Bürgerpreis Bergedorf

Von wegen verstaubt

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Katja Hardter

Foto: Katja Hardter

Reinbek. Wie die Jungfrau zum Kinde sei sie zum Ehrenamt gekommen, erinnert sich Gisela Manzel. "Ich hatte von Geschichtlichem null Ahnung, aber wurde 1989 gleich zur Vorsitzenden unseres neuen Vereins gewählt. Alle anderen, die mitmachten, waren viel beschlagener als ich, was Reinbeker Stadtgeschichte anging, aber keiner wollte die Organisation machen."

Heute, nach fast 20 Jahren, ist die 69-Jährige immer noch verantwortlich für den Museumsverein Reinbek. In der vorigen Woche eröffnete unsere Bürgerpreis-Kandidatin gemeinsam mit ihrem Team die 16. Ausstellung "Das Leben der kleinen Leute - wenn das Geld nicht zum Leben reicht" im Museum Rade neben dem Schloss.

Pro Jahr melden sich an die 20 Schulklassen zum Besuch an, denn die Qualität des Engagements der Museumsaktiven hat sich herumgesprochen, ihre verschiedenen Themenausstellungen unterstützen den Unterricht der Grundschullehrer. "600 Schüler kommen jährlich nach Anmeldung zu uns, um Heimatgeschichte anhand spannender Aktionen zu begreifen, alte Dinge anzufassen, mit denen Alltag früher funktioniert hat. Verstaubte Pädagogik ist was anderes!", meint Gisela Manzel. Sie konzipiert Mitmach-Erlebnisse, die Kindern Spaß machen, deren Interesse weckt - Wissen, das sich deshalb leicht einprägt.

"Brücken schlagen" von früher zu heute, von der Großelterngeneration zu den jetzigen Kindern, ist ihr Ziel. So dürfen sich Schüler nach einer kindgerecht erzählten Einführungsgeschichte der "Museumsmoderatoren" verkleiden, backen, kochen, einkaufen oder sich mit Wäsche an einer Kaltmangel probieren. Für die ehrenamtlichen Freiwilligen bedeutet das über viele Wochen regelmäßige Anwesenheit an drei Tagen pro Woche von Januar bis Ostern. Die Ausstellungen sind aber auch für erwachsene Besucher von großem Interesse. Für Konzept, Organisation, Transport der Ausstellungsstücke, das Verfassen von Infotexten, Kleben von Rahmen und andere handwerkliche Vorbereitungen investiert Chefin Gisela Manzel ungezählte Vorbereitungsstunden. Dazu kommt noch die Terminvergabe an die Schulen, die Einteilung der Helfer und nicht zuletzt muss zu jeder Exposition noch ein Begleitheft getextet und gedruckt werden. "So bleibe ich dran an der Jugend, weiß wie die tickt".

Vier Jahre vor Gründung des Museumsvereins hatte sich die gelernte Bankkauffrau bereits in einem Arbeitskreis Stadtgeschichte der Volkshochschule engagiert, alte Fotos gesammelt, Besitzverhältnisse aus alten Erbbüchern recherchiert und sehr betagte Möbel und Haushaltsgeräte aus Beständen der Familie mitgebracht. "Meine Schwiegereltern sind nie ausgebombt worden und so sind all die materiellen Zeitzeugen erhalten geblieben. Da haben wir 1964 bei unserem Umzug nach Reinbek Einiges davon mitgenommen."

Der erste Schritt in die Öffentlichkeit war 1988 eine Ausstellung zur 750-Jahr-Feier der Stadt Reinbek im Schloss, bei der Werkzeug aus einer stillgelegten Schönningstedter Stellmacherwerkstatt gezeigt wurde, sowie eine Jubiläumszeitung. Danach hatten die meisten Akteure Feuer gefangen und wollten unbedingt weiter machen - beste Voraussetzung für die Vereinsgründung ein Jahr später. "Der damalige Bürgermeister Kock hat uns dabei sehr unterstützt", freut sich Gisela Manzel. Ein leer stehender Kellerraum in der Klosterbergenschule wurde zum Sitz und Lagerplatz des Museumsvereins umgestaltet und ist es bis heute geblieben.

Die Zusammenarbeit des Vereins mit Stadtarchiv und Kulturzentrum Reinbek läuft schon lange sehr erfolgreich. 106 Mitglieder hat der Museumsverein, davon 20 "Anpacker". "Erst im Laufe der Zeit habe ich gelernt, mit Menschen umzugehen, sie zu führen und Dinge zu koordinieren. Teamwork war nicht immer leicht für mich: Arbeit verteilen, andere Ideen akzeptieren, mich auf andere verlassen, ihnen Spielraum geben - das musste ich mir erst hart erarbeiten." Derzeit freut sich Gisela Manzel auf den 20. Geburtstag des Museumsvereins. Der wird am 29. Oktober gefeiert.

Das Museum Rade am Schloss Reinbek, Schlossstraße 4, zeigt die Sammlung des Schriftstellers und Völkerkundlers Rolf Italiaander. Zu sehen ist volkstümliche Kunst aus aller Welt. Hinzu kommen freie Ausstellungen, die Gisela Manzel und ihr Team organisieren. Das Museum ist mittwochs bis sonntags, 10 bis 17 Uhr, und auch an Feiertagen geöffnet. Der Eintritt kostet 1,50 Euro.

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