Pandemie

Corona sorgt für Ansturm in Stormarner Tierheimen

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Petra Sonntag
In den Tierheimen landen viele Hunde, die als schwer vermittelbar gelten. Oft kommen sie aus dem Ausland.

In den Tierheimen landen viele Hunde, die als schwer vermittelbar gelten. Oft kommen sie aus dem Ausland.

Foto: Andrea Warnecke / picture alliance

Lockdown und Homeoffice steigern Nachfrage nach Haustieren. Einrichtungen haben viele schwer vermittelbare Hunde, oft aus dem Ausland.

Grosshansdorf. Seit vier Jahren ist Mischlingshund Poxy im Tierheim Ahrensburg-Großhansdorf, zu dessen Einzugsgebiet neben Bargteheide, Bargteheide-Land und Ammersbek auch Reinbek, Glinde, Oststeinbek, Barsbüttel, Siek und Trittau gehören. Poxy kam als ehemaliger Straßenhund aus Rumänien über eine Tierschutzorganisation nach Deutschland. Seine deutschen Halter waren sicher, dass er sich gut in ihre Familie integrieren würde, schließlich hatten sie schon zwei Hunde.

Elf Hunde leben derzeit im Tierheim Großhansdorf

Doch der Rüde unbekannter Abstammung war nicht sozialisiert, kam weder mit Artgenossen noch mit Menschen gut zurecht – und ist nun einer von mehreren Dauergästen im Waldreiterweg 101. Poxy gilt als nicht vermittelbar. Er wird, so wie es aussieht, bis an sein Lebensende im Tierheim bleiben. „Eigentlich sollen wir nur eine vorübergehende Station sein“, sagt Tierheim- und Pensionspflegerin Julia Specht. „Früher waren Hunde nur zwei bis drei Monate hier.“

Dabei gibt es seit dem ersten Corona-Lockdown vermehrt Anfragen von Interessenten. „Oft heißt es: Jetzt hätte ich Zeit für ein Tier“, so Specht, die sich in Großhansdorf mit drei Kollegen sowie ehrenamtlichen Helfern um Hunde, Katzen und Vögel kümmert. Elf Hunde sind derzeit in ihrer Obhut, größtenteils ausgesetzte Tiere, aber auch Tiere, deren Halter verstorben oder mit der Pflege des Tiers heillos überfordert sind.

„Das Interesse ist momentan groß, aber ein Tier braucht Ansprache, Zeit und bedeutet jahrelange Verpflichtung“, sagt Specht. „Das machen sich viele, die sich jetzt zu Hause einsam fühlen, nicht klar.“ Auch Katzen stünden hoch im Kurs, aber manchem fehle später nach der Pandemie die Zeit fürs Kümmern. Das Tierheim vermittele Tiere nur an Menschen, denen bewusst sei, worauf sie sich bei der Entscheidung für ein Haustier einließen. Allzu oft machen Hunde wie Poxy eine Vermittlung gänzlich unmöglich.

Tierkauf aus dem Ausland übers Internet birgt Risiken

„In den vergangenen zwei, drei Jahren gibt es vermehrt Problemhunde“, bestätigt Schriftführerin Monika Ehlers. Viele Hunde kämen mithilfe von Tierschutzorganisationen aus Rumänien, Griechenland, Bulgarien, der Türkei oder Polen nach Deutschland. 75 Prozent der Hunde am Waldreiterweg stammen aus dem Ausland. „Die Tierschutzorganisationen, die Tiere aus diesen Ländern vermitteln, sprießen wie Pilze aus dem Boden“, sagt Ehlers.

Familien, die im Tierheim nicht fündig werden, suchten sich deshalb oft einen Hund im Internet, über Ebay-Kleinanzeigen oder Tierschutz-Portale. „Da finden sie dann ein niedliches Bild mit einem netten Text und entscheiden sich zum Kauf.“ Die Organisationen sorgen für den Transport nach Deutschland – doch nach der Übergabe sei oft Schluss mit dem Engagement. „Gibt es Probleme mit dem Hund, tauchen viele Ansprechpartner einfach ab“, sagt Specht, die solche Geschichten schon oft von verzweifelten Haltern gehört hat, die sich dann beim Tierheim melden.

