Umzug

Rowohlt-Verlag verlässt nach 60 Jahren Reinbek

Der Rowohlt-Verlag zieht um. Geschäftsführer Peter Kraus vom Cleff packt eigenhändig seine Bücher in Kisten.

Der Rowohlt-Verlag zieht um. Geschäftsführer Peter Kraus vom Cleff packt eigenhändig seine Bücher in Kisten.

Foto: Susanne Holz

In Reinbek geht eine Ära zu Ende. Nach 60 Jahren in der Stadt zieht der Verlag nun nach Hamburg.

Reinbek.  Mit Kartoffelsalat und Würstchen geht am Mittwoch nächster Woche im Rowohlt-Verlag eine Ära zu Ende. Nach genau 60 Jahren verabschiedet sich der Verlag aus Reinbek und zieht ins Bieberhaus an den Hamburger Hauptbahnhof. „Es ist eine rein unternehmerische Entscheidung, die sich in keinster Weise gegen Reinbek richtet“, sagt Geschäftsführer Peter Kraus vom Cleff. Seine 160 Mitarbeiter packen seit Wochen Kisten – allein der Bücherbestand aus dem Archiv füllt 2500 Kartons.

Zukunft in Hamburg aufbauen

Rowohlt möchte sich mit dem Sprung nach Hamburg als modernes, zukunftsgerichtetes Unternehmen präsentieren. „Wenn man gute Mitarbeiter bekommen und halten möchte, muss man ihnen auch etwas bieten“, sagt Geschäftsführer Kraus vom Cleff. Ein Firmenstandort in der Mitte einer Metropole gehöre auf jeden Fall dazu. Schon jetzt kommen 80 Prozent der Mitarbeiter aus Hamburg, einige pendeln sogar täglich aus Berlin nach Reinbek. „Viele sparen sich jetzt zumindest den Weg vom Hamburger Hauptbahnhof raus nach Reinbek“, so der Firmenchef. Mit dem Umzug gehört nun allerdings er selbst zu den Pendlern, fährt zukünftig mit Bus und Bahn in die Innenstadt.

Neuer Nachbar ist das Ohnsorg-Theater

Die Räume im Bieberhaus werden sich stark von jenen in Reinbek unterscheiden. Das alte, mittlerweile denkmalgeschützte Verlagsgebäude an der Hamburger Straße in Reinbek hatte der Hamburger Professor Fritz Trautwein 1959 errichtet. Seine Gebäude gehören mit zu den bedeutendsten Werken der Nachkriegsarchitektur in Deutschland. Wer sie in Zukunft mit Leben füllen wird, ist noch ungewiss. Das Bieberhaus in Hamburg ist mehr als 100 Jahre alt, ­beherbergt aktuell das Ohnsorg-Theater, war früher Café, Ausländerbehörde, Flüchtlingsunterkunft, sogar Kleiderkammer. Rowohlt hat sich dort nun auf zwei Etagen eine Firmenzentrale maßschneidern lassen.

In der Mittagspause um die Alster

Offene Bereiche mit Treffpunkten für das Team gehören ebenso dazu wie Duschräume – falls ein Mitarbeiter mittags um die Alster laufen und sich danach frisch machen möchte. „Ich hoffe auf ein offenes, luftiges, kommunikatives Miteinander“, sagt Kraus vom Cleff.

Auch wenn Rowohlt aus Reinbek wegzieht – der Verlag hat in der Stadtgeschichte Spuren hinterlassen. Legendär sind Besuche des berühmten Autors Henry Miller oder des Tschechischen Präsidenten Vaclav Havel, der mit schwarzer Limousine und Motorradeskorte vorfuhr.

