Glinde.

Täglich ein neues Kunstwerk

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Susanne Tamm

Handwerk Am Oher Weg werden zwei Reetdächer neu gedeckt

Glinde. Und bei Gewitter? Springen dann alle Dachdecker hinunter? Fred Rensner, Geschäftsführer der Werner Putfarcken Reetdach GmbH, grinst und sagt: „Nein, zuerst ziehen wir mal die Folie hinunter.“ Angst haben er und sein Team nicht. Auch gestern werkelten sie noch entspannt am Reetdach eines der 80 Jahre alten Häuser in der denkmalgeschützten Siedlung Oher Weg, bevor um 11.20 Uhr das Unwetter niederging. Nach der Mittagspause ging die Arbeit bis zum Feierabend um 16 Uhr weiter.

Für die 430 Quadratmeter brauchen sie etwa fünf Wochen. Viel Arbeit, die sich lohnt. Denn ein Reetdach ist sehr langlebig: Es soll bis zu 50 Jahre halten. „Wenn das Haus frei steht, das heißt, der Regen gleichmäßig darauf fällt, kann es auch noch länger überdauern“, erläutert Rensner.

Das liegt einerseits am ausgewählten Material, aber auch an der Handwerkskunst: „Wir nähen, andere schrauben auch“, erklärt der Chef knapp. Gearbeitet wird von rechts nach links, weil es den Rechtshändern so leichter von der Hand geht. Und die Männer arbeiten sich von unten nach oben zum First hinauf.

Schichtweise halten die Männer das Reet mit verzinktem Schachtdraht in der Horizontalen fest. Zuerst werden die ausgelegten Bunde aufgekniffen, dann gleichmäßig verteilt und mit dem Klopfer gefestigt. Denn die Dachstärke muss gehalten werden. Sie ist unten an der Traufe 35 Zentimeter stark, läuft nach oben auf 30 Zentimeter aus. Mit dem „Dahlstecker“ wird dabei das Reet fest nach unten, mit dem Vorstecker die anderen Bunde zur Seite gehalten.

Genäht wird mit nichtrostendem V2A-Draht und mit zwei Nadeln: Mit der gebogenen führt Rensner den Draht vertikal um die Latte, mit der geraden holt er ihn zwischen dem Reet hervor, um es der Latte zu befestigen. Dafür biegt er den Draht an einem Ende zu einer Öse, zieht durch sie das andere Ende hindurch.

Das Reet stammt aus Österreich: „Fehmarn und Sylt brauchen ihres selbst“, sagt Rensner. Die Bunde, die nach dem ersten Frost geerntet werden, sind 1,40 bis 2,30 Meter lang. Die „Blumen“ liegen oben, unten die „Stoppel“ – die Enden, die später sichtbar sind. Von dort tropft das Wasser herunter. Die Stoppel werden mit dem Klopfbrett an der Traufe in Form gebracht. Sie dürfen nicht zu lang herausragen. Sonst wird es nicht fest genug, und der Wind kann unter das Dach fahren und Halme herauslösen.

Nur oben am First wird die letzte Schicht kopfüber gedeckt. Der First selbst wird mit getrocknetem und gepresstem Heidekraut bedeckt. Es wird mit Weidestecken befestigt und mit Maschendraht bespannt. „Das machen wir, um die letzten Schachtdrähte zu schützen und für die Optik“, erläutert Rensner. Dies sei in der Region Hamburg und Schleswig-Holstein Tradition.

Auch die Reetdachdecker bekommen den Fachkräftemangel zu spüren. Die Ausbildung sei zwar dieselbe wie für alle anderen Dachdecker. „Doch für diese Arbeit sollte man sich entscheiden“, sagt Nico Born, Dachdeckermeister und Rensners Kompagnon. Denn die Arbeit unterscheide sich nicht nur dadurch, dass die Reetdecker ihr eigenes Gerüst aufbauen, weil sie an der Traufe mindestens zwei Meter Tiefe zum Arbeiten brauchen. Nico Born erklärt: „Man vollbringt jeden Tag ein kleines Kunstwerk.“ Kein Dach sei wie das andere. Die Auftragslage sei gut. Am Oher Weg hat das Unternehmen bisher vier Häuser gedeckt. 2018 sei das größte Gebäude der Siedlung dran. Ob die kleineren Nebengebäude der Siedlung ebenfalls neu mit Reet gedeckt werden sollten, stehe noch nicht fest.

Ein Reetdach kostet etwa 75 bis 85 Euro pro Quadratmeter. Hinzu kommen Kosten für das Gerüst, eventuell für die Lattung des Dachstuhls. In Glinde musste das Team nur die Gauben für eine perfekte Neigung ausgleichen: Damit das Reet lange hält.

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