Hunde kommen aus ausländischen Auffangstationen

Auch der Welpenhandel habe zugenommen: „Die Tiere werden zu früh von der Mutter weggenommen, sind dadurch überwiegend krank und verursachen hohe Tierarztkosten, ihre Rasse ist oft unbekannt und die Überraschung groß, wenn der niedliche Welpe sich als großer Hirtenhund entpuppt.“

Die meisten Hunde aus dem Ausland seien sogenannte Angsthunde, sagt Specht. „Sie nutzen die erste Gelegenheit, um zu fliehen.“ Und setzen dann als flüchtiger Hund ihr Leben auf der Straße fort. „Wir haben derzeit fünf oder sechs Hunde in Schleswig-Holstein, die abgängig sind“, sagt Heike Reher, Vorsitzende des Tierheims Bad Oldesloe. „Diese Hunde stammen aus ausländischen Auffangstationen, wo sie mit 500 oder 1000 Tieren untergebracht sind. Sie kennen keinen Straßenverkehr oder eine Leine.“

Auch ihre Einrichtung habe momentan keine Hunde, die sie einfach vermitteln könnte. Reher: „Ein großer Hinderungsgrund ist: Sie kommen nicht mit Kindern zurecht. Entweder sind es Beißer oder Angsthunde.“ Drei der aktuell neun Hunde stammen aus dem Ausland. „Die Begutachtung solcher Tiere erfolgt in der Regel nicht durch eine Pflegestelle hierzulande, sondern durch die Auffangstation vor Ort. Dort geht es vor allem darum, die Tiere in großer Zahl nach Deutschland zu vermitteln.“ Und auf diese Weise landeten Tiere bei Haltern, die ein völlig anderes Wesen erwartet hätten. Aus dem Traum vom eigenen Tier wird dann ein Alptraum.

Problemfälle sorgen für Überfüllung der Tierheime

So wie für die Stormarner Familie, die einen Dobermann-Windhund-Mischling aus Portugal übernahm. „Nachdem der Hund die Kinder gebissen hatte, wurde er in den Keller verbannt, weil die Gefahr eines tödlichen Angriffs zu groß war. Das ist weder für das Tier noch für die Familie eine Lösung“, berichtet Karen Schönbrodt, Geschäftsführerin der Tierherberge Einhorn in Reinbek, die seit zwölf Jahren Auffangstation für Katzen, Kleintiere, Vögel und auch einige Hunde ist.

Die ersten beiden Wochen gehe das Zusammenleben meist gut, weil die verängstigten Tiere noch eingeschüchtert seien, danach fingen die Probleme an – und das Tierheim werde zur Endstation für Schützlinge, denen eigentlich ein neues Zuhause geschenkt werden sollte. „Das passiert in Serie. Und sorgt für eine Überfüllung unserer Tierheime.“

Viele fragen unüberlegt nach einem Haustier

Ihre Tierherberge kann sich in der Corona-Krise vor Anfragen kaum retten. Die Anrufe seien teilweise heftig, so Schönbrodt. „Einmal rief ein Mann an, im Hintergrund kreischende Kinder, und schrie mir ins Ohr: ,Ich brauche ein Tier für die Kinder, damit sie beschäftigt sind!’“ Solche „Corona-Interessenten“, wie sie die Möchtegern-Haustierhalter getauft hat, hätten sich noch gar nicht überlegt, was der neue Mitbewohner benötige. „Wenn ich dann frage, wie sie die Kaninchen halten wollen, heißt es: Die kommen ins Kinderzimmer, schließlich sollen sich ja die Kinder um sie kümmern. Das ist aber keine artgerechte Haltung“, sagt Schönbrodt.

„Wenn ein Hundeinteressent sagt, er habe die nächsten drei Monate Zeit, hat er nicht auf dem Zettel, dass ein Hund 16 Jahre leben kann.“ Viel geschehe offenkundig aus dem Bauch heraus, nach dem Motto: „Heute gehe ich ein Tier shoppen.“ Mit fatalen Folgen: Solche Kurzschluss-Entscheidungen würden dazu beitragen, dass Tierheime in finanzielle Nöte gerieten, erklärt die Tierschützerin.

Denn eine erfolgreiche Vermittlung in Hände, die ein Tier dauerhaft halten können und wollen, sei notwendig, damit sich der Betrieb trage, so Schönbrodt, die rund 120 Tiere beherbergt und wie alle anderen Tierheime im Kreis anteilig kommunale Unterstützung für die Aufnahme von gefundenen oder behördlich beschlagnahmten Tieren bekommt. Sonst erschöpften sich Kapazitäten ohne Aussicht auf freie Plätze. Und Tierschutz wird so zur Sackgasse.

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