Einen Umzugskarton baut Peter Kraus vom Cleff mittlerweile in weniger als einer Minute zusammen. Jeder Handgriff sitzt. Kein Wunder, bereitet sich der kaufmännische Geschäftsführer des Rowohlt-Verlages doch seit Wochen zusammen mit seinen Mitarbeitern auf den Umzug vor, der es in sich hat. Zu den 2500 Kartons mit Büchern aus dem Archiv kommen Tausende weitere, die in den Büros des Traditionsverlages schlummern. „Jedes Jahr bringen wir 400 neue Bücher heraus, da kommt in 60 Jahren einiges zusammen.“

Letzter Tag in Reinbek ist der 14. März

Am 14. März feiert er zusammen mit seinen Kollegen Abschied an der Hamburger Straße in Reinbek, anschließend haben sich schon zahlreiche Mitarbeiter verabredet, um noch ein letztes Mal miteinander S-Bahn zu fahren – Richtung Hamburg, die neue Heimat. „Es wird sozusagen ein Rowohlt-S-Bahn-Flashmob“, sagt der Geschäftsführer und lacht. Auch wenn er sich auf den Neuanfang im Bieberhaus am Hamburger Hauptbahnhof freut – „ich werde nächste Woche auch sentimentale Momente haben. 60 Jahre Reinbek, das ist einfach eine sehr lange Zeit, eine lange Tradition geht zu Ende“, gibt er zu.

Schätze auf dem Dachboden gefunden

Beim Aufräumen in den alten, denkmalgeschützten Räumen, wird nun der ein oder andere Schatz zutage gefördert. In einem verschlossenen Schrank auf dem Dachboden fand der Geschäftsführer beispielsweise alte Zeichnungen von 1959, auf denen genau verzeichnet ist, wer wo im Reinbeker Verlagsgebäude saß. Die Mitarbeiter ebenso wie Fritz J. Raddatz, stellvertretender Leiter des Rowohlt-Verlages (1960 bis 1969), oder Heinrich Maria Ledig-Rowohlt, der 1950 das Taschenbuch in Deutschland einführte. Zudem lagen alte Wechsel daneben, mit denen damals die Autoren anstelle von Bargeld bezahlt wurden. Beides zieht mit um.

Ebenso werden Designklassiker wie Artemide-Lampen und Stühle und Sessel von Thonet – alle noch Originale aus den Anfängen des Verlags – die Reise nach Hamburg antreten. Im neuen Verlagsgebäude wird es für sie Bereiche geben, in denen Stil und Geist von einst weiterleben. Architekten haben die Wände zudem passend mit der berühmten Bauhaus-Farbpalette von 1931 verschönert.

Wand mit Unterschriften wird rausgestemmt

Damit wichtige Erinnerungsstücke nicht verloren gehen, kommt sogar großes Werkzeug zum Einsatz. Das Stück Wand, auf dem sich zahlreiche namhafte Schriftsteller wie beispielsweise Henry Miller mit ihrer Unterschrift verewigt haben, wird aus dem Verlagsgebäude in Reinbek rausgestemmt und bekommt einen Ehrenplatz im Bieberhaus. Am 25. April wird dort und im Schauspielhaus mit geladenen Gästen groß Einweihung gefeiert.

Leseabende für neue Nachbarn

Damit es in Hamburg mit den neuen Nachbarn klappt, möchte Peter Kraus vom Cleff Shared-Reading für sie anbieten. Ausgebildete Literaturfreunde lesen in kleiner Runde gute Literatur vor, über die anschließend diskutiert wird. „Wir möchten Literatur in die Stadt bringen“, sagt der Geschäftsführer, der selbst pro Jahr bis zu 70 Bücher liest. Weil ihm selbst auch Sport am Herzen liegt - Aikido, Tennis, Laufen – hat er Duschen ins Verlagsgebäude bauen lassen. So steht einer sportlichen Mittagspause mit anschließender Erfrischung nichts im Weg. Die Rowohlt-Azubis haben sich schon schlau gemacht, wo man rund um den Hauptbahnhof gut essen, Sport machen oder Geld abheben kann. Es soll ein richtig guter Start für alle werden in Hamburg.