Graffiti-Kunst

Sponsoren lassen Stromkästen gestalten

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Susanne Tamm

Foto: Susanne Tamm

Glinde. In Glinde sind bereits 13 Stromkästen mit privaten Geldmitteln von Künstlern farbenfroh gestaltet worden. Seit Juli 2012 gibt die Stadt die grauen Kästen zur Verschönerung frei. Immer häufiger beauftragen auch private Sponsoren die Gestaltung.

Immer wenn Dieter Teske auf dem Weg in die Marktpassage die Möllner Landstraße überquerte, sprangen sie ihm ins Auge: drei graue Verteilerkästen auf der anderen Straßenseite. „Ich dachte mir, daraus kann man doch etwas machen: Sie irgendwie verschönern und miteinander in Verbindung bringen“, sagt Teske.

Gestern war es soweit: Die Passanten blieben stehen und staunten. Denn Graffiti-Künstler Daniel Siedel besprühte die grauen Ungetüme mit einer romantischen Sonnenuntergangsszenerie: Gegen den orange-roten Himmel ist rechts die schwarze Silhouette eines Geigers zu sehen. Nach links ziehen sich fünf Stromleitungen durchs Bild, auf denen Schwalben sitzen. Sie setzen sich über alle drei Kästen fort. Auf dem linken Kasten leuchten schließlich noch zwei grüne, vierblättrige Kleeblätter.

Seit beginn der Aktion 13 Stromkästen besprüht

Mehrere hundert Euro hat Teske, Leiter der Musikschule und Organisator der Glinder Kulturwochen, dafür gespendet – und liegt damit voll im Trend. Denn seit Juli 2012 gibt die Stadt Strom- und Verteilerkästen zur Verschönerung frei. 13 sind bisher genehmigt und besprüht worden. Vier weitere sind in Arbeit.

„Das Schöne ist, dass mittlerweile viele Bürger privat auf diesen Zug aufspringen“, erzählt Anke Pohlmann, die die Anträge für die Stadtverwaltung bearbeitet und die Genehmigungen einholt. Dafür muss sie so manches Mal Detektivarbeit leisten: „Die Eigentümer der Kästen sind nicht immer leicht zu finden“, stellt sie fest. Beim E-Werk-Sachsenwald und auch bei der Telekom sei das Prozedere einfach. „Für die haben wir eine Pauschalgenehmigung.“ Der Landesbetrieb Straßenbau und Verkehr Schleswig-Holstein hänge die Hürde für seine Ampelschaltkästen viel höher: Pohlmann muss dort jeden Entwurf einreichen und einzeln genehmigen lassen. Bei Kästen der ehemaligen Deutschen Bundespost wird es noch komplizierter. Denn sie haben häufig den Eigentümer gewechselt, ohne dies zu kennzeichnen. Bei einigen dieser Schaltschränke wüsste niemand, ob sie überhaupt noch in Betrieb seien. Bedingung für die Genehmigung ist, dass die Motive frei von politischen Aussagen und von Werbung sind.

Immer mehr Privatpersonen sponsorn die Kunstaktion

„Eigentlich haben wir eher an Vereine, Verbände oder Gewerbetreibende als Stifter gedacht“, sagt Pohlmann. „Aber es sind zunehmend private Sponsoren, die einen Stromkasten vor ihrer Haustür verschönern lassen wollen.“ Ihr Chef, Bürgermeister Rainhard Zug findet die Idee großartig: „Ein Sponsor hat sich jahrelang über das graue Ding vor seiner Tür geärgert und sich schließlich zu seinem Geburtstag Spenden für ein neues Design des Kastens vor seinem Haus gewünscht.“ So freue sich die gesamte Nachbarschaft über sein Geschenk.

Eine Freude wollte auch Dieter Teske den Passanten an der Passage machen. Bei Bürgermeister Zug hatte er damit schon einmal Erfolg. Er gerät ins Schwärmen, wenn er über das neueste Glinder Stromkasten-Design spricht: „Das ist viel schöner und intelligenter als ein Logo.“ Denn auch wenn Teske bekennender Romantiker ist, hat er sich bei dem Sonnenuntergang noch mehr gedacht: „Die Stromleitungen symbolisieren die fünf Linien in einem Notenheft und die Schwalben die Noten – wie auf der Homepage der Musikschule. Die Kleeblätter stehen für unsere Kleeblatt-Chöre.“ Was Daniel Siedel gestern in etwa zehn Stunden auf den Kasten zauberte, brauchte etwa ein Jahr Vorbereitung. Neben der Vorarbeit der Verwaltung lieferte Teske dem Künstler die Ideen, die Siedel in drei Entwürfen skizzierte. Schon der zweite sagte Teske zu.

Daniel Siedel reinigte und grundierte die Kästen, dann sprühte er das Motiv mit Acryllack auf. Zum Abschluss versiegelt er seinen Kunstwerk. Je nach Größe kostet ein Design inklusive Material von 150 Euro an aufwärts.

Zehn- bis 15-Jährige können sich noch für einen Graffiti-Workshop bei Daniel Siedel anmelden. Im Rahmen der Kulturwoche zeigt er ihnen für acht Euro am 28. und 29. Mai, wie man Comic-Buchstaben und -Figuren sprüht. Anmeldung bis 8. Mai unter Telefon (040) 711 10 24.

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