im Gerichtssaal überreicht der Verteidiger den Damen Umschläge mit jeweils etwas mehr als 1500 Euro.

„Es ist immerhin ein Anfang und ich vertraue jetzt mal darauf, dass er nicht wieder so etwas macht“, sagt Gerda S. aus Barsbüttel erkennbar gerührt, als sie den Umschlag entgegennimmt. „Jetzt fange ich schon wieder mit Vertrauen an, ich glaube, ich bin einfach zu gutgläubig“, ergänzt die Seniorin nachdenklich, bevor sie den Gerichtssaal auf ihren Rollator gestützt verlässt.

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