Glinde/Reinbek

Liste der Gläubiger wird immer länger

Schuldnerberatung legt Bilanz vor – Zahl der Schuldner gleichbleibend hoch

Glinde/Reinbek. . Briefe bleiben ungeöffnet, Zahlungsaufforderungen monatelang unbeantwortet, doch irgendwann ist der Druck zu groß. Spätestens dann, wenn eine Räumungsklage ins Haus steht, der Energieversorger den Strom abstellt oder ein Gläubiger eine Haft androht, suchen Betroffene Hilfe bei der Schuldner- und Insolvenzberatung im Gemeinschaftszentrum Sönke-Nissen-Park Stiftung im Gutshaus.

60 Menschen – darunter 24 Glinder, 18 Reinbeker und vier Oststeinbeker – haben im vergangenen Jahr den Druck nicht mehr ausgehalten und erstmalig Beratung erhalten. Damit ist die Zahl der Ratsuchenden gleichbleibend hoch. Das geht aus dem jetzt vorliegenden Jahresbericht für 2018 hervor. „Ich wünschte mir, dass die Menschen früher zu uns kommen und unser kostenloses Angebot nutzen, nicht erst, wenn die Liste der Gläubiger lang ist“, sagt Monique Hoenig, Leiterin der Beratungsstelle. Bei einigen umfasst die mittlerweile bis zu 100 Gläubiger. Dahinter verbirgt sich oft eine jahrzehntelange Schuldenbiografie.

Vor 20 Jahren noch, als die gelernte Bankkauffrau in der Beratungsstelle anfing, waren 40 Gläubiger die Ausnahme, heute sind sie Standard.

Umso zeitaufwendiger ist jetzt die Bearbeitung der Fälle. Oft begleiten Hoenig und ihre Kollegin die Ratsuchenden jahrelang, bis alle Forderungen erfüllt oder ein Insolvenzverfahren abgeschlossen ist. Derzeit werden 231 Personen längerfristig bei der Beratungsstelle geführt. Die meisten (35 Prozent) lebten allein, ein Viertel in einer Familie und 16 Prozent sind alleinerziehend.

Deutschlandweit sind 3,46 Millionen Haushalte überschuldet, hat jeder einzelne rund 30.000 Euro Schulden angehäuft. Männer (57 Prozent) ein wenig häufiger als Frauen.

Doch bevor sich die Schuldner Hilfe suchen und zum Telefonhörer greifen, müssen sie viel Scham überwinden. Wem das gelungen ist, der ist meist enttäuscht darüber, dass er nicht sofort einen Termin bekommt. „Wir bemühen uns, innerhalb von drei Wochen das erste intensive Beratungsgespräch zu führen“, sagt Hoenig. Das sind fünf Wochen früher als noch vor einem Jahr.

Das erste Gespräch dauert meist Stunden, danach sehen viele Ratsuchende wieder Licht am Ende des Tunnels. „Für jeden suchen wir nach einer individuellen Lösung“, sagt Hoenig. Und die kann ganz unterschiedlich aussehen. Fest steht: „Es gibt immer einen Weg“, sagt Hoenig.

Erkrankung ist Hauptauslöser für Verschuldung

Ob jemand in die Schuldenfalle gerät, hängt nicht vom Alter ab, alle Altersgruppen sind fast gleichermaßen vertreten. Einen entscheidenden Anteil aber hat der Verdienst: „Der Großteil der Ratsuchenden ist im Niedriglohnsektor beschäftigt und kann von seiner Arbeit kaum leben, geschweige denn eine Familie ernähren“, sagt Hoenig. 70 Prozent der Ratsuchenden hat monatlich weniger als 1500 Euro netto zur Verfügung. Verschärft wird die Situation durch immer höhere Mieten und Nebenkosten. „Viele müssen mittlerweile viel mehr als ein Drittel ihres Einkommens fürs Wohnen ausgegeben“, weiß Hoenig.

Hauptauslöser für eine Verschuldung (35 Prozent) ist eine Erkrankung. Doch auch eine Familiengründung, unwirtschaftliche Haushaltsführung, Trennung oder Tod des Partners und Arbeitslosigkeit sind Gründe. Viele werden laut Hoenig über die Geldsorgen krank, halten dem immer größeren Druck der Gläubiger psychisch nicht stand. Am häufigsten konnten die Schuldner offene Forderungen bei Gewerbetreibenden, bei Rundfunkanstalten, Ordnungsämtern und beim Jobcenter, bei Inkassounternehmen sowie bei ihrer Bank nicht begleichen.

Auffallend ist, dass Altersarmut ein immer größeres Problem wird. „Die wenigsten Rentner trauen sich, zu uns zu kommen, versuchen mit sehr wenig Geld auskommen.“ Diejenigen aber, die sich trauen (vier) und ihre Einnahmen offen legen, nennt Hoenig „Überlebenskünstler“. Bei Abzug aller monatlichen Forderungen wie Miete, Strom, Wasser und Telefon bleibt einigen nur 100 Euro im Monat zum Leben. „Rücklagen für die Betriebskostenabrechnung kann man da beim besten Willen nicht mehr bilden“, weiß Hoenig. Hilfen wie die Tafel wollen sie dennoch aus Scham nicht annehmen.