Landgericht Lübeck

Prozess: Opfer aus Hamburg schildert Schießerei in Glinde

| Lesedauer: 6 Minuten
Janina Dietrich
Kriminaltechniker sichern nach der Tat Spuren in Glinde. Mit dem Auto wurde der 41-Jährige von seiner Freundin zum Treffpunkt in Glinde gefahren.

Kriminaltechniker sichern nach der Tat Spuren in Glinde. Mit dem Auto wurde der 41-Jährige von seiner Freundin zum Treffpunkt in Glinde gefahren.

Foto: Jonas Walzberg / dpa

41-jähriger Hamburger widerspricht der Tatversion der drei Angeklagten. Bei dem Streit ging es um 1800 Euro. War das Geld für Drogen?

Glinde/Lübeck. „Sie wollten, dass ich ihnen in den Wald folge“, sagt Igor K. (alle Namen geändert). „Da sind keine Augen“, habe einer der drei Männer als Begründung gesagt. Doch Igor K. weigerte sich, wenig später eskalierte der Streit und die ersten Schüsse fielen.

Im Prozess um die gewaltsame Auseinandersetzung am Glinder Golfplatz hat am Dienstag das mutmaßliche Opfer ausgesagt. Der mittlerweile 41 Jahre alte Hamburger wurde bei der Tat im Frühjahr 2020 lebensgefährlich verletzt.

Die Angeklagten stammen aus Glinde und Reinbek

Angeklagt sind drei Männer aus Glinde und Reinbek, alle 26 Jahre alt. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen versuchte schwere räuberische Erpressung, gefährliche Körperverletzung und gemeinschaftlich begangenen versuchten Totschlag vor. Demnach soll der mutmaßliche Haupttäter Viktor P. das Opfer zu dem abgelegenen Treffpunkt an der Straße In der Trift gelockt haben, um mit ihm über Geldschulden in Höhe von 1800 Euro zu sprechen, die der Neffe des Hamburgers bei ihm hatte.

Leise und mit starkem russischen Akzent erzählt Igor K. im Zeugenstand, was seinen Erinnerungen zufolge am 28. April 2020 passiert ist. Immer wieder müssen die Richter den 1,70 Meter großen Mann in der mehrstündigen Befragung dazu auffordern, lauter und vor allem deutlicher zu sprechen. Er sei an jenem Nachmittag gerade mit seiner Freundin beim Einkaufen gewesen, als ein unbekannter Mann auf seinem Handy angerufen und seinen Neffen verlangt habe. „Ich habe geantwortet, dass er nicht da ist“, sagt Igor K. „Dann sind sofort Beleidigungen gefallen.“

41-Jähriger wollte ein Treffen in Bergedorf

Der Anrufer habe ein Treffen eingefordert. „Ich habe den Bahnhof Bergedorf vorgeschlagen, aber er wollte, dass ich nach Glinde komme“, sagt der 41-Jährige, der vor Gericht als Nebenkläger auftritt. „Ich habe dann aufgelegt.“ Danach habe es zwei weitere Anrufe gegeben. Bei einem Gespräch habe der Unbekannte damit gedroht, seine Freundin zu holen, wenn er einem Treffen nicht zustimme. Daraufhin habe er eingewilligt.

Sein Neffe habe damals bei ihm gewohnt, sei an jenem Nachmittag aber nicht zu Hause gewesen. Auch per Handy habe er ihn nicht erreichen können. Deshalb habe er sich am Abend von seiner Freundin mit dem Auto nach Glinde fahren lassen. „Wieso sind Sie überhaupt darauf eingegangen, wenn es doch eigentlich um ihren Neffen ging?“, will der Vorsitzende Richter wissen. „Mein Neffe ist meine Familie“, sagt der 41-Jährige. „Ich wollte die Sache einfach klären und wissen, welches Problem es gab.“ Denn die Hintergründe habe der Anrufer am Telefon nicht preisgegeben.

Die Männer kamen aus dem Wald

Ihm sei vorher nicht klar gewesen, dass der vorgeschlagene Treffpunkt so abgelegen war, sagt der Zeuge auf Nachfrage des Richters. Und weiter: „Natürlich war es eine seltsame Situation und ich hatte auch Angst, aber ich wollte es klären.“ Seine Freundin sei im Auto sitzen geblieben. „Die Männer sind aus einem Waldstück gekommen. Ich bin auf sie zugegangen“, sagt Igor K.

Sie hätten sofort angefangen, ihn zu beleidigen. Ein normales Gespräch sei nicht möglich gewesen. Er habe wissen wollen, was los sei und schließlich die Antwort bekommen, dass sein Neffe ihnen 1800 Euro schulde. „Du schuldest jetzt uns das Geld“, habe einer der Männer zu ihm gesagt.

Der Hamburger wurde lebensgefährlich verletzt

Als er widersprochen habe, habe ihn ein Faustschlag an der linken Schläfe getroffen. „Ich bin zu Boden gegangen“, sagt Igor K. „Als ich nach oben geschaut habe, habe ich etwa 50 Zentimeter von mir entfernt eine Waffe gesehen.“ Kurz darauf sei bereits ein Schuss abgegeben worden. „Es war ein Knall neben meinem Kopf“, sagt er. „Ich weiß nicht, ob ich da schon getroffen wurde.“

Um den Angriff zu beenden, habe er ein Campingmesser aus der Hosentasche gezogen und damit einem der Männer einen Stich versetzt. Es handelte sich um Viktor P., der durch die Attacke schwer verletzt wurde und später selbst ein Krankenhaus aufsuchte. Dort wurde er von der Polizei festgenommen.

Mindestens sieben Schüsse seien auf ihn abgefeuert worden, sagt Igor K., der als Fachkraft für Schutz und Sicherheit arbeitet und sich mit Waffen auskennt. Er habe eine halbautomatische Pistole und einen Revolver erkannt, der dritte Mann sei mit einer Axt gewaffnet gewesen. Er sei nach den Schüssen zusammengesackt, habe erst wieder die Polizei und den Rettungsdienst wahrgenommen. Die Kugeln trafen seinen linken Fuß, Oberschenkel und Oberarm.

Opfer erkannte die Angreifer bei der Polizei auf Bildern

Während seiner Aussage blickt Igor K. die Angeklagten nicht an, spricht immer nur von Person Nummer 1, Nummer 2 oder Nummer 3. Bei seiner Vernehmung hatte er für die Kriminalpolizei in Lübeck eine Skizze angefertigt, die zeigt, in welcher Anordnung die Männer ihm gegenübergestanden. Zudem hatten ihm die Beamten Fotos verschiedener Männer vorgelegt, unter denen er die drei Täter wiedererkannt hatte. Vor Gericht kann er jedoch nur zwei Bilder zuordnen.

Warum er das Messer dabei hatte, will der Vorsitzende Richter wissen. „Für meine Sicherheit“, lautet die Antwort des Zeugen. Sein Neffe habe ihm nach der Tat erzählt, dass er mit den Angreifern mal Drogen genommen habe und ihnen dafür noch das Geld schulde.

Die Angeklagten sprechen von Notwehr

Die Angeklagten hatten am zweiten Verhandlungstag eine andere Tatversion präsentiert und von Notwehr gesprochen. Der mutmaßliche Haupttäter Viktor P. behauptete, der Hamburger sei mit dem Messer hinter ihm hergelaufen. Er habe nur geschossen, um sich zu retten.

Der Prozess wird am Freitag, 19. Februar, fortgesetzt. Ein Urteil wird frühestens Mitte März erwartet.

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