Das Reinbeker Schloss zum „In-die-Tasche-Stecken“

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Susanne Tamm
Michael Zapfs Porträt des Innenhofes wäre so vor 1985 nicht möglich gewesen, weil die Arkaden zuvor zugebaut waren.

Michael Zapfs Porträt des Innenhofes wäre so vor 1985 nicht möglich gewesen, weil die Arkaden zuvor zugebaut waren.

Foto: Michael Zapf

Die Freunde des Schlosses Reinbek haben mit 20.000 Euro die neue Broschüre finanziert. Sie ist für 4 Euro erhältlich. Worum geht es?

Reinbek. Erstaunlich, dass sie nicht schon längst vorliegt: eine Broschüre, die Besuchern kurz und knapp, dabei lebendig und informativ geschrieben sowie reich bebildert, Reinbeks Renaissance-Schloss näher bringt. Genau diese Publikation aber haben jetzt die Freunde des Schlosses Reinbek mit 20.000 Euro finanziert. Fotograf Michael Zapf hat die wunderbaren Fotografien beigesteuert und Verleger Franz Rappel hat mit Prof. Wittko Francke aus dem Vereinsvorstand um die Texte gerungen.

„Gibt es nicht etwas, was wir vom Schloss mitnehmen können? Um den Besuch noch einmal Revue passieren zu lassen?“ – Das sind die Mitarbeiter des Schlosses schon oft von Besucher gefragt worden. Bis Freitag standen sie mit leeren Händen da. Doch Jetzt können sie ihnen für 4 Euro den schmalen Band mit 60 Seiten anbieten. Die Verfasser und der Fotograf nehmen die Besucher bei ihrem Rundgang quasi an die Hand. Zugrunde liegt dem Inhalt eine Beschreibung, die mehr als 310 Jahre alt ist.

Schloss Reinbek hat jetzt ein eigene Broschüre

Denn 1707 hat ein Amtsmann ein Inventar samt der Beschreibung der Räume angefertigt. Auf diesem basierte auch der Rückbau des denkmalgeschützten Renaissance-Bauwerks bis 1985. Vorher war das ursprüngliche Gebäude nicht mehr zu erkennen.

Das landesherrschaftliche Schloss, von 1572 bis 1578 von Herzog Adolf II. nach Geschmack der niederländischen Renaissance als Prestige-Objekt errichtet, hatte zuvor als forstwirtschaftliches Institut der Universität Hamburg, als Hotel sowie als Mädchenpensionat gedient. „Entsprechend waren die Räume in kleine Einheiten unterteilt und die Decken abgehängt“, berichtet Wittko Francke.

Im heutigen Restaurant lag die Kapelle

1972 kauften Kreis und Stadt den Bau für 300.000 D-Mark. In Abstimmung mit dem Landesdenkmalschutz wurde alles zurückgebaut: Die zugemauerten Arkaden des Schlosshofes wurden freigelegt, das im 19. Jahrhundert angefügte Treppenhaus abgerissen. Die Fassade wurde nach wenigen erhaltenen Fenstern im Nordosten im ersten Stock rekonstruiert und mit den grün-weißen Fensterläden nach niederländischem Vorbild ausgestattet.

Ursprünglich war das Erdgeschoss für die Bediensteten, das Obergeschoss für die fürstliche Repräsentation und das Wohnen vorgesehen. Im Hauptflügel im Osten regierte und wohnte der Amtsmann, die Seitenflügel beherbergten Küche und Gewölbe, im Süden die Burgstube fürs Gesinde, darüber Speise- und Trabantensaal. Im heutigen Restaurant lag die Kapelle, darüber ein Audienzsaal und noch ein „durchlauchtetes Schlafgemach“.

Bauherren entschieden sich für Erhalt der Fassade

„Doch das Schloss ist ausdrücklich kein Museum, sondern ein Kulturzentrum“, erklärt Helmut R. Busch, Vorsitzender der Schloss-Freunde. Viele Funktionen der Räume oder einzelne Objekte erklären sich den Besuchern nicht von selbst. Etwa, dass das Obergeschoss früher ganz anders erschlossen war als heute. Das Treppenhaus aber war ein Zugeständnis an die neue Funktion als öffentliches Gebäude, wie Wittko Francke erläutert.

Denn die nicht mehr erhaltenen Treppentürme waren für eine öffentliche Nutzung zu eng. Die Bauherren entschieden sich gegen ein vorgelagertes Treppenhaus und für die Erhaltung der Fassade. Stattdessen opferten sie die ursprüngliche Raumgliederung und das Prinzengemach für den Treppenaufgang mit Foyer. Als Erinnerung an die einstige Raum- und Geschossaufteilung gibt es dort heute nur noch eine balkonähnliche Empore. All dies ist jedoch erklärungsbedürftig.

Eines der wenigen denkmalgeschützten Gebäude ohne Broschüre

„Als wir uns überlegten, in wessen Hände wir unsere Publikation legen sollten, stießen wir auf Franz Rappel“, berichtet Helmut R. Busch. Der hat mit seinem Spezialverlag „Monumente und Menschen“ schon ähnliche Broschüren für denkmalgeschützte Bauwerke in ganz Deutschland und auch im Ausland aufgelegt.

„Das war unser Glück, weil er den Kontakt zu ,dem Zapf’ hatte“, erzählt der Vereinsvorsitzende. Und Franz Rappel nimmt den Faden auf: „Tatsächlich war das Schloss Reinbek eines der wenigen von 5000 denkmalgeschützten Gebäuden im Land, von dem es keine derartige Broschüre gab.“

Fotograf Michael Zapf widmet sic gern der Architektur

Als Wittko Francke ihm die vorgesehenen Fotos zeigte, schlug Rappel vor: „Vielleicht schauen wir uns mal die Fotos von Herrn Zapf an.“ Diese waren offenbar überzeugend. Michael Zapf, der als gebürtiger Bergedorfer tatsächlich einmal seine Laufbahn als Pressefotograf bei der Bergedorfer Zeitung begonnen hat, widmet sich besonders gern der Architektur.

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„Hamburgs Porträt in seiner Architektur ist quasi mein Lebensthema“, verrät er. Selbstverständlich habe er das Schloss Reinbek gekannt. „Doch jetzt habe ich so viel hinzugelernt und einen ganz anderen Blick darauf bekommen“, sagt er. „Gerade in diesen Zeiten, wo wir nicht mehr reisen können, können wir vieles vor unserer Haustür entdecken. Und dann ist es eben nicht Neuschwanstein, sondern das Schloss Reinbek.“

Fast wäre es nicht mehr soweit gekommen: 1816 bewahrte ausgerechnet der große Architekt des Klassizismus, Christian Frederik Hansen, das Schloss vor dem Abriss der Seitenflügel. Er hatte den architektonischen Wert erkannt und so den Renaissance-Schatz gerettet.

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