Corona

Sie kochen „Quarantäne-Bolognese“ gegen die Krise

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Susanne Tamm
Volker Studier (links) und Tigram Baberz („Der Pastamacher) liefern 90 Oststeinbeker Familien während der Corona-Krise eine frische Bolognese nach Hause.

Volker Studier (links) und Tigram Baberz („Der Pastamacher) liefern 90 Oststeinbeker Familien während der Corona-Krise eine frische Bolognese nach Hause.

Foto: Susanne Tamm

Andrang auf Familienprojekt der Gleichstellungsbeauftragten, der Bürgerstiftung und des Weinkontors Retana.

Oststeinbek. Manchmal ist alles ein bisschen viel: Die Lütten, die nicht in die Kita dürfen, langweilen sich, die Großen haben Probleme mit den Aufgaben aus der Schule – und ausgerechnet dann ruft der Chef im Homeoffice an. Und mittags haben plötzlich alle Hunger. An solche Situationen hat Michelle Mittmann, Oststeinbeks Gleichstellungsbeauftragte, gedacht, als ihr die Idee für die Aktion Quarantäne-Bolognese kam. Denn noch ist die Kinderbetreuung – häufig samt Mittagessen – in Schleswig-Holstein nicht wieder angelaufen.

„Wenn den Familien nur einmal in der Woche eine warme Mahlzeit geliefert bekämen, wäre ihnen während der Corona-Krise schon geholfen“, sagt Michelle Mittmann. Gesagt, getan: In Absprache mit der Gemeinde hat sie die ansässigen Gastronomen um Angebote für etwa 100 Mahlzeiten in der Woche gebeten. Mit der Bürgerstiftung Oststeinbek fand sich sogar noch ein großzügiger Sponsor, der mit bis zu 10.000 Euro dabei ist.

Weinkontor bekam den Zuschlag

Den Zuschlag bekam das Weinkontor Retana an der Dorfstraße in Havighorst. Inhaber Volker Studier vermutet, dass dies nicht allein an seinen Preis liegt. „Wir kochen und liefern jetzt an drei Tagen in der Woche, jeden Tag eine frische Pasta Bolognese“, berichtet er. „Dafür machen wir das Hack selbst, damit wir den Fettgehalt selbst bestimmen können. Unsere Sauce enthält übrigens 50 Prozent Fleisch, der Rest sind frisches Gemüse und Kräuter. Auch die frischen Nudeln sind selbst gemacht von unserem Untermieter, dem ,Pastamacher’.“ Dahinter verbirgt sich Tigram Baberz.

90 Anmeldungen konnte er bereits verzeichnen. „Wir liefern mittwochs bis freitags zwischen 12 und 13 Uhr zur klassischen Mittagszeit“, berichtet der Gastronom. Am ersten Anmeldetag, blieb das Telefon noch still, doch seit Montag kommt Volker Studier vor lauter Telefonaten und E-Mails kaum noch zu etwas anderem.

Er ist selbst Vater von zwei Kindern. Deshalb weiß er, was den Kleinen schmeckt: „Meine Vierjährige findet Zwiebeln eklig. Aber eigentlich schmecken sie ihr. Deshalb pürieren wir die Zwiebeln einfach, weil viele Kinder sie nicht essen wollen.“

Große Erleichterung für Familien

Michelle Mittmann habe mit ihrer Aktion wohl einen Nerv getroffen. „Die Resonanz ist toll“, erzählt er glücklich. „Für die Familien ist es eine Super-Erleichterung. Die Bestellungen laufen für einen Erwachsenen mit Kind bis sieben Personen in einem Haushalt. Halbe Straßenzüge haben sich angemeldet.“ Offenbar habe sich die Aktion unter den Familien herumgesprochen. Die Information lief über die Kita-Leiter. „Wir beliefern jetzt 30 Havighorster Familien, die übrigen wohnen in Oststeinbek. Und eine Glinder Familie hat sich noch eingeschmuggelt, weil das Kind eine Oststeinbeker Kita besucht“, berichtet Studier. Die Portionen werden direkt vom Herd heiß in Alu-Schalen abgefüllt und in großen Styroporbehältern warm gehalten. Am Dienstag tüftelte er noch am Tourenplan. Für den Mittwoch mit den meisten Bestellungen hat der Gastronom jetzt sogar noch einen dritten Fahrer gefunden.

Volker Studier hilft die Aktion ebenfalls etwas durch die Krise. „Wir mussten so viele Konzerte und Veranstaltungen absagen“, erzählt er. Er bietet zwar dienstags bis sonntags einen Lieferservice für Pasta, Pizza und Brötchen an (www.weinkon tor-retana.info). Doch seinen Hauptumsatz habe er während seiner Veranstaltungen und mit seinen Getränken gemacht. Seine Einbußen schätzt er auf 12.000 Euro. „Ich freue mich, wenn mal ein Kunde eine Kiste Wein kauft“, erzählt er.

Positive Rückmeldungen

Michelle Mittmann freut sich indes über die positiven Rückmeldungen auf ihre „Quarantäne-Bolognese“. Sie erzählt: „Ich habe sogar schon Anfragen aus anderen Gemeinden, die die Aktion ebenfalls umsetzen möchten und sich nach meinen Erfahrungen erkundigen. Auch den Elternvertretungen gefällt die Idee.“

Renate Vorbeck, Vorsitzende der Bürgerstiftung, ist ebenfalls überzeugt von dem Projekt. „Es ist schön, dass wir in diesen schwierigen Zeiten helfen können, dieses Projekt für Familien zu realisieren“, stellt sie fest. Deshalb habe sich der Stiftungsvorstand entschlossen, die Aktion zu finanzieren. „Unsere Stiftung besteht dieses Jahr zehn Jahre“, berichtet Renate Vorbeck. „Wir haben in dieser Zeit Projekte mit insgesamt 40.000 Euro gefördert. Diese Aktion ist mit bis zu 10.000 Euro unser größtes Einzelprojekt.“ Aber die Familien hätten es mit Homeoffice und Heimunterricht nicht leicht, die Stimmung sei bei vielen nach dieser langen Zeit gereizt. „Mit diesem Projekt helfen wir den Richtigen“, sagt Vorbeck.

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