Glinde

Sönke Nissens rassistische Vergangenheit

Sönke Nissen senior erwarb 1912 das Gut Glinde samt Gutshaus

Sönke Nissen senior erwarb 1912 das Gut Glinde samt Gutshaus

Foto: Privat / BGZ

Arbeitsgruppe soll klären, ob die Sönke-Nissen-Schule in Glinde umbenannt werden soll. Diskussion hat Historiker Petersen befeuert.

Glinde. Erfolgreicher Geschäftsmann, honoriger Mäzen oder ein Rassist, der über Leichen ging? An der Person Sönke Nissens (senior) hat sich ein Streit entzündet. Auch und gerade in Glinde, wo der gebürtige Nordfriese beziehungsweise sein gleichnamiger Sohn Namensgeber der örtlichen Pfadfinder, einer Straße, einer Gemeinschaftsschule und vor allem der gemeinnützigen Stiftung ist, die heute ihren Sitz im Gutshaus hat.

Die aktuelle Diskussion hat der Historikers Marco Petersen befeuert. Er hat über das Wirken Sönke Nissens in Afrika zu Beginn des 20. Jahrhunderts geforscht. Und dabei dunkle Flecken zutage gefördert. So habe sich Nissen seinen beruflichen Aufstieg in Afrika und seinen Reichtum mit dem Tod von weit mehr als 1000 Einheimischen erkauft.

1870 im Dorf Klockries geboren, verschlug es Nissen nach Zimmermannslehre und Militärdienst nach Altona. Vom Sitz eines Berliner Unternehmens, das auf den Bau von Kleinbahnen spezialisiert war, gelangte er nach Tansania, damals Deutsch-Ostafrika. Dort zeichnete er von 1903 bis 1905 für den Bau der Usambarabahn mitverantwortlich.

Die vorzeitige Vollendung beförderte seinen Aufstieg. Nach Petersens Forschungen war Nissen bereits zum Oberingenieur befördert, als er 1906 mit dem Bau einer neuen Eisenbahntrasse in Namibia, früher „Deutsch-Südwest“, betraut wurde. Auch den Bau der Strecke von Lüderitzbucht (an der Atlantikküste) bis Keetmanshoop im Landesinnern kann er schneller als geplant abschließen.

Völkermord in „Deutsch-Südwest“ überschattet Lebenswerk

In den Jahren seit 1904 hat die deutsche Kolonialmacht in Namibia den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts begangen. Kaiserliche Kolonialtruppen trieben alle greifbaren Angehörigen des aufständischen Herero-Volkes in die Wüste, Männer wie Frauen, Kinder wie Greise. Das klar definierte Ziel war, sie dort verdursten zu lassen, die Herero zu vernichten. Kaum weniger brutal das Vorgehen gegen die Namaa, die sich danach erhoben. Bis zu 60.000 Herero und etwa 10.000 Namaa wurden bis 1911 getötet, viele verdursteten qualvoll. Anderen schlugen die deutschen Besatzer die Hände ab. Bis 1908 verloren beim Bau der Eisenbahnstrecke 1359 von 2014 eingesetzten Herero und Namaa ihr Leben, die „Kriegsgefangenen“ schufteten und starben unter unmenschlichen Umständen.

Den Großteil seines Vermögens hat Sönke Nissen einem Zufallsfund zu verdanken. Bei den Gleisarbeiten fand ein Arbeiter Diamanten, Nissen ließ sie abbauen. Auch die in seiner Diamantenmine eingesetzten Einheimischen litten hart unter der Zwangsarbeit.

Wie mit diesem Erbe umgehen? Diese Frage beschäftigt Kritiker wie Günter Seneberg vom politischen Klönschnack Glinde. Eine öffentliche Schule nach einem überzeugten Rassisten benannt, das darf seiner Überzeugung so nicht bleiben: Sönke Nissen war – als Mann seiner Zeit – ein konsequenter Nutznießer des Rassismus.

Kritische Auseinandersetzung mit dem Senior willkommen

Der Sohn und Erbe hat das Gutshaus, das der Vater in Glinde gekauft hatte, als Teil seiner Stiftung der

Stadt geschenkt. Das Thema wurde im Glinder Kulturausschuss behandelt. Das Gremium hat eine Arbeitsgruppe beschlossen. „Wir wollen sehr sachlich, auf akademischer Ebene diskutieren“, sagt der Vorsitzende Matthias Sacher (CDU). „Ich kann nicht beurteilen, ob Sönke Nissen nach damaligen Kriterien unehrenhaft gehandelt hat.“ Zudem müsse unterschieden werden: „Die Kritik richtet sich auf den Vater. Der Mäzen war der Sohn.“ Die Arbeitsgruppe soll offen sein für Politiker aller Fraktionen ebenso wie für Fachleute und engagierte Bürger.

Ulrike Kindervater, die Leiterin der Sönke-Nissen-Gemeinschaftsschule, hat ihre Teilnahme zugesagt. „Das ist selbstverständlich auch für uns ein wichtiges Thema.“ So sieht es auch Bürgermeister Rainhard Zug, der Vorsitzende der Sönke-Nissen-Park Stiftung: „Wir brauchen Sönke Nissen nicht vom Thron zu stoßen, wir haben ihn nie glorifiziert.“ Das gelte für den Vater, wie den Sohn. Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Senior sei willkommen. Das sei jedoch keine Diskussion für die städtischen Gremien, sondern eine gesellschaftliche Debatte.

Die Umbenennung einer Straße ändert nicht die Geschichte

Für die Mitglieder des Stammtisches Kritische Glinder Bürger ist die Sache klar, sagt Ursula Busch: „Viele Namen haben eine nicht wegzuweisende manifestierte Geschichte, die niemand aus der vergangenen Historie löschen kann. Durch die Umbenennung eines Gebäudes, einer Straße oder den Abriss eines Denkmals wird der Hintergrund nicht gelöscht. Die Geschichte bleibt! Und sie ist ein wichtiger Teil unseres heutigen Lebens.“ Niemand könne Art und Weise der Geldbeschaffung in der Vergangenheit gutheißen, aber jede Medaille habe zwei Seiten, so Ursula Busch: „Wäre Sönke Nissen nicht gewesen, und hätte er nicht einen großen Teil seines Vermögens in Glinde investiert, wäre Glinde heute nicht das, was es ist.“