Kultur

Britisches Duo zeigt eine Brexit-Operette im Schloss

Carrington als „Tamina Hay“. Im Zug trifft sie auf einen Schotten (Brown), der nicht nur über Whiskey singt, sondern auch zu viel davon trinkt.

Carrington als „Tamina Hay“. Im Zug trifft sie auf einen Schotten (Brown), der nicht nur über Whiskey singt, sondern auch zu viel davon trinkt.

Foto: Reiner Pfisterer

Carrington-Brown treten in Reinbek auf. Sie bieten eine amüsant-ungewöhnliche Kombination aus virtuoser Musik, Entertainment und Spaß.

Reinbek. Miteinander leben und arbeiten – kann das gut gehen? Es kann. Ein Beweis ist das vielfach ausgezeichnete britische Musik-Comedy-Duo Carrington-Brown. Rebecca Carrington sagt: „Unsere Persönlichkeiten ergänzen sich total, sowohl auf der Bühne als auch im wahren Leben.“ Mit ihrem Mann Colin Brown verbindet sie dieselbe Art Humor: witzig, anarchisch, mit absurden Slapstick-Elementen und Spaß am Spiel mit der Sprache. „Wir lieben Mimik und verschiedene Handlungsachsen“, sagt die Künstlerin. Das Duo gastiert mit der ersten und kleinsten Brexit-Operette am Donnerstag, 5. November, im Schloss Reinbek. Damit mehr Besucher Gelegenheit haben, die virtuos-musikalische Komödie mit dem Titel „Turnadot“ zu erleben, gibt es an diesem Abend zwei Vorstellungen um 19 und 21 Uhr.

Der Dritte im Bunde ist Joe, ein Cello mit Persönlichkeit

Genau genommen stehen Rebecca Carrington und Colin Brown auch nicht zu zweit auf der Bühne, sondern zu dritt. Denn Carringtons Cello Joe hat als fester Bestandteil aller Bühnenprogramme eine eigene Persönlichkeit entwickelt.

Joe wurde 1781 von Joseph Hill gefertigt, der einer bekannten englischen Geigenbauerfamilie entstammte. Einen ihrer zwei Bögen hat Carrington sogar bei einem direkten Nachfahren Hills in Auftrag gegeben. Das Cello erbte sie von ihrer Großmutter. Diese war eine erfolgreiche Cellistin und hätte sich wohl kaum träumen lassen, was ihre Enkelin später so alles mit ihrem Instrument anstellen würde. Und das ist sehens- und hörenswert: In „Turnadot“ entlockt sie ihm beispielsweise Klänge wie die eines indischen Saiteninstruments oder sie hält das Cello wie eine Gitarre und spielt es auch auf diese Weise.

Politische Akteure schleichen sich ins Bühnengeschehen ein

Worum geht es in „Turnadot“ und was hat die turbulente Geschichte mit Puccinis Oper „Turandot“ zu tun? Carrington und Brown mimen zwei Mitglieder der fiktiven „Royal Imperial Victorian Opera Company“. Ihnen ist es als Einzigen des Ensembles gelungen, das europäische Festland gerade noch so vor dem Brexit zu erreichen. Doch damit kommt eine gewaltige Aufgabe auf das Duo zu: Nur auf sich gestellt, müssen die beiden Puccinis Werk irgendwie zur Aufführung bringen. Doch die Figuren der Oper scheinen irgendwie vom Geist wichtiger politischer Akteure besessen. Wie sonst ließe es sich erklären, dass das Gekläffe von Turnadots Hund an einen ehemaligen englischen Minister erinnert? Kein Wunder also, dass nicht alles nach Plan geht, sondern einiges zum Amüsement des Publikums aus dem Ruder zu laufen beginnt. „Natürlich machen wir auch Witze über Vanessa May, Boris Johnson und David Cameron“, verspricht Carrington. Die treten jedoch nicht unter ihrem richtigen, sondern ähnlich lautenden Namen in Erscheinung. So steht „Tamina Hay“ beispielsweise für die Ex-Premierministerin.

Das Paar selbst hat gegen den Brexit gestimmt, „keine Frage“, aber auch rechtzeitig vorgesorgt: „Wir haben seit 2019 die deutsche Staatsbürgerschaft.“ Bei einem Radiointerview sei sie einmal gefragt worden, warum sie so ein schlechtes Thema für ihr Programm gewählt habe. Eine Freundin, die sonst gern zu ihren Vorstellungen kommt, habe bei der Brexit-Operette abgesagt. Begründung: Das Thema sei ihr zu traurig. Beides kann Rebecca Carrington nicht nachvollziehen. „Über ein schwieriges Thema zu lachen, kann wie eine gute Therapie wirken“, findet sie.

Rebecca Carrington erprobte ihre Comey in US-Clubs

Dabei war lange nicht absehbar, dass ihr beruflicher Werdegang in Richtung Comedy gehen würde. Denn sie brachte alle Voraussetzung für eine gradlinige Karriere als klassische Cellistin mit. Doch die Pfade neben den ausgetretenen Wegen schienen ihr mindestens genauso interessant. Sie spielte mit renommierten Orchestern wie dem London Symphony Orchestra, dem Royal Philharmonic Orchestra und dem BBC Symphony Orchestra. Dann wiederum wirkte sie bei Filmmusikaufnahmen von „Der Herr der Ringe“, „Harry Potter“ und „Hannibal“ mit, stand mit Größen wie Aretha Franklin, Paul McCartney, Randy Newman und David Byrne auf der Bühne.

Ihr komödiantisches Talent entdeckte sie eher durch Zufall, probierte sich auf Stand-up-Bühnen in den USA aus. In ihrer Familie gibt es viele musikalische Talente: Carringtons Vater Simon Carrington ist Dirigent, Bariton und Kontrabassist und zählt zu den Gründungsmitgliedern des international bekannten Vokalensemble The King’s Singers, ihr Bruder ist der Singer-Songwriter James Carrington.

Colin Brown war mit Robbie Williams auf Welttournee

Carringtons Mann Colin Brown hat sich einen Namen als Sänger (Bass) und Schauspieler gemacht. Er war mit Stars wie Robbie Williams, Tom Jones, Lisa Stansfield und Michael Ball auf Tour und sang in der A-cappella-Gruppe „The Magnets“. Als Schauspieler war er in bekannten Theaterproduktionen, Film und Fernsehen zu sehen. Die Vielseitigkeit der Künstler zeigt sich auch im sprachlichen Talent: Ihre Programme spielen sie auf Englisch, Deutsch und Französisch.

Carrington sagt: „Es war immer mein Ziel, vor klassischem Musikpublikum zu spielen.“ Wenn das Duo jetzt noch den Humor der Zuschauer in Reinbek trifft, kann nichts mehr schiefgehen.